Niedrigster Wert seit 70 Jahren

Deutschlands gute CO₂-Bilanz: Ist die Entwicklung nachhaltig?

Impression vom RWE-Kraftwerk Bergheim Niederaußem. Das Kohlekraftwerk zieht seine Schwaden in die kalte Winterluft.

Frankfurt am Main. Mit gleich mehreren Überraschungen konnte die Denkfabrik Agora Energiewende am Donnerstag aufwarten. So sind die deutschen Treibhausgasemissionen 2023 auf den niedrigsten Stand seit 70 Jahren gesunken. Sie schrumpften im Vergleich zu 2022 um 73 Millionen auf 673 Millionen Tonnen.

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Das hat vor allem zwei Ursachen: Das Verbrennen von Kohle zwecks Stromerzeugung ging auf den niedrigsten Stand seit den 1960er-Jahren zurück. Das allein reduzierte den hiesigen CO₂-Output um 44 Millionen Tonnen. Was einerseits mit einer deutlich geringeren Nachfrage nach elektrischer Energie zu tun hat. Hier spielt eine wichtige Rolle, dass viele Industriebetriebe – insbesondere aus energieintensiven Sparten – weniger produzierten und deshalb auch weniger Strom und Gas verbrauchten, was wiederum eng mit einer schwächelnden Konjunktur und den Folgen der Energiekrise verknüpft ist.

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Deutschland importierte 2023 mehr Strom

Andererseits hat es beim Stromhandel mit den Nachbarländern eine markante Veränderung gegeben. Deutschland war über viele Jahre Nettoexporteur: Es wurde mehr elektrische Energie ausgeführt als eingeführt. Das hat sich im vorigen Jahr gedreht. Den Agora-Berechnungen zufolge lag der Nettoimport bei insgesamt elf Terawattstunden, was dem Verbrauch von etwa 2,5 Millionen Haushalten entspricht. Das Bemerkenswerte daran ist, dass dieser Strom fast zur Hälfte aus erneuerbaren Quellen – vor allem Wind und Sonne – stammt. Dänemark und Norwegen sind die wichtigsten Lieferanten. Aber auch Frankreich spielt hier eine immer wichtigere Rolle.

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Hier zeige sich die Wirkung des Ausbaus der Erneuerbaren in Europa, erläuterte Simon Müller, Direktor von Agora Energiewende Deutschland. Wenn etwa ein Tiefdruckgebiet mit einer heftigen Brise von West nach Ost über den Kontinent zieht, dann wird französischer Windstrom für hiesige Versorger interessant, da er wegen des hohen Aufkommens billig ist und somit heimischen Kohlestrom verdrängt, was letztlich auch für Verbraucher von Vorteil ist. Allerdings stammt auch fast ein Viertel der Importe aus Kernkraftwerken, auch hier ist vor allem Frankreich mit von der Partie.

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Agora-Chef: Steigt das Wirtschaftswachstum, steigt auch der CO₂-Ausstoß wieder

Mit den 673 Millionen Tonnen CO₂ wird auch das aus dem Klimaschutzgesetz abgeleitete Jahresziel für 2023 deutlich unterschritten – was ebenfalls überraschend ist. Doch der Agora-Chef kippt Wasser in den Wein: Die Hälfte der Minderungen resultiere aus kurzfristigen Effekten. Also vor allem aus der geringeren industriellen Nachfrage wegen der lahmenden Konjunktur. Das bedeutet: Wenn es mit dem Wirtschaftswachstum wieder aufwärts geht, steigt auch der CO₂-Ausstoß merklich. Das sei weder klima- noch industriepolitisch nachhaltig.

Nur 15 Prozent der Reduktion der Klimakillergase könne langfristig wirkenden Entwicklungen zugeschrieben werden: Mehr Effizienz oder der Umstieg auf klimafreundliche Brennstoffe und dem Ausbau der Erneuerbaren sind damit gemeint. Bei Letzterem hat vor allem der Solarboom gewirkt: Eine Leistung von gut 14 Gigawatt kam hinzu, das entspricht in etwa zehn Atomkraftwerken. Auch bei der Windenergie hat sich was getan: Der Nettozubau beträgt 2,9 Gigawatt, was aber weit unter den Zielen der Bundesregierung liegt.

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Weitere Problemzonen der Energiewende sind die Sektoren Gebäude und Verkehr. Hier stagnierte der CO₂-Ausstoß abermals. Und die Aussichten auf eine Besserung sind überschaubar. Die Agora-Experten prognostizieren denn auch, dass dies schon in diesem Jahr zu einem Verfehlen der europäisch vereinbarten Klimaziele führen könnte. Deutschland müsste dann für viel Geld sogenannte Emissionsrechte von anderen EU-Staaten kaufen oder sogar schmerzhafte Strafzahlungen berappen.

Unterm Strich steht für Agora-Chef Müller fest, dass in diesem Jahr „die Einführung zusätzlicher Klimaschutzmaßnahmen“ zentral sein müsse. Zugleich sei durch das Karlsruher Haushaltsurteil deren Finanzierung erheblich schwieriger geworden. Müller betont gleichwohl: „Deutschland braucht eine Investitionsoffensive zum Erreichen der Klimaziele.“ Notwendig seien staatliche Mittel, etwa für klimaneutrale Heizungen und die Transformation der Industrie. Auch im Bereich der Strom-, Wärme- und Wasserstoffnetze stünden erhebliche Investitionen an.

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