Aktivisten schildern ihre Erlebnisse

„Wir ernähren uns konkret von Müll“

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„Kauz“ (l.) und „Wolke“ wollen mit der Besetzung das Osterholz retten.

Die Aktivisten „Kauz“ und „Wolke“ protestieren seit einem Jahr gegen die Rodung im Osterholz.

Aufgezeichnet von Sarah Dietel

Haan. „Kauz“, Mitte 20: „Das hier, das ist mein Leben und die Baumbesetzung meine Lebensaufgabe. Wir sind eine Gruppe von zehn Leuten, die seit einem Jahr im Wald wohnen. Unser Lager liegt mitten in dem Gebiet, das abgeholzt werden soll. Fünfeinhalb Hektar. Damit das nicht passiert, geben wir alles – und zwar, solange es geht. Wir kommen aus verschiedenen Bundesländern und haben uns hier gefunden, um gemeinsam gegen die Rodung zu kämpfen. Unsere richtigen Namen kennen wir auch untereinander nicht, wir haben Waldnamen. Ich heiße Kauz, mein Mitstreiter für dieses Interview ist Wolke. Nach der Schule habe ich Politikwissenschaften studiert, aber wer das nicht abbricht, hat nicht verstanden, was einem da eigentlich erzählt wird. Die Systeme, die uns heute am Leben halten, sind endlich. Das Ökosystem Wald aber überdauert Jahrmillionen. Wichtiger für das Überleben ist es doch, zu wissen, wie ich Eichelmehl oder Bucheckern-Krokant herstelle, als mich dem kapitalistischen System anzuschließen.

Wolke: „Das Osterholz kenne ich sehr gut, es ist mein Zuhause“

Das Osterholz kenne ich sehr gut, es ist schließlich mein Zuhause. Wir kümmern uns um den Wald, und er kümmert sich um uns. Er schenkt uns Himbeeren und Brombeeren, Eicheln und Bucheckern, und wir verhindern, dass er gerodet wird. Die fünfeinhalb Hektar sind ausgerechnet der feuchteste Teil des Waldes, also der, der am gesündesten ist.

Zentraler Punkt in unserem Lager ist ein großes Baumhaus mit ,Küche’ und Schlafgelegenheiten, überdeckt von einer Plane. Das Haus haben wir selbst gebaut, natürlich nur aus Totholz, und die Befestigungen sind nur geknotet, weil wir ja keine Bäume verletzen möchten. Es gibt aber auch noch andere Schlafgelegenheiten, bis zu 25 Meter hoch in den Baumwipfeln. Da liegt unser Kutter. Den nennen wir so, weil er bei Wind hin und her schwankt wie ein Schiff, und wenn man darin schläft und es regnet, fallen einem die Tropfen ins Gesicht. Mit uns wohnen hier Gänse und Enten, die wir gerettet haben vor Menschen, die sie essen wollten.

Wovon wir uns ernähren? Hauptsächlich von Müll, um es ganz konkret zu benennen. Also von dem, was andere nicht mehr benötigen. Komplett mittellos sind wir aber auch nicht, also wir kaufen uns auch Lebensmittel, die wir benötigen. Von den Menschen in Haan erfahren wir große Unterstützung und bekommen durchweg positives Feedback. Spaziergänger schauen neugierig, was wir machen, und sind immer sehr freundlich. Auch die Anwohner finden es gut, was wir machen. Ihnen ist der Wald sehr wichtig und sie freuen sich, dass wir uns so dafür einsetzen.

Wir haben Anlaufstellen, bei denen wir Wasser holen und uns duschen können, auch bekommen wir schon mal Baumaterial oder etwas zu Essen.

„Je länger ich hier lebe, desto weniger fehlt mir die Zivilisation“

Ob ich etwas vermisse, ein warmes Bett, W-Lan? Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil: Je länger ich hier lebe, desto weniger fehlt mir die Zivilisation. Nichts, was wir hier tun, bedeutet für mich Arbeit, alles macht Spaß. Das Holz holen, das Aufräumen, das Bauen. Für Kinder, die ein Baumhaus bauen, ist das ja auch keine Arbeit. Wenn die neue Halde wirklich kommt und die Bäume gerodet werden, werden irgendwann die Schergen kommen und uns zwingen, den Wald zu räumen. Aber solange das nicht passiert, bleiben wir.“ „Wolke“, Anfang 20: „Nach der Schule habe ich mich entschlossen, hier mitzumachen. Das klingt vielleicht nicht wie ein perfekter Lebenslauf, es ist aber mein Ding.

Der Zusammenhalt hier, unser Ziel und unser Erfolg treibt uns an, weiterzumachen. Auch jetzt, wo es kalt und regnerisch wird. Im letzten Winter liefen hier regelrechte Sturzbäche durch das Lager. Der Winter wird hart werden, aber wir haben genug Decken, denke ich.

Eine große Sache haben wir im vergangenen Jahr schon verhindert: Hier sollte eine Schneise geschlagen werden, das ging aber nicht, weil Menschen aus unserer Gruppe in Betten in den Baumwipfeln gelegen haben und sich nicht haben vertreiben lassen. Für so etwas lohnt es sich, weiterzumachen. Wir haben alle ein intrinsisches Interesse an Natur, ich glaube, niemand, der hier mitmacht, war nicht auch vorher schon im Umweltschutz aktiv. Aber wir bilden uns auch stetig fort über das Leben im Wald, wir haben viele Bücher im Lager, lesen und unterhalten uns viel.

Wenn jemand bei uns mitmachen möchte, ist er jederzeit eingeladen, uns kennenzulernen. Uns findet man auf Twitter, über die Initiative ,Osterholz bleibt’ oder natürlich hier im Wald. Wir bekommen auch schon mal Besuch von unseren Familien, Großmüttern zum Beispiel, die schauen, wie es uns geht. Sie erleben hier immer total entspannte Tage. Was gibt es auch Schöneres, als im Wald zu sein?

Wir merken total, dass das Leben hier sehr gesund ist. Baumstämme zu schleppen und damit Dinge zu bauen, das tut gut. Ein großes Problem ist nur der Feinstaub, weil die Kalkwerke ja direkt neben uns liegen. Ohne Kokosöl für die Lippen kann man es hier im Sommer nicht aushalten. Und im Hals merkt man es auch.

Was mich ärgert, sind Leute, die glauben, wir würden den Wald vermüllen. Das Gegenteil ist der Fall. Oft finden wir Müll, der hier sicher schon fünf oder zehn Jahre liegt. Vieles verwenden wir wieder, oder wir entsorgen ist. Erst kürzlich haben wir 300 Kilogramm Müll weggebracht. Das ist nur sehr teuer, das können wir auf Dauer nicht stemmen.“

Hintergrund

Grund für die geplante Rodung im Osterholz ist eine neue Halde, die die Kalkwerke Oetelshofen für Abraum plant. Dabei handelt es sich um Abfall natürlicher Art, der beim Kalkabbau entsteht. Mitte September fand in der Uni-Halle Wuppertal eine Erörterung statt, bei der Privatpersonen und Träger öffentlicher Belange zu dem Vorhaben Stellung bezogen haben. Einen Info-Stand der Initiative „Osterholz bleibt“ räumte die Polizei als nicht angemeldete Versammlung. Eine Entscheidung in der Sache gab es nicht.

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