Kleeblatt

Zeitreise zur Bundespost mit Schießstand und Bunker

Passenderweise vor einem alten Post-Fahrzeug posierte die Besuchergruppe für das Foto. Foto: Anna Schwarz
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Passenderweise vor einem alten Post-Fahrzeug posierte die Besuchergruppe für das Foto. 

Seit Jahren steht die ehemalige Post am Kleeblatt leer – jetzt nutzten ehemalige Mitarbeiter noch einmal die Gelegenheit für einen Rundgang.

Von Manuel Praest

Wuppertal. Die Dimensionen sind einfach gewaltig. Ob es um die blaue Front von Hochregalen geht, wo früher Pakete gestapelt wurden; die endlosen Gänge mit den vielen Büros oder die Hallen, wo zur Hochzeit bis zu 300 000 Briefe täglich sortiert wurden und die so groß sind, dass man sogar eine Drohne dort problemlos fliegen lassen kann: Einst arbeiteten am Kleeblatt 1700 Menschen. Das Postamt 1 Wuppertal, wie es beim ehemaligen Staatskonzern hieß, war ein riesiger Umschlagplatz für Briefe, Pakete und sonstige Postsendungen.

Doch das ist Vergangenheit. Heute dürfte der Gebäudekomplex mit die größte leerstehende Immobilie in Wuppertal sein. 43 000 Quadratmeter auf sechs Etagen stehen potenziellen Mietern zur Verfügung. So jedenfalls wirbt die Clees-Gruppe für den Bau unweit des Hauptbahnhofes. Gastronomie, Fitness- und Freizeitangebote könnte sich der Eigentümer vorstellen. Eine Mischnutzung, wie es heißt.

Doch bevor es soweit ist, nutzte der Verein zur Erhaltung historischen Postgutes noch einmal die Gelegenheit, sich umzuschauen. Für einige der Besucher war es ein Wiedersehen - arbeiteten sie doch zum Teil jahrelang in dem Bau. Auch Andre Heße, Vorsitzender des Vereins, kennt die Post noch von früher. Zum letzten Mal war er 1998 drin. „Und einiges hat sich ja doch verändert“, sagt er lachend.

Vom einstigen Innenleben ist jedenfalls nicht mehr viel übrig geblieben. Bis auf kleine Reste sind zum Beispiel die Möbel verschwunden. Eine alte Leiter darf ein Vereinsmitglied direkt noch einsacken. „Das steht sogar noch ,Post’ drauf.“ Doch Heße & Co. haben noch gut im Gedächtnis, wo was stand. „Hier war zum Beispiel das BTX-Terminal“, erzählt ein Kollege – praktisch ein Vorläufer des Internets.

Manchmal wird diskutiert. Wer hatte wo noch mal sein Büro? Wo war welche Abteilung untergebracht? Dass teilweise an den Türen noch Schilder hängen, hilft nur bedingt. Zu oft habe sich im Laufe der Jahre auch etwas verändert.

Der Teppich des Amtsvorstehers liegt noch immer

110 Millionen DM investierte die Deutsche Post in den 1970er Jahren in den Bau, der auch Verwaltungsstelle war - um schon Anfang der 1990er Jahre die ersten Abteilungen wieder zu verlegen, erzählt Heße. Ein paar Ex-Kollegen werden angesichts der Zahlen deutlich: „Das war eine Fehlinvestition.“ Als eine der letzten Abteilungen schloss vor ein paar Jahren auch die Paketermittlung am Kleeblatt ihre Pforten. Dort kamen all die Sendungen hin, bei denen weder Absender noch Empfänger ermittelt werden konnten. Nach einem Jahr Lagerung wurden diese dann versteigert, „wenn sich nicht noch jemand gemeldet hatte“.

Während einige der Besucher bei gewissen Räumen rätselten – „wer hat hier denn noch gesessen?“ – hat Hans-Joachim Liebeszeit eine gute Orientierung. Der 85-jährige Postoberinspektor a.D. war früher für die Hausverwaltung am Kleeblatt zuständig – „und damit auch für die gut 40 Postämter, die zum Amtsbereich gehörten“. Während er so durch die leeren Räume schlendert, kommen die Erinnerungen hoch. „Vor allem montags war hier immer viel los. So bis 9 Uhr und dann war wieder Ruhe bis mittags, wenn die Boten zurückkamen.“

Wo übrigens der ehemalige Amtsvorsteher sein Büro hatte, fällt auch denjenigen auf, die das erste Mal im Bau unterwegs sind: „Er hatte als einziger Teppich und der liegt noch heute.“

Es ist nicht die einzige Besonderheit. Wer weiß schon, dass das Postamt am Kleeblatt einen eigenen Schießstand hatte? Die Polizei, erzählt Heße, habe regelmäßig die Fahrer der Sicherheitstransporte der Post trainiert. Und natürlich darf auch der für Bauten dieser Zeit obligatorische Bunker nicht fehlen.

Neugierig sind die Ehemaligen aber auch, was aus „ihrem“ Bau werden soll. Von den Gastro- und Fitnessplänen hatten sie schon gehört. „Das wäre spannend.“ Aber: Der Eigentümer müsste schon ordentlich investieren, sind sie überzeugt. Die Clees-Gruppe, vertreten durch Kristina Podszus, sei aber optimistisch, dass vielleicht bis Ende des Jahres ein erster Vollzug für einen Mieter vermeldet werden kann.

Hintergrund

Der Verein zur Erhaltung historischen Postgutes hat seinen Sitz in Wuppertal und kümmert sich um die Postgeschichte des Bergischen Landes. Ihm gehören unter anderem 30 Fahrzeuge aus dem ehemaligen Besitz der damaligen Deutschen Post. Unter anderem verleiht der Verein sie für TV- und Filmproduktionen. Weitere Infos über den Verein online:

postverein.de

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