Deutsche Bilanz

Kraftakt nötig: Der einstige Trendsetter Deutschland hinkt im Frauenfußball hinterher

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Das Aus kam im Viertelfinale: Sara Doorsoun, Lina Magull, Dzsenifer Marozsan und Alexandra Popp (von links nach rechts).

Verband und Vereine sind in Deutschland gefordert, sich von der weltweiten Entwicklung im Frauenfußball nicht abhängen zu lassen.

Nun ist es nicht so, dass der deutsche Frauenfußball am Wochenende bei den Finalspielen der WM in Frankreich völlig außen vor war. Am Samstag in Nizza beim kleinen Finale zwischen Schweden und England (2:1) saßen Tina Theune und Maren Meinert, am Sonntag in Lyon beim großen Finale zwischen den USA und Niederlande werden Silvia Neid, Ulrike Ballweg, Saskia Bartusiak und Silke Rottenberg auf der Tribüne sitzen. Ein halbes Dutzend Persönlichkeiten aus erfolgreicheren Zeiten der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Darunter jene zwei Bundestrainerinnen, die 2003 und 2007 eine WM gewannen. 

Neid als Leiterin der Scouting-Abteilung Frauen- und Mädchenfußball hat bei der WM 2019 eine „faszinierende Entwicklung“ beobachtet. Schnelleres Spiel, bessere Laufleistung, höhere Ballsicherheit. Ihre ehemalige Nationalspielerin Nadine Keßler als Mitglied der Technischen Studiengruppe macht die „gestiegene Qualität“ daran fest, dass die Spielerinnen heute kompletter als zu ihrer aktiven Zeit waren. Die 31-Jährige glaubt, dass der einstige Trendsetter Deutschland noch Zeit brauche, um wieder eine Führungsrolle einzunehmen.

Kim Kulig sieht dringenden Handlungsbedarf

Kim Kulig legte den Finger tiefer in die offene Wunde. Die Trainerin des Zweitligateams und Nachwuchskoordinatorin des 1.FFC Frankfurt sieht durch das Viertelfinalaus dringenden Handlungsbedarf. „Wenn das kein Hinweis ist, dann weiß ich auch nicht. Wir haben festgestellt, dass viele Nationen besser waren. Da müssen wir jetzt richtig hart arbeiten“, sagt die 29-Jährige als ZDF-Expertin. Das Ausland mache es gerade vor: „Wir müssen investieren, nur dann kann irgendwann auch Gewinn rausspringen.“

Ihre Aussagen unterstützt der ebenfalls zu den Finalspielen gereiste Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt, der 2020 nach einem Zusammenschluss mit Eintracht Frankfurt zum Generalbevollmächtigten Frauenfußball aufsteigen soll. Sein Verein eröffnet am 16. August mit dem Klassiker gegen Turbine Potsdam die 30. Saison der Frauen-Bundesliga. Dietrich hat bei der WM viele „neue Typen und coole Mädels auch auf deutscher Seite gesehen, denen die Zukunft gehören wird“. Ziel müsse sein, sagt der 62-Jährige, die frischen Gesichter möglichst auch in Deutschland zu halten und Spielerinnen mit Strahlkraft aus dem Ausland zu verpflichten.

Derzeit passiert eher das Gegenteil. Die Niederländerin Jackie Groenen wechselt vom 1. FFC Frankfurt zu Manchester United. Selbst der VfL Wolfsburg und erst recht der FC Bayern gehen im Buhlen um die besten Fußballerinnen oft schon leer aus. Dietrich erwartet, dass die deutschen Lizenzvereine die Zeichen der Zeit erkennen: „Der Frauenfußball darf nicht mehr das dritte Rad am Wagen sein. Es muss das zweite Topprodukt neben dem Männerfußball sein.“ In England ist das längst die Devise: Die mit Verbands- und Sponsorengelder aufgepumpte Women’s Super League ist auf dem besten Wege, sportlich und wirtschaftlich die Führungsrolle einzunehmen. Mit dem Rückenwind als Ausrichter der Frauen-EM 2021.

Am Montag treffen sich die Manager der Frauen-Bundesliga

Am Montag und Dienstag bei der Managertagung der Frauen-Bundesliga in Frankfurt „wollen die Vereine gemeinsame Maßnahmen zur Zukunftsgestaltung besprechen“, wie Liga-Sprecher Dietrich erläutert. Ralf Zwanziger (TSG Hoffenheim) und Ralf Kellermann (VfL Wolfsburg) gelten in der Kommission Frauen-Bundesligen als kritische Geister, die die WM-Auftritte der deutschen Nationalmannschaft nicht so positiv bewertet haben wie die DFB-Funktionäre. 

Die Kompetenz der Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg zweifelt niemand an, aber eine gründliche Aufarbeitung ist ratsam, weil es zu erheblichen Spannungen im Trainerteam unter den charakterlich so unterschiedlichen Assistenten Patrick Grolimund, Thomas Nörenberg und Britta Carlson gekommen sein soll. Noch wichtiger wird es, das Mentalitätsproblem der Mannschaft anzupacken, die mit Rückschlägen, sprich Gegentoren, nicht fertig wird.

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Der Sportliche Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, unterstützt die sportliche Analyse. Geboten scheint eine Gesamtstrategie, um auch die Vermarktung fürs Nationalteam zu optimieren. Während der englische Verband (FA) bereits 20.000 Karten für das Freundschaftsspiel gegen Deutschland am 9. November in Wembley verkauft hat, sind Tickets für das erste EM-Qualifikationsspiel der DFB-Frauen gegen Montenegro am 31. August in Kassel noch gar nicht erhältlich. Und ob mit der Anstoßzeit um 12.30 Uhr wirklich ein Familienfest inszeniert werden kann, erscheint fragwürdig.

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Nachholbedarf gibt es auch bei der PR-Arbeit. US-Superstar Alex Morgan kommt zu einer Pressekonferenz lieber zwei Minuten zu früh als eine Viertelstunde zu spät. Gegenspielerinnen werden beim Namen genannt und nicht anhand von Rückennummern identifiziert. Deutsche Nationalspielerinnen überbieten sich gerne darin, in den sozialen Netzwerken konfliktfreies Bildmaterial auszustellen. Ein Instagram-Post weniger, dafür eine Passübung mehr wäre ratsam. In der von der Fifa vorgestellten Highlight-Zusammenfassung der WM 2019 kamen deutsche Spielszenen so gut wie gar nicht vor. Als Stina Blackstenius das schwedische Siegtor schoss, stellte der Sprecher fest: „Germany is out!“ 

Von Frank Hellmann

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