Bundesbank

Niedrigzinsen entlasten Euro-Staaten um fast eine Billion

+
Sparer ächzen unter den Niedrigzinsen. Foto: Oliver Berg

Für die Staaten im Euro-Raum erweist sich die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank als Segen. Und Banken greifen zunehmend zu einer kreativen Methode, um Strafzinsen fürs Parken von Geld zu entgehen.

Frankfurt/Main (dpa) - Die Euro-Staaten profitieren von der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) durch milliardenschwere Einsparungen bei den Zinsen.

Seit dem Jahr 2008 haben die Staaten nach Berechnungen der Bundesbank fast eine Billion Euro gespart. Für Deutschland bezifferte die Notenbank die Entlastung auf zusammengerechnet 240 Milliarden Euro, gemessen an dem durchschnittlichen Zinsniveau vor Ausbruch der Finanzkrise, wie aus dem Monatsbericht hervorgeht. Kreditinstitute und Sparer ächzen dagegen unter der Zinsflaute.

Besonders kräftig profitierte unter anderem Italien - die Bundesbank bezifferte die Ersparnis von 2008 bis 2016 auf zusammengerechnet etwa 10,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Ähnlich hoch seien die Entlastungen für die Niederlande, Österreich, Frankreich und Belgien. Deutschland verbucht mit etwa 7,5 Prozent des BIP etwas geringere Einsparungen.

Nach Einschätzung der Notenbank dürften die aktuell sehr günstigen Zinskonditionen die Staatsfinanzen zunächst noch weiter entlasten. "Ungeachtet dessen ist der Finanzpolitik anzuraten, Vorsorge für wieder steigende Zinsen zu treffen", mahnten die Experten. Die Bemühungen der Euro-Länder, ihre Haushalte zu konsolidieren, seien zuletzt weitgehend zum Erliegen gekommen. "Mit hohen Schuldenquoten bleiben die öffentlichen Finanzen aber anfällig", warnte die Notenbank.

Hohe Schuldenquoten wiesen demnach zuletzt unter anderem Italien mit 133 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, Portugal (130 Prozent) und Belgien (106 Prozent) auf. Spanien und Frankreich lagen knapp unter 100 Prozent. Deutschland überschritt mit gut 68 Prozent ebenfalls die im Maastrichter Vertrag festgelegte Marke von 60 Prozent.

Der Leitzins im Euroraum liegt seit geraumer Zeit auf dem Rekordtief von null Prozent, Banken müssen fürs Parken von Geld bei der EZB 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen. Zudem kauft die Notenbank noch bis mindestens Ende 2017 für monatlich 60 Milliarden Euro Staats- und Unternehmensanleihen. Mit der Geldschwemme will die Notenbank die Inflation und die Konjunktur ankurbeln.

Die Kehrseiten der ultralockeren Geldpolitik: Etliche Banken geben die Strafzinsen an Unternehmenskunden weiter - in Einzelfällen inzwischen auch an vermögende Privatkunden. Zudem bunkern Finanzhäuser nach Angaben von Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele zunehmend Bargeld. "Innerhalb der letzten zwei Jahre haben die deutschen Kreditinstitute zehn Milliarden Euro in ihren Tresoren zusätzlich gelagert, um Negativzinsen zu entgehen", sagte Thiele dem "Tagesspiegel" (Montag). "Ich erwarte, dass diese Entwicklung weitergehen wird." Der Kassenbestand der Institute ist einer Bundesbank-Statistik zufolge in den vergangenen Monaten gestiegen.

Die Aufbewahrung von Bargeld im Tresor ist allerdings nicht umsonst. Für die Lagerung im größeren Stil müssen im Zweifelsfall extra Räume gemietet werden. Hinzu kommen Kosten für den Transport des Geldes und für Versicherungsprämien.

Monatsberichte Bundesbank

Thiele Interview

Mehr zum Thema

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.


Es gelten die Datenschutzbestimmungen unserer Webseite.

Meistgelesen

BGH urteilt im August zu Schönheitsreparaturen

BGH urteilt im August zu Schönheitsreparaturen

Kein Platz für Menschenrechte: Aldi, Rewe und Co. schneiden bei Studie mit null Punkten ab

Kein Platz für Menschenrechte: Aldi, Rewe und Co. schneiden bei Studie mit null Punkten ab

Angebot bei Edeka sorgt für Aufregung - geht der Konzern mit diesem Tiefpreis zu weit?

Angebot bei Edeka sorgt für Aufregung - geht der Konzern mit diesem Tiefpreis zu weit?

Rückruf bei Kaufland: Produkt mit Bakterien verseucht

Rückruf bei Kaufland: Produkt mit Bakterien verseucht

Kunde freut sich auf Pizza „Grande“ und erlebt herbe Enttäuschung

Kunde freut sich auf Pizza „Grande“ und erlebt herbe Enttäuschung

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Das könnte Sie auch interessieren