Das überfällige Ende einer Ära: Wie die Tories über die Jahre versagten
London. Um Politik ging es im britischen Wahlkampf kaum. Die oppositionelle Labour-Partei sagte nicht, wie genau sie die vielen Probleme des Landes lösen will. Und trotzdem kam ihr Chef Keir Starmer mit seiner Botschaft bei den Bürgern durch: Er versprach Change, Veränderung. Bei dieser Wahl geht es weniger um Labours Übernahme als um die Abstrafung jener 14 Jahre unter den konservativen Tories, um Sparmaßnahmen, die Skandale unter Ex-Premier Boris Johnson. Es fehlt an Wohnraum, die Löhne stagnieren, das Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps, das Vertrauen in die Politik ist erschüttert. Den Tories droht eine krachende Niederlage. Sie ist verdient.
In einem Akt der Verzweiflung wollte der konservative Premierminister Rishi Sunak das Ruder noch einmal herumreißen und rief bereits im Juli statt wie geplant im Herbst Wahlen aus. Doch auch dies geriet zum Desaster. Er kündigte die Wahlen im strömenden Regen an und sah so unglücklich aus, dass sich viele fragten: Will er vielleicht sogar verlieren?
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Zur vollständigen AnsichtWarum bleiben die Hauptverantwortlichen für diese Misere unbehelligt?
Weitere peinliche Vorfälle sorgten für einen Wahlkampf zwischen Slapstick und Tragödie. Es war schlimm und wurde fast täglich schlimmer. Beim Gedenken an den 80-jährigen Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie verließ Sunak die Feierlichkeiten früher, um ein Fernsehinterview zu geben. Es war ein Skandal, der britische Medien tagelang beschäftigte. Nun waren sogar die Senioren – die einzigen Wähler, die Sunak noch bleiben dürften – verärgert. Abgeordnete seiner eigenen Partei wandten sich gegen ihn.
Der Premierminister wurde zu Recht für diesen Patzer gescholten. Aber er lenkte von jener Diskussion ab, die die Briten hätten führen sollen. Es ist beschämend, dass während dieses Wahlkampfs die Hauptverantwortlichen für den Niedergang Großbritanniens unbehelligt blieben. Schließlich war es der konservative Ex-Premier David Cameron, der eine strikte Sparpolitik einführte und den Brexit quasi aus Versehen herbeiführte, indem er 2016 ein Referendum ausrief, um den rechten Parteiflügel ruhigzustellen. Er hat die Zukunft des Landes für den eigenen Machterhalt aufs Spiel gesetzt und katastrophal verloren. Rückblickend hätte die Tory-Herrschaft schon damals enden sollen.
Im Land der Schlaglöcher sind die Tories am Tiefpunkt
Bei den Parlamentswahlen in Großbritannien droht den Konservativen das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. In Umfragen liegen die Tories erstmals auf dem dritten Platz hinter Labour und den Rechtspopulisten. Doch auch Labour entfacht keine Begeisterung – ein Stimmungsbild.
Mit diesem Personal versagten die Tories im Laufe der Jahre
Doch auf Cameron folgte Theresa May, die trotz monatelanger Dramen keinen Brexitdeal durchs Parlament brachte, 2019 dann der Entertainer und Politclown Boris Johnson, der mit großer Mehrheit gewann, um den EU-Austritt durchzuboxen – egal wie. Die Menschen waren müde nach diesen Jahren des Streits. Johnson aber stürzte die Partei in die nächste Krise. Er schadete der Partei durch einen von Lügen, Halbwahrheiten und leeren Versprechungen geprägten Führungsstil nachhaltig.
Auf Johnson folgte Liz Truss, die nach nur 49 Tagen wieder aus der Downing Street Nummer 10 gejagt wurde, nachdem sie die britische Wirtschaft mit ihren Haushaltsplänen ins Chaos gestürzt hatte. Das Pfund fiel auf ein Rekordtief, die Zinsen für Hypotheken schossen in die Höhe.
Sunak wollte es besser machen, das Talent dafür hatte er nicht. Vielmehr waren alle fähigen Politiker längst aus der immer weiter nach rechts gerückten Partei geflüchtet oder wurden gefeuert. Einen Neuanfang hin zu einer seriösen Führung lieferte er einen Zickzackkurs, ließ sich wie schon viele seiner Vorgänger von den rechten Kräften in der Partei vor sich hertreiben. Statt inhaltlich etwas zu bewegen, kreiste die Partei erneut vor allem um sich selbst. Selbst eingefleischte Stammwähler wenden sich nun von den Tories ab. Sie haben das Vertrauen in die Partei und ihre Politiker verloren. Allen Umfragen zufolge wird die Labour-Partei die Wahl am Donnerstag gewinnen und damit Keir Starmer neuer Premierminister Großbritanniens. Nach 14 Jahren ist ein Wechsel dringend notwendig, ja, längst überfällig.