TV-Kritik

Anne Will und ihre Gäste sind Teil des Problems

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Die Runde in der ARD: Nico Fried, Herfried Münkler, Dagmar Rosenfeld, Anne Will, Annegret Kramp-Karrenbauer und Maly Dreyer (v.l.n.r.)

„Halbzeit für die GroKo - viel erreicht, viel versäumt?“, fragt Anne Will – und tappt in dieselbe Falle wie die meisten deutschen Moderatoren.

Hier ist die Formel, nach der solche Polit-Talkshows üblicherweise ablaufen: Die Redaktion stellt ein aktuelles Problem vor. In der ersten Hälfte streiten die Gäste über Ursachen, Schuld und Strafe; und in der zweiten stellen alle Beteiligten ihre Lösung für die Misere vor. Die Moderation ist dafür zuständig, dass niemand zu früh konstruktiv wird oder zu lange destruktiv bleibt.

Auch bei Maybrit Illner wird diskutiert. Das Thema lautete „Meinungsfreiheit ist keine Einbahnstraße“, und die ideologische Blindheit rechter Wutbürger wurde schnell zum Thema.

In diesem Sinne ist Anne Wills Sendung auf ganzer Linie gescheitert. Die Redaktion stellte ein Problem vor. Es lautete in etwa: „Die große Koalition arbeitet fleißig und sinnvoll, aber kann ihre Erfolge nicht verkaufen.“

ARD-Talkshow: Anne Will grätscht ihren Gästen dazwischen

Woraufhin die beiden Parteivorsitzenden von CDU und SPD, Annegret Kramp-Karrenbauer und Malu Dreyer, genau das machen und leidenschaftliche Appelle für die Errungenschaften des Regierungsbündnisses halten – aber die Moderatorin und ihre Gäste aus den Medien grätschen die ganze Zeit dazwischen und wollen alles wieder madig machen. Dass die Medienlandschaft, und die Redaktion ganz speziell, vielleicht Teil des vorgestellten Problems sein könnte, das ist in der Standard-Formel solcher Sendungen nicht vorgesehen.

Und so bleibt eine wirre Sendung ohne echte Struktur, dafür mit einem dicken medialen blinden Fleck. Keiner der drei geladenen Medienvertreter, der Politikwissenschaftler und Autor Herfried Münkler, die "Welt"-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld und der „SZ“-Redaktionsleiter Nico Fried, scheinen sich bewusst, dass Ihnen selbst eine profunde Rolle bei der Darstellung der GroKo zukommt.

AKK und Malu Dreyer überzeugen bei Anne Will, doch das nutzt ihnen nichts

AKK und Malu Dreyer geben tatsächlich überzeugende Plädoyers für ihre Parteien ab – und von der anderen Seite kommt zur gleichen Zeit die Kritik, dass die GroKo keine überzeugenden Plädoyers abgibt. Als wäre die Reaktion der Bevölkerung auf die Politik eine gottgegebene Direktlinie, die nicht durch die ständigen Nörgeleien der Presse gefiltert würde. „Und wie wollen Sie die Bevölkerung mitreißen?“, fragen die Presseleute zwischenrein. „Und welchen Teil tragt ihr zur Politikverdrossenheit und zum grassierenden Zynismus bei?“, möchte man zurückfragen. 

Keiner der Kommentatoren hat die Erkenntnis, dass vielleicht die eigene Berichterstattung Teil der Meinungs-Schieflage zwischen der tatsächlichen Produktivität und den schlechten Umfragewerten der GroKo sein könnte.

Rente, Teilzeit, Innovationen: komplexe Themen bei Anne Will

Zugegeben, die Lage ist nicht immer simpel. Es gibt komplexe Regierungs-Details, die hier erstaunlicherweise zur Sprache kommen: Fried spricht die „Doppelverbeitragung“ von Betriebsrenten an, auf die der doppelte Krankenkassenbeitrag gezahlt werden muss; Dreyer erwähnt die Fortschritte in Sachen Brückenteilzeit; und AKK stellt das KfW-Programm hervor, das eine riesige Investition von 10 Milliarden Euro für Innovations in Wirtschaft und Forschung ausgelobt hat – alles nicht gerade die simpelsten Themen.

Und sicher, auch auf der Meinungsfront ist nicht alles so kohärent wie die beiden Damen Parteivorsitzende es hier vorleben. Während der gerade geschlossene Kompromiss zur Grundrente vom Kollegen Söder noch euphorisch gelobt wird, wetzen auf der CDU-Seite die üblichen Querschießer wie Zimiak, Röttgen und natürlich Merz schon wieder öffentlich die Messer, während bei der SPD die Basis gerade über Vorstandskandidaten nachdenkt, die nur in Maximalforderungen reden können. Und, ja, die Halbzeitbilanz-Pressekonferenz von Merkel und Scholz war nicht gerade ein Feuerwerk der guten Laune.

Illner-Talk: „Meinungsfreiheit ist keine Einbahnstraße“: Die ideologische Blindheit rechter Wutbürger

Anne Will und deutsche Talkshows: immer wieder in dieselbe Falle

Aber nichts von diesen nachvollziehbaren Einwänden kann von der Tatsache ablenken, dass Kommentatoren wie Münkler sich darüber beschweren, dass bei allen Errungenschaften der GroKo alle immer nur fragen: „Wer verliert und wer knickt ein?“ Und dass die ganze zweite Hälfte der Sendung nur darin besteht, die inneren Zerwürfnisse der beiden Parteien herauszuheben und darüber zu spekulieren, wer bei den kommenden Parteitagen gewinnen, wer verlieren und wer einknicken wird.

„Process stories“ nennt man das in den USA, wenn über die Hintergründe der politischen Entscheidungsfindung mehr berichtet wird als über die Qualität oder überhaupt die Auswirkungen der resultierenden Gesetzgebung. Die deutschen Polit-Talkshows tappen fast immer in diese Falle, und diese „Anne Will“-Sendung tut es ganz besonders: Wird der ewige Führungsstreit in der CDU – der zum falschen Zeitpunkt stattfindet, wie AKK völlig richtig feststellt – den kommenden Parteitag sprengen? Könnte der SPD-Parteitag dem Personal-Votum des Mitgliederentscheids widersprechen und so die SPD noch tiefer ins Chaos stürzen? Dies sind die zynischen und defätistischen Fragen, mit denen man eine halbe Stunde zubringt.

Hass - menschliches Gefühl oder Entmenschlichung?

Anne Will: Bei der Grundrente wird es spannend

Dabei hat ausgerechnet Malu Dreyer beim Thema Grundrente eine viel interessantere Richtung vorgegeben: „Wir haben vielen Menschen geholfen. Darum sind wir doch eigentlich alle in der Politik, oder?“ Aber anstatt über die Vor- und vielleicht Nachteile der soeben auf den Weg gebrachten Reformen zu sprechen, diskutieren die Pressevertreter lieber über die internen Grabenkämpfe der Volksparteien und wie eh alles den Bach runtergehen wird. Weil die Politiker es ja nicht schaffen, ihre durchaus beachtlichen Errungenschaften richtig zu verkaufen, sondern nur darüber streiten, wer verliert und wer einknickt.

Fried immerhin sieht einen Funken Hoffnung: „Wenn ich höre, mit welcher Begeisterung die beiden Damen das hier vortragen, dann könnte das ja doch was werden.“ Und wenn er und seine Kollegen von der Presse nun auch ein wenig mithelfen könnten, müssten sie sich vielleicht nicht ständig darüber beschweren, wie ungerecht schlecht die Umfragewerte der GroKo sind.

Von D.J. Frederiksson

Die Sendung zum Nachsehen in der ARD-Mediathek

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