Das runderneuerte Schalke: Im Atlético-Stil zum Erfolg?
Noch im Februar ging beim FC Schalke 04 die blanke Angst um. Der so stolze Revierklub mit den leidenschaftlichen Fans befand sich mitten im Abstiegskampf der 2. Bundesliga. Eine peinliche 0:3-Niederlage beim 1. FC Magdeburg, bei der die Mannschaft so ziemlich alles vermissen ließ, worauf es im Fußball ankommt, bildete den vorläufigen Tiefpunkt. Die 3. Liga – und damit der zweite Abstieg in Folge – kam immer näher. Letztendlich konnten sich die Schalker in der Schlussphase der Saison einigermaßen berappeln und belegten am Ende Platz zehn.
Trotzdem stand im Sommer alles auf dem Prüfstand. Zu schlecht waren die Leistungen über weite Strecken der Spielzeit, in der S04 satte 60 Gegentreffer hinnehmen musste. Zu viel Kredit hatte man bei den eigenen Anhängerinnen und Anhängern verspielt. Derart leidenschaftslose Auftritte wie in Magdeburg sollen in Zukunft um jeden Preis vermieden werden. Dafür haben die Verantwortlichen um Sportdirektor Marc Wilmots und Ben Manga, neuer Kaderplaner im Klub, einen großen Umbruch eingeleitet.
„Die letzten Ergebnisse waren natürlich nicht so gut. Aber das darf man nicht überbewerten.“
Ex-S04-Profi Olaf Thon
über die Sommer-Testspiele der Schalker
Assan Ouédraogo (RB Leipzig), Keke Topp (Werder Bremen) und Marius Müller (VfL Wolfsburg) wurden allesamt in die Bundesliga verkauft. Zudem haben auch Simon Terodde (Karriereende), Danny Latza, Thomas Ouwejan, Blendi Idrizi und Cédric Brunner (alle vereinslos) den Verein verlassen. Mit Moussa Sylla (Pau FC), Felipe Sánchez (Gimnasia), Adrian Gantenbein (FC Winterthur), Emil Højlund (FC Kopenhagen), Anton Donkor, Ron-Thorben Hoffmann (beide Eintracht Braunschweig), Peter Remmert (U19 des VfL Osnabrück), Janik Bachmann (Hansa Rostock), Martin Wasinski (Sporting Charleroi), Aris Bayindir (U19 von RB Leipzig), Amin Younes (vereinslos) und einigen Spielern aus der eigenen U19 wurden die Abgänge kompensiert.
„Ich glaube, durch diesen kompletten Umbruch im Sommer hat man Zeit gewonnen. Die Fans und Mitglieder werden jetzt geduldiger sein. Man wird nicht direkt nach der ersten Niederlage sagen: ‚Die müssen alle weg‘“, sagt Vereinslegende Olaf Thon, der heute als Klubrepräsentant aktiv ist, im Gespräch mit dem Sportbuzzer, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). Als Saisonziel haben die Verantwortlichen einen einstelligen Tabellenplatz ausgerufen. „Alles andere – nach dieser letzten Saison, in der wir mit einem Bein in der dritten Liga waren – wäre vermessen und Blödsinn“, meint Thon. Die Mannschaft mit ihren vielen neuen Spielern müsse sich erst einmal finden. Trotz der Erfolge der Vergangenheit könne man jetzt nicht vom Aufstieg sprechen. „Ich denke, es ist richtig, den Ball flachzuhalten und Leistung zu bringen“, erklärt der 58-Jährige.
Die offensiven Hoffnungen ruhen auf Karaman und Sylla
In den Testspielen der Vorbereitung ist den Schalkern das noch nicht wirklich gelungen. Null Tore erzielte das Team von Trainer Karel Geraerts in den vergangenen drei Partien gegen den FC Utrecht (0:2), den FC Twente (0:0) und Leeds United (0:2). „Die letzten Ergebnisse waren natürlich nicht so gut. Aber das darf man nicht überbewerten“, meint Thon. Am ersten Spieltag gegen Eintracht Braunschweig (Samstag, 20.30 Uhr, Sport1 und Sky) komme es drauf an, „da sollte ein Sieg her“.
Das runderneuerte Schalke will zukünftig offenbar auf Kompaktheit setzen. „Ich habe gehört, dass man wie Atlético Madrid spielen will – 1:0 gewinnen und kein Gegentor kassieren. Die alte Schule von Huub Stevens“, sagt Thon. Es sei von großer Bedeutung, „eine Philosophie zu entwickeln“. Im letzten Testspiel habe man dies bereits beobachten können, „es zeichnet sich eine Ordnung ab, die in der Deckung gut stehen will“. Im Tor wird allerdings nicht Neuzugang Ron-Thorben Hoffmann stehen, Trainer Karel Geraerts legte sich stattdessen überraschend auf Justin Heekeren als neue Nummer eins fest. In der Offensive sollen der neue Kapitän Kenan Karaman und Neuzugang Sylla, dem Thon in der kommenden Saison mindestens zehn Treffer zutraut, für besondere Momente und die nötigen Tore sorgen. Kurzum: Die Schalker wollen defensiv stabil stehen und nach vorne immer wieder Nadelstiche setzen.
Die Neuverpflichtungen würden diese Philosophie bestätigen. „Auffällig ist, dass viel Wert auf Robustheit, Größe, Schnelligkeit und auch auf die Jugend gelegt wird. Das sind gute Ansätze“, findet Thon. Am wichtigsten sei es aber, „dass diese Mannschaft über den Kampf kommt“. In der zweiten Liga brauche es vor allem „Kampfkraft“, um bestehen zu können. Zumindest in der Endphase der vergangenen Saison haben die Königsblauen dies unter Coach Geraerts phasenweise schon gezeigt. Daran soll jetzt von Beginn an angeknüpft werden.
Dass der belgische Coach bei S04 weiter an der Seitenlinie steht, begrüßt der ehemalige Nationalspieler. Man habe ihm „zum Glück das Vertrauen geschenkt. Man kann sich nur was aufbauen, wenn man auf der Cheftrainerposition auf Kontinuität setzt“. Die Schalker Wunschvorstellung: Geraerts soll gemeinsam mit Sportdirektor Wilmots und Kaderplaner Manga, zwischen denen Thon „eine gute Aufgabenverteilung“ erkennt, eine neue Ära prägen und den Verein mittelfristig wieder in die Bundesliga führen. Erste Aufschlüsse darüber, ob sich der Revierklub auf dem richtigen Weg befindet, wird das Spiel gegen Braunschweig liefern.