Russland-Ukraine-Konflikt

Wie eine Ukrainerin in Wuppertal den ersten Tag des Kriegs erlebt hat

Iryna Shtern stammt aus Charkiw in der Ukraine und sorgt sich um Bekannte und Freunde dort.
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Iryna Shtern stammt aus Charkiw in der Ukraine und sorgt sich um Bekannte und Freunde dort.

Wuppertal. „Nicht so gut“ ist die Antwort von Iryna Shtern auf die Frage, wie es ihr geht. Denn sie ist in Sorge – um Bekannte und Freunde in der Ukraine.

Von Katharina Rüth

Sie lebt seit 17 Jahren in Wuppertal, ihre engere Familie ist zum Glück in Deutschland, aber entferntere Verwandte und Freundinnen sind jetzt von der aktuellen Entwicklung betroffen. Ab 6 Uhr morgens war sie den ganzen Donnerstag über Facebook und Handynachrichten in Kontakt mit ihnen

.„Das ist alles sehr schockierend“, sagt sie. Sie sei am Donnerstagmorgen um kurz vor 6 Uhr wach geworden, berichtet sie. „Mein Mann hat mir gesagt: ,Der Krieg hat angefangen.‘“ Sie stammt aus Charkiw, einer Millionenstadt nah an der Grenze zu Russland. Sie hat noch viele Bekannte und Verwandte in der Stadt.

Krieg in der Ukraine hat Auswirkungen auf das Bergische Land

Vor einem Monat hat sie nicht an Krieg geglaubt

Eine Freundin dort schreibe gerade ein Buch. „Vor einem Monat hat sie mir alle Dateien gesandt, damit sie nicht verloren gehen, wenn das Haus bombardiert wird.“ Damals habe sie das noch für übertrieben gehalten. „Ich sagte: ,Was sagst du? Das kann nicht sein.‘“

Eine andere Freundin versuche gerade, das Land zu verlassen. Polen solle seine Grenze geöffnet haben. „Aber alle Tankstellen sind leer.“ Eine weitere Bekannte lebt eigentlich in der Nähe von Kiew, war gerade zu Besuch bei ihren Eltern im Osten der Ukraine. Sie habe sie am Morgen mit einer Textnachricht erreicht, als diese im Zug saß.

Die Bekannte habe berichtet, dass der Zug etwa eine Stunde vor Kiew stehe und nicht weiterfahre. Sie habe sehen können, dass es Explosionen in der Stadt gab. Erst um 15 Uhr hat Iryna Shtern Nachricht erhalten, dass die Bekannte zu Hause ist. „Ihr Mann hat sich jetzt zu den ehrenamtlichen Truppen gemeldet.“

Kommentare mit viel Wut und Schimpfwörtern

Wie es der Bekannten gehe, wisse sie gar nicht: „Wir haben nur über Sachliches kommuniziert. Ich weiß aber, dass alle sehr erschrocken sind.“ Sie lese auch Kommentare mit viel Wut und Schimpfwörtern. „Die Menschen sind in Panik, versuchen aber, ruhig zu bleiben. Keiner weiß, was morgen kommt.“

Der ukrainische Präsident habe appelliert, ruhig und zu Hause zu bleiben. Über Facebook erhielten jetzt alle Informationen über Schutzräume etwa im Keller und in der U-Bahn und möglicherweise weitere Schutzräume. „Die Schulen sind zu, die Kindergärten sind zu.“

Ihre Freundin in Charkiw wohne eigentlich in der Nähe des Flughafens. Aber weil sie Angst vor einer Bombardierung habe, halte sie sich jetzt bei ihrem Sohn in einem anderen Stadtteil auf. „Ich habe grundsätzlich das Gefühl, dass sich die Familien jetzt möglichst zusammen an einem Ort aufhalten, damit sie einander nicht verlieren“, berichtet Iryna Shtern

.Während der Arbeit habe sie jede Pause genutzt, um Nachrichten auszutauschen. „Die Infos ändern sich jede Minute“, sagt sie. Dabei hätten ihre Freunde und Bekannten auch keine weiteren Informationen. „Sie sagen einfach ,Wir bleiben ruhig‘, ,unser Haus steht noch‘. Sie selbst liest die Nachrichten hauptsächlich im Internet, schaut kein Fernsehen: „Es ist schwer, die Dinge zu sehen. Deshalb lese ich lieber.“

Diskussion um die Sprache in der Ukraine

Erschrocken ist sie über die Ausbreitung der Aktionen. „Ich habe gehört, dass es auch in westlichen Städten der Ukraine Explosionen gibt.“ Sie hätten nur im Osten militärische Aktionen erwartet. „Ich habe das Gefühl, dass es jetzt von allen Seiten kommt.

“Sie erzählt, dass ihr Bekanntenkreis „99 Prozent pro-ukrainisch“ ist. Sie kennt die Diskussionen um die Sprache. Im Osten hätten viele hauptsächlich russisch gesprochen, auch für sie selbst sei Russisch ihre Muttersprache. „Heute ist das für viele die Sprache der Feinde.“ Ukrainisch und Russisch unterschieden sich etwa so wie Niederländisch und Deutsch

.Das Ziel, dass alle, nicht nur die Menschen in der West-Ukraine, ukrainisch sprechen, werde nur langsam erreicht. Aber auch die, die lieber russisch sprechen, „wollen kein Teil von Russland werden“ – so sei es jedenfalls in ihrem Bekanntenkreis. Sie sei sich sicher, dass sich auch einige über die aktuelle Entwicklung freuen. „Aber die meisten wollen einfach ihr Leben leben. Und dafür ist wichtig, dass wir in Frieden leben.

“Auch hier in Wuppertal spürt sie, dass es zwischen Ukrainern und Russen „schwierig“ geworden sei. Schon 2014, nach Annexion der Krim, habe es Konflikte gegeben. Das habe sich gerade etwas beruhig gehabt

.Aktuell werde sie von vielen gefragt, wie man helfen könne, viele wollten Geld spenden. Sie rät zum Abwarten: „Wir wissen nicht, ob die Banken das Geld auch auszahlen können.“ Vielleicht brauche sie das Geld auch, wenn Menschen nach Deutschland kommen. Dabei scheine das derzeit nicht möglich zu sein: Die Flughäfen seien aktuell zu, mit dem Zug sei es schwierig und es gebe kein Benzin mehr. „Die meisten müssen bleiben und abwarten.“

Vereine

Iryna Shtern ist stellvertretende Vorsitzende von zwei deutsch-ukrainischen Vereinen: Im Verein Lerche treffen sich Erwachsene zu Kulturaktivitäten wie Konzerten oder Ausstellungen. Der Verein Ifiz (Interkulturelles Familien- und Integrationszentrum) macht Angebote vor allem für Familien und Kinder, es gibt eine Tanz- und eine Theatergruppe, Nachhilfe-Angebote und eine Gruppe zum Thema Früherziehung für Familien mit Kleinkindern. Im Juni sollen 20 Jahre Lerche und 15 Jahre Ifiz gefeiert werden.

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