Stahl ist nicht fürs Museum
Berlin. Wirtschaftsgipfel im Kanzleramt sind nicht für Entscheidungen da, sondern für Symbole. Das ist nach ungezählten Auto-, Industrie-, Chemie- und sonstigen Treffen verlässlich geklärt. Und das wissen auch alle, die vor dem Stahlgipfel ihre Forderungskataloge mit der Mahnung zu schneller Umsetzung hinterlegten.
Dabei herrschte vorab in vielen Punkten Einigkeit. Niedrigere Energiepreise und Schutzzölle gegen Dumpingkonkurrenz stehen ganz oben auf allen Wunschlisten. Doch so einfach ist beides nicht zu beschließen: Die Zölle sind EU-Sache und zum Teil schon auf dem Weg, die Ankündigung eines Industriestrompreises quittiert man in den Unternehmen nur noch müde. Selbst wenn er dann kommt, ist er als befristete Subvention eher weiße Salbe als Medizin.
So war die wichtigste Botschaft des Kanzlers wieder eine symbolische: „Existenzbedrohend“ sei die Lage der Branche, sagte Friedrich Merz. Entsprechend entschlossen werde er nun wohl für sie kämpfen, denken sich die Betroffenen.
Allerdings ist schon das Symbol in diesem Fall mehr wert als sonst. Denn ein Bekenntnis zur europäischen Stahlproduktion ist längst nicht mehr selbstverständlich. Die Industrie strahlt ökonomisches Vorgestern aus mit ihren riesigen Anlagen, archaischen Ofenfeuern, dem enormen Energiebedarf und ebensolchen Emissionen. Muss das sein, wenn die Zukunft eher von KI abzuhängen scheint?
Ist der Stahl noch zu retten?
Der Kanzler lädt zum Stahlgipfel. Die Industrie kämpft nicht einfach nur mit ihrer x-ten Krise. Sie droht sich an ihrer Transformation zu verheben. Dabei gibt es kaum einen größeren Hebel für Klimaschutz.
Es fehlt nicht an Stahlwerken
Wer das Gedankenexperiment einer Welt ohne Stahl wagt, kommt schnell zu dem Schluss: Ja, das muss wohl sein – auch, weil es sonst weder KI-Server noch das Rechenzentrum drumherum oder den Strom dafür gäbe. Damit stellt sich die nächste Frage: Sollte Stahlproduktion in Europa passieren, wo die Standortbedingungen wegen hoher Umweltauflagen und teurer Energie schlecht sind und die Krisen der Branche nicht mehr zu zählen?
Vor allem in der Wissenschaft sind manche der Meinung, dass man es einfach lassen sollte. Es fehlt der Welt nicht an Stahlwerken, ganz im Gegenteil. Man kann das Material kaufen, wo es billiger ist, damit die Rechenzentren bauen und sich auf das konzentrieren, was drinnen passiert. Wer europäisches Wohlstandsniveau halten will, braucht neue Wirtschaftsmodelle. Die Industrie ganz allgemein gehört für viele nicht mehr dazu.
Sie machen es sich zu einfach. Abgesehen davon, dass es wenig Sinn ergibt, tonnenschwere T-Träger um die halbe Welt zu schippern, sind auch die Standortvorteile vieler Lieferanten fragwürdig: Sie bestehen größtenteils in schlechteren Umwelt- und Klimastandards. Will Europa seine Industrie in Reinheit sterben lassen, um dann Stahl aus Dreckschleudern zu kaufen?
Technologisches Potenzial unterschätzt
Vor allem aber wird das technologische Potenzial der Industrie offenbar ignoriert. Bei „grünem“, also CO₂-arm hergestelltem Stahl hat Europa den Vorsprung, den es auf anderen Feldern so verzweifelt – und in der Regel verspätet – sucht. Völlig zurecht fördert der deutsche Staat die Transformation von Stahlwerken mit Milliardenbeträgen.
Zudem sind hier auf einen Schlag Klima- und Umwelteffekte zu erreichen wie auf kaum einem anderen Gebiet. So teuer der Umbau alter Hochofenstandorte auf neue Technologien auch ist: Beim Auto, zum Beispiel, ist bisher wahrscheinlich mehr für weniger ausgegeben worden.
Dass die Industrie in Deutschland ganz grundsätzlich bessere Rahmenbedingungen braucht, ist hinlänglich diskutiert. Doch darüber hinaus gibt es gute Gründe, Stahlwerke in Europa zu erhalten – jene, die auf CO₂-arme Produktion umstellen. Denn nur dann sind Hilfen eine Investition in die Zukunft und kein verlorener Zuschuss für das Industriemuseum.