„Es ist uns nicht egal …“: Fußball-Fans wenden sich in offenem Brief an schwule Profis
„Es ist uns egal, wen Ihr liebt, mit wem Ihr eine Familie gründen wollt oder mit wem Ihr die Nächte verbringt. Es ist uns nicht egal, mit welchen Sorgen, Ängsten und Unsicherheiten Ihr leben müsst.“ Das ist die Kernbotschaft, die die Initiative Wir an Eurer Seite in einem offenen Brief an schwule Fußballprofis richtet. Acht bundesweite Fanorganisationen und fast 100 Fanclubs verschiedener Vereine von Oberliga bis Bundesliga unterzeichneten die Botschaft.
„Wir wollten als Fans zeigen, dass wir bereit sind“, sagt Sven Kistner, Sprecher des Fanclub-Dachverbands Queer Football Fanclubs (QFF), und weiter: „Aber uns ist bewusst, dass Spieler schon sportlich enorm unter Druck stehen. Wenn dazu die Sorgen und Ängste im Privatleben kommen, können wir uns vorstellen, was das mit einem Menschen macht.“ Das ist auch eine der Aussagen im offenen Brief: „Es ist uns nicht egal, wie viele Menschen unter innerer Isolation und psychischer Belastung zu leiden haben, weil in der Profi-Männerfußball-Blase immer noch das tabuisiert wird, was in anderen Lebensbereichen längst Normalität ist.“ Die Initiative prangert an, dass im professionellen Männerfußball immer noch ein Klima vorherrsche, das es nicht heterosexuellen Spielern schwer mache, offen zu leben.
In Deutschland gibt es bisher keine offen schwule Profifußballer
Hintergrund für den offenen Brief ist ein geplantes Gruppen-Coming-out von Profisportlern am Freitag, 17. Mai. Dazu hatte die Initiative Diversero von Marcus Urban aufgerufen. Urban spielte in der Jugend selbst für DDR-Auswahlmannschaften, aufgrund seiner Homosexualität gab er den Sport aber auf. Mit der Plattform „Sports Free“ will Urban nun ein Angebot und Umfeld schaffen, damit Profis sich zusammenschließen und gemeinsam outen können. So könnte der Druck von einzelnen Spielern genommen werden. Neun Vereine aus der Bundesliga und der 2. Bundesliga sowie der 3. Liga unterstützen das Projekt finanziell.
„Liebe Profifußballer, einige von Euch lieben Männer. Ihr wisst das, wir wissen das. Nur in die Öffentlichkeit treten, das wollte oder konnte bislang noch kein aktiver Spieler im deutschen Profifußball der Männer“, beginnt der Brief. Allein in den drei deutschen Profiligen werden rund 120 nicht heterosexuelle Fußballer vermutet, doch offen schwul lebt bisher keiner. Zuletzt war allerdings etwas Bewegung in die Sache gekommen, binnen zwei Jahren haben sich weltweit vier Profis geoutet, darunter auch der tschechische Nationalspieler Jakub Jankto.
Fans gegen Homofeindlichkeit: „Wir versprechen Euch: Wir werden weder jetzt noch dann schweigen“
Man wolle auf Fanseite keinen Druck erzeugen, gibt die Kampagne Wir an Eurer Seite an. Doch man wolle sich positionieren und zeigen, dass die Kurven hinter den Profis stehen. „Um diese Normalität endlich auch im gesamten Fußball Realität werden zu lassen, braucht es Mut – und Zeit. Ihr allein entscheidet über das Wann und Wo Eurer Coming-outs. Aber wenn es so weit ist, sind wir da. Wir werden Euren Mut anerkennen und Euch unterstützen“, heißt es weiter.
Mit der Aktion will man sich solidarisch zeigen. „Wir forcieren mit diesem offenen Brief ausdrücklich kein Coming-out. Das wäre anmaßend und stimmt nicht mit unserem Anliegen überein“, heißt es in einer Pressemitteilung. Stattdessen wolle man sich auf den Rängen und auch auf dem Platz für einen Fußball für alle einsetzen. Zwar könne man nicht versprechen, dass homophobe Äußerungen aus den Stadien verschwinden, „aber wir versprechen Euch: Wir werden weder jetzt noch dann schweigen. Denn uns alle eint ein starkes Band: die Liebe zum Fußball.“