Sport und Integration

Integration im Handball: Geschlossene deutsche Gesellschaft

+
„100 Prozent kartoffeldeutsch“: In keiner untersuchten Sportart werden weniger Kinder mit Migrationshintergrund gezählt als im Handball.

Jung, weiß, deutsch: Kaum eine Sportart hat so wenige Spieler mit ausländischen Wurzeln wie der Handball. Was das über unser Zusammenleben sagt.

Bastian Winkler, 37 Jahre, ist ehrenamtlicher Vorstand eines Dorfhandballvereins, wie es ihn hundertfach in Deutschland gibt. Etwas mehr als 750.000 Mitglieder zählt der deutsche Handballbund, 160 davon trainieren in der Dreifachturnhalle des bayrischen Örtchens. Fast in jeder Jugendliga hat der Verein eine Jungenmannschaft gemeldet, bei den Mädchen spielen nur noch zwei Teams.

Fremdenhass ist dem energischen Abteilungsleiter Winkler völlig fremd. Im Gegenteil: Der ehemalige Kreisläufer verteidigt „seine“ Spielerinnen und Spieler gegen jede Diskriminierung. Doch das bleibt eine hypothetische Frage, denn es gibt gar keinen erkennbaren Migrationshintergrund bei Timm, Michael, Thomas, Jonas, Kevin, Justin und Winklers anderen Spielern. Zwar trainieren immer wieder Kinder mit außereuropäischen Wurzeln mit, aber nie haben die Beziehungen zum Verein bislang eine Saison gehalten.

„Das ist leider typisch“, sagt Carmen Borggrefe. Die Soziologin von der Universität Stuttgart hat mit ihrem Kollegen Klaus Cachay von der Universität Bielefeld in einer Studie die Mitgliedergewinnung im Handball untersucht. 23,4 Prozent weniger Mitglieder verzeichnet der Deutsche Handballbund (DHB) seit 2007, im Jugendbereich schrumpfte der Sport mit 26,4 Prozent sogar noch mehr. Wenn die Verantwortlichen nicht gegensteuern, ist der Spielbetrieb bald nicht mehr in allen Ligen möglich. Schon jetzt können manche Vereine nur noch mit Spielgemeinschaften funktionsfähige Mannschaften bilden.

Handball hat die wenigsten Kinder mit Migrationshintergrund

„100 Prozent kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft“, hatte der Berliner Philosoph Wolfram Eilenberger nach dem Gewinn der Europameisterschaft in seiner Kolumne für „Zeit Online“ dem Handball und seinen „deutschen Hünen“ unterstellt. Er erntete einen Sturm der Entrüstung, weil er darauf hinwies, dass die deutsche Nationalmannschaft keine Spieler mit ausländischem Bezug in ihren Reihen hat. Die Studie der Universitäten Stuttgart und Bielefeld gibt ihm nun recht: In keiner untersuchten Sportart werden weniger Kinder mit Migrationshintergrund gezählt.

Auch in Gebieten, in denen viele Jugendliche mit multikulturellen Wurzeln wohnen, finden diese nicht den Weg in einen Handballverein. Selbst kostenintensivere und sozial höher gelagerte Sportarten wie Reiten und Tennis weisen einen höheren Anteil an Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf.

Die kleine Handballabteilung von Bastian Winkler bemüht sich mit Aktionstagen an Grundschulen um neue Mitglieder. „Vereine sind ideal, um Menschen zusammenzubringen und Vorurteile abzubauen“, findet Winkler. Aber anders als beim Fußball melden sich bei ihm keine Sportler aus Familien mit türkischem Bezug an.

„Die Freundeskreise der Kinder sind häufig herkunftsspezifisch getrennt, wodurch Kinder mit Migrationshintergrund nur selten über Freunde den Weg in die Handballvereine finden“, konstatiert die Studie. Und die Kinder spielten heute vor allem dann Handball, wenn in der Familie schon jemand aktiv gewesen sei.

Handball: Inzest der Sportart

Der Inzest der Sportart führt zu immer weniger neuen Spielerinnen und Spielern. Durch die Möglichkeit der freien Wahl der weiterführenden Schule entschieden sich Eltern auch nach dem Anteil der Migrantenkinder, sagt die Soziologin Borggrefe. Deswegen gebe es immer weniger gemischte Klassenverbände und damit auch weniger Kontaktmöglichkeiten mit handballspielenden Mitschülerinnen und Mitschülern. Handball als Sportart ist nicht selbsterklärend. Die technischen Hürden sind hoch, man benötigt einen geeigneten Platz. Selbst die Sportlehrer müssen einiges an didaktischem Rüstzeug mitbringen, um die Kinder fit für die Mannschaftsportart zu machen. Auch hier ist Fußball der klare Gewinner: Ein Ball, zwei Stöcke als Tor, los geht es. Fußball eignet sich als integrierender Sport für heterogene Gruppen. Nicht umsonst lassen viele Sportlehrer gern zu Beginn – und manchmal anstelle – des Unterrichts die Schüler kicken.

Lesen Sie auf fr.de* auch unser Interview mit Tolga Durmaz, dem erste Jugendnationalspieler mit türkischen Wurzeln: „Das Gute am Sport ist, dass Nationalität keine Rolle spielt“

Der DHB hat auf die Misere aber genau falsch reagiert. Die Imagekampagne „Es lebe der Sport“ zielt darauf ab, ein Gefühl zu erzeugen, dass Handball besser als Fußball sei. „Bodychecks statt Millionenschecks“ oder „Wenn Fußball König ist, sind wir Demokratie“ lauten einige der Slogans der Kampagne. Damit werde die symbolische Grenzziehung vertieft, so Borggrefe. Wer Fußball liebe – und das ist der Ausgangspunkt nahezu aller Jugendlichen – nicht nur jener mit Migrationshintergrund –, sei beim Handball nicht willkommen, so die unterschwellige Botschaft. Und: Es wird ein Wirgefühl vertieft, das ausschließend wirke, rütteln die Wissenschaftler am Marketing.

Auf der Suche nach Spielern mit Wurzeln außerhalb Europas suchen wir im nächsten bayerischen Ort und werden fündig. „Aber Tofik hat doch keinen Migrationshintergrund“, verwehrt sich dort ein Mitspieler. Er spricht über einen 15-jährigen Modellathleten mit ungewöhnlichem Namen, der zwei Jugendmannschaften prägt. Tofik ist Auswahlspieler, seine Minis lieben ihn als Trainer. In seinen wenigen Spielpausen ist er auch noch als Schiedsrichter in den Hallen unterwegs. Ein Leben für den Handball und ein Geschenk für jeden Verein.

Tofik heißt eigentlich Tawfique und hat eine schwarze Hautfarbe, was auf dem Spielfeld niemand mehr wahrnimmt. Sport macht farbenblind und er ist das beste Beispiel dafür. Tawfique war integriert, bevor er zum Handball kam, das „Wir“ mit seinen Freunden war schon vorher um ihn herum, die sozialisierte Schnittmenge war bereits vorhanden. Ein Ausnahmefall, der die Regel belegt.

Exklusion im Handball zeigt, warum Integration in Deutschland oft nicht klappt

Die Geschichte der Exklusion von Migranten im Handball zeigt auch, warum Integration in Deutschland oftmals nicht klappt. Die Eltern am Spielfeldrand sind engagiert, viele stammen aus der Mittelschicht, die meisten sind weltoffen. Und dennoch bleibt die Handballblase geschlossen. Borggrefe nennt das die „Konstruktion von Zugehörigkeit“: Viele, die in einen Verein eintreten, noch dazu in eine Mannschaftssportart, lieben das starke Wirgefühl. Die Grenze nach außen ist aber immer da, der sportliche Wettkampf verstärkt die Gruppenmechanismen.

Im Handball zeigt sich prototypisch, wie sich eine Gemeinschaft der Bestehenden unbewusst und ungewollt gegen das unbekannte Andere abgrenzt. Da sich neue Mitglieder fast ausschließlich aus dem Familien- und Freundeskreis rekrutieren, wird die Wand der Blase immer dicker. Verstärkt wird der soziale Mauerbau in allen kleineren Sportarten durch das Bedürfnis, sich gegen den omnipräsenten und finanziell übermächtigen Sportbruder Fußball abzugrenzen. Handball sei härter und ehrlicher, ohne Firlefanz und Schwalben, so die stolze landläufige Meinung. Das grenzt sich in der Intention nicht gegen Migranten ab, im Ergebnis aber schon.

Unerreicht: Niemand hat in der Bundesliga mehr Tore geworfen als der Südkoreaner Yoon Kyung Shin (hier 2008).

Die Studie zeigt auch, welche Biografien jene Menschen haben, die mit multikulturellen Wurzeln zum Handball gefunden haben. Drei Typen unterscheiden die Soziologen. „Ich fühle mich Deutschland zugehörig. Das Herz auch“, erzählt ein Spieler mit türkischen Großeltern. Wenn die primäre Zugehörigkeit der Spieler, oft in der dritten Generation, zu Deutschland empfunden wird, ändert sich der Freundeskreis hin zu herkunftsdeutschen Kumpels – und wenn ein Handballer darunter ist, ist auch der Weg in den Verein nur natürlich.

Doch so einfach ist es nur selten. Viele Jugendliche empfinden multiple Zugehörigkeiten, wie die Spielerin mit türkischem Migrationshintergrund, die in der Studie zitiert wird: „Mein Freundeskreis besteht eigentlich nur aus deutschen Freunden. Aber ich muss auch sagen, dass ich mich zu meinen Wurzeln hingezogen fühle. Meine Kinder werden türkisch lernen.“

Inklusion ist Alltag im Fußball

Die Studie beleuchtet über den Handball die tiefe kulturelle Zerrissenheit, die so mancher Jugendliche in sich trägt. Einer Gruppe fehlt das Zugehörigkeitsgefühl auf beiden Seiten. „Ich rede zwar türkisch, aber wenn ich in die Türkei gehe, bin ich der Deutsche“, berichtet ein Spieler den Forschern. Ein anderer wird noch deutlicher: „Meine Eltern galten in Russland immer als die Deutschen, und hier gelten wir als die Aussiedler. Irgendwie bist du nicht da zu Hause und nicht da.“

Sportlerinnen und Sportler mit mehreren Heimaten reagieren besonders sensibel auf die heimlichen Botschaften, die so mancher Verein sendet, wenn er etwa auf der Vereinshomepage nur Spielszenen deutscher Spielerinnen mit blondem Pferdeschwanz zeigt.

Als der Krieg in Syrien 2015 Millionen Menschen aus ihrem Land vertrieb, musste der SC Eching von Bastian Winkler im Speckgürtel von München auf seine zweite Halle verzichten. Sie wurde wie so viele andere Hallen als Flüchtlingsunterkunft gebraucht. Sofort zeigte der kleine Verein, wie unkompliziert und automatisch Integration funktionieren kann. „Wir hatten damals eine Reihe von jungen Männern bei uns im Training und als Zuschauer bei den Spielen dabei, das war sehr schön für alle“, erinnert sich Winkler. Die Handballfamilien trugen Schuhe und Bälle zusammen. Die Freude währte aber nur kurz. Die Unterkunft wurde verlegt, die immer lachenden Jungs kamen schlagartig und ohne sich zu verabschieden nicht mehr ins Training.

Die Nichtaufnahme von Flüchtlingen in Vereine war wohl eine gezielte politische Maßnahme in Bayern. „Das Schlimmste ist ein Flüchtling, der als Ministrant und Fußballer integriert ist“, wurde damals Andreas Scheuer zitiert, da noch in seiner Funktion als CSU-Generalsekretär. Doch nur wenn die Politik Integration fördert, kann der Verein deren Wert auch umsetzen. Während sich im Fußball die Rechten an Nachbarn wie Jerome Boateng abarbeiten können, gibt es solche öffentlichen Idole und Vorbilder der Integration im Handball nicht. Der Deutsche Fußballbund hat konsequent reagiert und eine Imagekampagne zur Integration gestartet. Mit großem Erfolg – Inklusion ist Alltag im Fußball.

Auch der Deutsche Handballbund zeigt nun auf einem ersten Imagefoto immerhin auch ein Mädchen mit dunkler Hautfarbe. Ein Anfang. Doch wenn der DHB-Präsident kürzlich in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sagt, es sei der falsche Weg zu verbergen, dass Handball eine europäische oder gar deutsche Sportart sei, weil man sonst Migranten abschrecken würde, wird die Wertaussage wieder unklar. Sein doppeldeutiges Bekenntnis: „Natürlich sind wir offen, wir verbiegen uns aber nicht.“

Offenheit und Vielfalt passen zu einer Mannschaftssportart für die sich Menschen wie Bastian Winkler und Tawfique engagieren. Doch wenn eine Gemeinschaft nur von den Eltern an die Kinder und die unmittelbaren Freunde weitergeben wird, wird sie irgendwann erst schmelzen und dann nicht mehr konkurrenzfähig sein. Das ist auch im Handball so.

Zur Studie

Weltmeister werden mit Euch! Aber wie? Die Studie der Universitäten Stuttgart und Bielefeld untersucht die Unterrepräsentanz von Spielern mit Migrationshintergrund im Handball. 

Rund 2000 Jugendliche haben einen Fragebogen beantwortet, dazu wurden 111 Interviews mit Vertretern von Vereinen, Verbänden, Sportlehrern und Spielerinnen und Spielern mit und ohne Migrationshintergrund geführt. 

Deutschlandweit stellen die Wissenschaftler Carmen Borggrefe und Klaus Cachay in den kommenden Monaten die Ergebnisse ihrer Studie vor, um für das Thema zu sensibilisieren. (thk) 

So kann Integration in Vereinen gelingen

Die Wissenschaftler geben konkrete Handlungsempfehlungen für Handballvereine, um die Integration von Spielern mit Migrationshintergrund voranzubringen: 

Laut der Studie funktioniert eine Öffnung nur, wenn das Ziel deutlich ausgesprochen und zum Beispiel in einem Leitbild festgehalten wird. Ideal ist es, eine feste Zuständigkeit für Inklusion im Verein zu schaffen. Die oder der Beauftragte sensibilisiert für die Relevanz des Themas und hilft Trainern und Spielern über die ersten Hürden des oftmals anderen Verhaltens von Kindern mit Migrationshintergrund. 

Eigennutz darf sein – der bloße Verweis auf die Verantwortung für gesellschaftliche Integration reicht nicht. Statt „Gutmenschen“-Argumenten ist es viel erfolgversprechender beim Namen zu nennen, dass der Verein nur so seine Mitgliederzahlen halten kann und sportlich konkurrenzfähig bleibt. 

Die Außenwirkung des Vereins ist entscheidend. Oft werden Kinder mit Migrationshintergrund indirekt ausgeschlossen, indem auf der Homepage oder auf Flyern vor allem blonde Kinder zu sehen sind. Vielfalt und Offenheit müssen explizit betont werden, wenn sie als Werte erkennbar sein sollen. 

Kinder und ihre Familien mit Migrationshintergrund sollten direkt angesprochen werden. Erfolgversprechend sei es, gezielt Freundinnen, Freunde und Nachbarkinder mit zum Training zu bringen. Trainer und Übungsleiter sollten sensibilisiert sein, dass es sich in besonderem Maße lohnt, diese Kinder zu integrieren, auch wenn sie eine andere Erziehung genossen haben. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass diese Sportler nahezu automatisch weitere nachziehen. Inklusion wird ab einer bestimmten kritischen Masse zum Selbstläufer. 

Gemeinsame Veranstaltungen mit Migrantenorganisationen stellen Kontakte her und senken Hürden. Zudem können über längerfristige Kooperationen die Jugendlichen systematisch angesprochen werden, indem zum Beispiel Aushänge in muslimischen Vereinen akzeptiert werden. 

Handball soll wahrnehmbar sein in der Migrantenbevölkerung. Wenn die Inklusion gelingt, sollten Vorbilder auch in den Medien oder auf der Homepage gezeigt werden. Handball braucht internationale Idole. (thk)

Lesen Sie auch auf fr.de*

Integration im Sport: Eine Sportart macht Schule - Kim-Chi Wiesbaden erhält den mit 5000 Euro dotierten Schlappekicker-Preis.

Zahlen und Fakten zur Schlappekicker-Aktion anno 2019: Seit 1951 hilft die Schlappekicker-Aktion der Frankfurter Rundschau unverschuldet in Not geratenen Sportler/innen und unterstützt Sportvereine und -initiativen, die sich in besonderer Weise gesellschaftlichen engagieren.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare

Das könnte Sie auch interessieren