Der Lack ist ab
Das Timing ist bemerkenswert: Während Bundeskanzler Friedrich Merz sich darum bemüht, dass seine Koalition nach einem Jahr im Amt doch mal etwas Schwung verbreitet, stellt seine Vorvorgängerin Angela Merkel ihr Porträt für die Ahnengalerie des Kanzleramts vor.
Der eine ringt um Kompromisse mit der SPD in einem mit Erwartungen befrachteten Koalitionsausschuss – und darum, dass seine eigene Partei diese mittragen und nicht zuletzt die Wirtschaft endlich mal die Daumen hebt. Die andere, Merkel, hat das Regieren hinter sich und blickt ernst und ein wenig erschöpft von einer Leinwand, die irgendwann im Herbst ins Kanzleramt wandern wird.
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Zur vollständigen AnsichtSelbstbeherrschung oder große Pose
Der Termin mag Zufall sein, selbst bei einer Politikerin, die es so trefflich verstanden hat, Understatement und Inszenierung zu vereinen – schließlich kann so ein Gemälde fünf Jahre nach Ende einer Amtszeit auch mal fertig werden.
Aber es ist eine Erinnerung an einen augenfälligen Gegensatz: Merkel, der zu Anfang auch in ihrer Partei so wenig zugetraut wurde, machte Nüchternheit, Zurückgenommenheit und Selbstbeherrschung zu ihrem Markenzeichen. Es trug sie durch 16 Jahre Kanzlerschaft.
Merz, der Sehnsuchtsmann eines Teils der Union, beherrscht große Pose wie bedeutungsschwangeren Tonfall, muss aber aufpassen, dass er seine Kanzlerschaft nicht durch allzu saloppes Handling verspielt.
Ruf als Anti-Merkel
Ganz unschuldig an Merz‘ schwierigem Stand ist Merkel freilich nicht. Ein Teil der Probleme, die seine Regierung bewältigen muss, wurde in ihrer Amtszeit verschleppt oder verursacht – die fehlende Sanierung der Infrastruktur und die Folgen der Energieabhängigkeit von Russland ganz oben an.
Das allerdings reicht nicht als Entlastung für Merz, genauso wenig wie der Ruf als Anti-Merkel. Eines zumindest eint die beiden mittlerweile: Der Lack an ihrer beiden Ikonenhaftigkeit ist ab.