Corona-Forschung

Wuppertaler Unternehmen wollen Lücke bei Corona-Medikamenten schließen

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Holger Zimmermann von AiCuris.

Das Thema Impfungen dominiert seit Wochen und Monaten die Diskussionen in der Corona-Pandemie.

Wuppertal. Am Mittwoch hat Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, ein Programm zur klinischen Entwicklung von Medikamenten und anderen Therapeutika zur Behandlung von Covid-19-Patienten angekündigt.

Das Programm wird mit einem Volumen von zunächst 50 Millionen Euro ausgestattet und bleibt damit deutlich hinter den Erwartungen von vier Unternehmen zurück, die sich in der Initiative BEAT-COV zusammengeschlossen haben und der das Wuppertaler Unternehmen AiCuris angehört.

„Wir müssen leider damit rechnen, dass selbst bei einer hohen Impfrate Menschen weiter an Covid-19 erkranken. Für diese Patientinnen und Patienten benötigen wir daher dringend neue Therapieoptionen, die bedarfsgerecht in den unterschiedlichen Stadien einer Infektion eingesetzt werden können“, sagt Anja Karliczek.

Die BEAT-COV-Initiatoren AiCuris, Atriva, Immunic und InflaRx haben weit fortgeschrittene und erfolgversprechende Medikamentenkandidaten in der klinischen Entwicklung. BEAT-COV hält ein Fördervolumen von 500 bis 750 Millionen Euro zur Finanzierung klinischer Studien für erforderlich und hat daher am Freitag einen wesentlich größeren Fonds gefordert.

Der Fokus auf den frühen klinischen Entwicklungsstufen der Phasen I bis IIb führe zwingend dazu, dass neue Therapeutika erst mittel- bis langfristig zur Verfügung stünden. Es bestehe nach wie vor eine Förderlücke für zulassungsrelevante Studien, mit denen die Sicherheit und Wirksamkeit klinisch und statistisch signifikant belegt werden könne. Ohne diese Studien sei eine reguläre Zulassung nicht möglich. Sie müssten mit einer ausreichend großen Patientenzahl durchgeführt werden, seien logistisch komplexer und erheblich teurer. Außerdem fehle die Bereitstellung von Mitteln, um kurzfristig und parallel die bedarfsgerechte Produktion anzustoßen und den Markteintritt vorzubereiten. Initiative sei bereits ins finanzielle Risiko gegangen

Was bei der Produktion von Impfstoffen als Notwendigkeit hingenommen wird, gilt bei der Entwicklung von Medikamenten für Corona-Patienten, offensichtlich (noch) nicht. Die Mitglieder der Initiative seien bereits ins finanzielle Risiko gegangen, heißt es in einer Pressemitteilung. Während die Pharmakonzerne mit Unterstützung von großen privaten Geldgebern und Regierungsmitteln weltweit die Entwicklung von Impfstoffen betreiben, sind die Möglichkeiten mittelständischer Unternehmen begrenzt. Die Zahl schwer erkrankter Corona-Patienten steigt, geeignete Medikamente zur Behandlung stehen nicht zur Verfügung. Ein Viertel aller Covid-19-Patienten in Deutschland, die intensivmedizinisch betreut werden, überleben diese Erkrankung nicht.

In Wuppertal hat nicht allein AiCuris den Blick auf eine Schwachstelle im Kampf gegen das Corona-Virus gerichtet. Hans-Joachim Zeiler, Gründer von Creative-Therapeutics, hat mit CT911 einen Krebswirkstoff identifiziert, der indikationserweiternd als aussichtsreicher Kandidat für ein Covid-19-Medikament verstanden wird. Für seine Replikation muss sich das Virus Zugang zu Stoffwechselleistungen der Wirtszellen verschaffen. Das innovative therapeutische Prinzip von Creative-Therapeutics unterdrückt mehrere zelluläre Reparatur-Mechanismen und blockiert damit den Zugriff des Virus auf diese Systeme und deren Nutzung für die Virus-Vermehrung.

Hans-Joachim Zeiler zählt zu den Erfindern der Fluorchinole (Ciprofloxacin, Moxifloxacin), das sind Antibiotika mit einem breiten Wirkspektrum. Zeiler hat den Wirkstoff Ciprobay 1987 als Wissenschaftler von Bayer entwickelt und sich nach seinem Ruhestand mit dem Unternehmen Creative-Therapeutics in Wuppertal selbstständig gemacht, primär mit dem Ziel, neuartige, gut verträgliche Krebsmedikamente zu entwickeln. Für seine Forschungserfolge auf dem Antibiotika-Gebiet wurde er 1987 mit der Otto-Bayer-Medaille ausgezeichnet. Das wirtschaftliche Risiko liegt bei kleineren Unternehmen

Bei AiCuris handelt es sich um eine Ausgründung von Bayer. Das Unternehmen hat Medikamente gegen Viren wie das humane Cytomegalovirus (HCMV), das Herpes-simplex-Virus (HSV), das Hepatitis-B-Virus (HBV) und Adenoviren entwickelt. Bis zu einer Marktzulassung wie AiCuris hat es Creative-Therapeutics bisher noch nicht geschafft, was laut Hans-Joachim Zeiler finanzielle Gründe hat.

„Immerhin konnte in einer Phase-1-Studie an Krebspatienten gezeigt werden, dass der neue Wirkmechanismus von CT911 ohne negative oder toxische Effekte beim Menschen angewendet werden kann. Weitere Phasen der Entwicklung ließen sich nicht finanzieren. Für die Erforschung der antiviralen Effekte von CT911 als Covid-Medikament stehen weitere vorklinische und die klinischen Studien an“, so Hans-Joachim Zeiler.

Dafür müssten vier bis fünf Millionen Euro bereitgestellt werden. Die weiteren Kosten für die Entwicklung des von ihm konzipierten Wirkstoffs bis zum vertriebsfertigen Medikament, das zum Einsatz bei schweren Covid-Erkrankungen unter ärztlicher Aufsicht kommen sollte, schätzt Zeiler auf rund zehn Millionen Euro. Damit handelt es sich um eine Größenordnung, die von einem kleinen Unternehmen nicht alleine zu stemmen ist. Um solche innovativen Projekte dennoch realisieren zu können, hält Hans-Joachim Zeiler ein Umdenken der Bundesregierung zur Unterstützung breitangelegter Forschungsprogramme für dringend erforderlich. Zumal in diesem Falle die Produktionskosten der Anti-Covid-Medikation vergleichsweise moderat seien. Mit Covid-19 sei zudem nicht die letzte Pandemie zu bewältigen, befürchtet Zeiler. Zukunftsverheißend sei, dass das vorgestellte Wirkprinzip bei wahrscheinlich vielen viralen Erkrankungen wirkungsvoll und unbelastet eingesetzt werden könne.

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