Militärstärken im Vergleich – die Ukraine, Russland und die Bedeutung der USA
Ob Wladimir Putin im Februar 2022 wirklich an einen kurzen „Drei-Tage-Krieg“ geglaubt hat, ist nicht sicher belegt. Die These vom Blitzkrieg in der Ukraine verbreiteten damals jedenfalls zahllose russische Propagandisten. Aber nicht nur sie: Auch westliche Militärexperten zeichneten ein düsteres Bild. So hielt es der damalige US-Generalstabschef Mark Milley für möglich, dass Kiew „binnen 72 Stunden“ fallen könnte.
Inzwischen sind es mehr als drei Jahre, in denen sich die Ukraine gegen eine russische Übermacht behauptet. Wie hat sie das geschafft? Welche Rolle spielten die westlichen Hilfen? Und wäre Kiew auch in der Lage, den Kampf weiterzuführen, wenn Donald Trump erneut auf die Idee kommen sollte, die amerikanischen Militärhilfen zu streichen?
Soldaten – Masse ist nicht alles
Was die personellen Truppenstärken angeht, würde sich durch ein Ausscheiden der USA jedenfalls nichts ändern. Hier waren die Ukrainer von Anfang an auf sich alleine gestellt – und behaupteten sich trotz deutlicher Unterzahl. Generell wird angenommen, dass ein Angreifer eine Überlegenheit von mindestens Drei zu Eins braucht, eher mehr. Dieses Kriterium erfüllt Russland nicht annähernd: Selbst wenn man die paramilitärischen Truppen hinzurechnet, liegt das Verhältnis unter Zwei zu Eins.
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Zur vollständigen AnsichtDie Überlegenheit in der Masse spielt Russland zudem nicht gerade effizient aus. Offensiven bestanden oft schlicht darin, die ukrainischen Fronten mit einer menschlichen Überzahl zu überrennen, hohe Verluste wurden eingepreist. So sind in nunmehr drei Jahren Krieg wahrscheinlich bis zu 100.000 ukrainische Soldaten gefallen, auf russischer Seite aber mehr als doppelt so viele. So jedenfalls lauten die Schätzungen westlicher Geheimdienste. Verlässliche Zahlen gibt es nicht.
Russland mag auf Zermürbung setzen. Putin steht eine Reserve von schätzungsweise 1,5 Millionen Soldaten zur Verfügung, die Ukraine dagegen hat all ihre Truppen an der Front. Aber es zählen im Krieg eben nicht nur die nackten Zahlen. Moral ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Die Ukrainer verteidigen ihr Land, ihre Städte, Häuser und Familien. Wladimir Putins Soldaten werden in einem schlecht erklärten Krieg verheizt, den der Kreml-Herrscher als „Spezialoperation“ möglichst aus dem Bewusstsein der Russen heraushalten will.
Russland hat einen sehr hohen Preis in Personal und Equipment gezahlt, für sehr begrenzte Erfolge.
Grace Mappes, Militärexpertin beim Institute for the Study of War
„Russland hat einen sehr hohen Preis in Personal und Equipment gezahlt, für sehr begrenzte Erfolge“, schreibt die Militärexpertin Grace Mappes in einer Analyse für das Institute for the Study of War. Das sei auf mittlere Frist nicht durchzuhalten, außer „mit einer größeren Mobilisierung, die der russische Präsident Wladimir Putin bislang nicht anordnen wollte.“
Wie gefährlich Verluste für Putins Herrschaft werden können, zeigte sich mehr als einmal in diesem Krieg. Ende 2023 marschierten gar aufgebrachte und schwerbewaffnete Wagner-Söldner in Richtung Moskau, Putin floh zeitweilig aus der Hauptstadt. Auch deshalb greift er heute auf nordkoreanische Soldaten zurück.
Bei Panzern ist Europa wichtiger als Amerika
Wie in praktisch allen quantitativen Vergleichen hat Russland auch bei Panzern ein klares Übergewicht. Insbesondere Kampfpanzer gelten als entscheidend für den Übergang vom Stellungskrieg zum Bewegungskrieg. Der Ukraine aber fehlen für neue Offensiven wie im Frühjahr 2023 in Cherson und Charkiw sowohl die Truppen als auch das Material. Daran ändert auch der bislang letzte Überraschungserfolg im russischen Kursk nichts. Das Momentum liegt derzeit bei den Russen, die sich zäh aber stetig in der Ostukraine vorarbeiten.
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Zur vollständigen AnsichtWas die westlichen Lieferungen angeht, hat Europa in Sachen Panzern bislang deutlich mehr geschultert als die USA. Die meisten Kampfpanzer lieferte etwa Polen, laut Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI seit 2022 insgesamt 334. Der Großteil davon bestand allerdings aus alten sowjetischen T-72-Modellen, der Anteil an modernen Leopard-2 war mit vierzehn Panzern vergleichsweise gering. Von Deutschland kamen 135 Kampfpanzer, davon 32 moderne Leopard-2 und 103 ältere Leopard-1.
Auch bei der Lieferung von Artilleriewaffen wie Haubitzen und Mehrfachraketenwerfern lagen die europäischen Lieferungen bisher deutlich über denen aus den USA.
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Zur vollständigen AnsichtDie überschätzte Rolle der Kampfjets
Im Westen gab es eine lange Diskussion, ob man der Ukraine moderne Kampfjets liefern soll. Befürworter sahen sie als „Gamechanger“, die das Blatt zugunsten der Ukraine wenden würden. Doch auffälligerweise haben weder die Ukraine noch Russland bislang Kampfflugzeuge in großem Stil eingesetzt.
Das überrascht auch angesichts der zahlenmäßigen russischen Überlegenheit. Bei Kampfjets liegt sie bei mehr als dem Zwanzigfachen. Nach dem Reißbrett-Szenario eines modernen Krieges hätte man seitens der Russen eigentlich einen viel breiteren Einsatz erwartet. Als Lehrstück galt lange der Irak-Feldzug der USA im Jahr 2003: Die Luftwaffe bombardierte in der Fläche und sicherte der nachrückenden Infanterie den Weg, binnen weniger Wochen war der Krieg entschieden.
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Zur vollständigen AnsichtDoch offenbar fürchteten die Russen von Anfang an die Luftabwehr der Ukraine. Diese scheint ausreichend effektiv zu sein, um abschreckend zu wirken. Russland scheint nicht riskieren zu wollen, dass seine teuren Kampfjets von ukrainischen Flaks abgeschossen werden.
Wenn Russland die gesamte Luftwaffe in der Ukraine einsetzen würde, wäre nichts mehr übrig, sollte es zu irgendeinem Konflikt mit der Nato kommen.
Michael Clarke, britischer Verteidigungsexperte
Die Schonung der Luftwaffe könnte auch auf Ziele jenseits der Ukraine hinausweisen, glauben manche Experten. „Würden die Russen alles gegen die Ukraine ins Feld schicken, was sie haben, wären sie wahrscheinlich in einer besseren Position“, vermutete der britische Verteidigungsexperte Michael Clarke schon vergangenes Jahr. „Wenn Russland die gesamte Luftwaffe in der Ukraine einsetzen würde, wäre nichts mehr übrig, sollte es zu irgendeinem Konflikt mit der Nato kommen.“
Umgekehrt ist auch Kiew mit seinen wenigen Kampfjets sehr zurückhaltend. Stattdessen dominieren Raketen und vergleichsweise günstige Drohnen in diesem Krieg.
Einige europäische Staaten haben sich inzwischen zur Lieferung von modernen Kampfjets an Kiew bereit erklärt. So versprachen die Niederlande, Belgien, Dänemark und Norwegen, die Lieferung von F-16-Flugzeugen aus amerikanischer Produktion, ein Teil davon wird bereits von der Ukraine eingesetzt. Zudem sind Anfang 2025 erste moderne Mirage-Kampfjets aus Frankreich in der Ukraine eingetroffen. Die genaue Zahl ist unbekannt. In den SIPRI-Zahlen, deren Erhebung Ende 2024 endet, sind diese Lieferungen bisher nicht enthalten.
Direkte Lieferungen von Kampfjets aus den USA finden sich in den Daten von SIPRI ebenfalls nicht. Für die F-16-Transfers brauchte es allerdings die Freigabe aus Washington.
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Zur vollständigen AnsichtAuch bei der Luftabwehr haben die Europäer rein mengenmäßig mehr geliefert als die USA, darunter Deutschland mit elf IRIS-T-Lenkflugkörpersystemen und 42 Gepard-Panzern, die mit Flugabwehrkanonen bestückt sind. Doch die amerikanischen Patriot-Systeme sind für die Verteidigung ukrainischer Städte und der Energieinfrastruktur gegen russische Raketen schwer zu ersetzen. Die Lenkflugkörper für das System werden bislang nur in den USA produziert, ohne Nachschub sind die Startvorrichtungen nutzlos.
Geld gewinnt Kriege
Für die Frage der Ausdauer im Krieg spielen die finanziellen Ressourcen eine entscheidende Rolle. Während die ukrainische Wirtschaft samt kritischer Infrastrukturen unter Dauerbeschuss steht, hat Putin alle ökonomischen Anstrengungen aufs Militär fokussiert. Damit kann die kriegsversehrte ukrainische Volkswirtschaft nicht annähernd mithalten.
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Zur vollständigen AnsichtAndererseits ist alles andere als ausgemacht, dass die russische Wirtschaft ihren überhitzten Kriegsmodus lange durchhalten kann. Das Staatsdefizit hat sich in den ersten beiden Monaten dieses Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. Die massive Staatsnachfrage nach Rüstungsgütern feuert die Inflation an, im Februar lag sie bei fast 10 Prozent.
Weil die Zentralbank mit einem Leitzins von nunmehr 21 Prozent gegen die Teuerung anzukämpfen versucht, sind Kredite nur noch zu Wucherbedingungen zu haben. Das wiederum würgt Investitionen privater Unternehmen ab – und damit die Zukunft der russischen Wirtschaft.
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Zur vollständigen AnsichtAn diesem Punkt zeigt sich, wie entscheidend die westliche Hilfe für den weiteren Verlauf des Krieges sein wird. Längst ist der Konflikt zu einem Rüstungswettlauf zwischen West und Ost geworden, in den Europa spätestens nach den beängstigenden Kapriolen von US-Präsident Donald Trump voll eingestiegen ist.
Gerade in Geld gemessen zeigt sich die Bedeutung der USA. Sie leisteten in der Vergangenheit mehr als die Hälfte der Militärhilfen an die Ukraine. „Militärhilfen“ bedeutet hier den Wert der gelieferten Waffen und der an militärische Verwendungen gebundenen Zahlungen. Insofern ist Geld auch ein Indikator für die Qualität des gelieferten Materials, denn High-Tech-Waffen sind teuer.
Auch bei den rein finanziellen Hilfen trugen die USA seit Kriegsbeginn einen bedeutenden Anteil. Das zu ersetzen, würde für die Europäer weitere ökonomische Kraftanstrengungen bedeuten.