Historie

Warum es die Japaner nach Düsseldorf zog

Japanische Kultur ist in Düsseldorf überall spürbar – nicht nur beim Japantag, wo diese Tänzerin auftrat. Archivfoto: David Young/dpa
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Japanische Kultur ist in Düsseldorf überall spürbar – nicht nur beim Japantag, wo diese Tänzerin auftrat.

Little Tokyo am Rhein: Forscher beleuchten die Geschichte von Düsseldorf als japanischem Wirtschaftsstandort.

Von Alexander Schulte

Düsseldorf. Dass die Japaner in Düsseldorf eine große Rolle spielen – bekannt. Mehr als 8000 leben hier, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Viele Unternehmen aus Nippon haben hier ihre Deutschland- oder gar Europazentrale. Und auch wenn der PR-Sprech der Düsseldorf-Marketing-Agentur von einem „Little Tokyo“ etwas übertrieben ist, öffnen doch immer mehr japanische Restaurants und Geschäfte rund um Immermann-, Ost- und Klosterstraße.

Doch wie ist es eigentlich dazu gekommen? Wann und warum haben die Japaner beschlossen, nach Düsseldorf zu kommen? Dieser Frage geht das von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderte Forschungsprojekt „Die Geschichte des japanischen Wirtschaftsstandorts Düsseldorf“ an der Heinrich-Heine-Universität unter der Leitung von Dr. Christian Tagsold auf den Grund.

Vor dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich die japanische Außenwirtschaft auf Berlin und Hamburg. Nach 1945 aber wurde für Japan (wie für Deutschland auch) die Schwerindustrie zum Wiederaufbau entscheidend: „Und damit rückte Düsseldorf als sprichwörtlicher Schreibtisch des Ruhrgebietes in den Fokus Nippons“, sagt Konstantin Plett, der sich als Doktorand besonders intensiv in die japanische Geschichte in Düsseldorf eingearbeitet hat. 1952 ließ sich mit Okura & Co. das erste Unternehmen mit einem Repräsentanzbüro nieder, das Handelshaus Mitsubishi folgte 1955 mit der ersten Niederlassung, 1959 die Bank of Tokyo.

Immer wieder wurden und werden auch andere Standortvorteile Düsseldorfs als „Magnet“ für die japanische Wirtschaft genannt, zum Beispiel die Nähe zur damaligen Bundeshauptstadt Bonn oder zum Industriehafen Duisburg ebenso wie die Nähe Düsseldorfs zu Holland, Belgien und Frankreich. Plett: „Doch für all das geben die Quellen keine Belege her. Dagegen wurde in einer Festschrift der japanischen Industrie- und Handelskammer klipp und klar festgehalten: Es lag im Grunde nur an der Nähe zum Ruhrgebiet.“

Düsseldorf sprach gezielt Unternehmen an, Köln nicht

Denn in puncto Infrastruktur hätten in den 60er-Jahren Frankfurt am Main oder Hamburg bessere Bedingungen geboten, etwa mit Direktflügen nach Tokio. In der Folge habe das städtische Amt für Wirtschaftsförderung energische Akquisearbeit geleistet, sagt der Forscher: „Es hat japanische Unternehmen gezielt angesprochen und für Düsseldorf geworben, Köln etwa hat sich darum nicht gekümmert.“

Schon 1963 hatte das Amt die Idee zum Bau eines Japan-Centers an der Immermannstraße, der dann 1978 vollendet wurde. 1966 regte die Stadt die Etablierung von Japan-Tagen an, die ab 2002 im großen Stil mit hunderttausenden Besuchern realisiert wurden.

Japanische Schule ist seit 1971 ein Mega-Standortfaktor

Die japanische Gemeinde in Düsseldorf wuchs zunächst langsam, dann aber immer schneller – und hängte in den 70er-Jahren Hamburg ab. 1975 sprach „Der Spiegel“ gar von einer Invasion japanischer Unternehmen in Düsseldorf“. Die wiederum basierte entscheidend auf der Etablierung einer japanischen Ganztagsschule in Düsseldorf 1971 – zunächst in Provisorien, dann in einem Neubau in Niederkassel. „Die Schule war sehr ausschlaggebend, ein Vorstandsvorsitzender hat explizit gesagt, dass er sein Unternehmen in den 80er Jahren nach Düsseldorf verlegt habe wegen der Schule.“

Schon in den 60er-Jahren wiederum entwickelte sich eine japanische Infrastruktur in Düsseldorf, die dann ihrerseits als Magnet wirkte: der Japanische Club (1964), das Generalkonsulat (1967) und das erste japanische Restaurant „Nippon-Kan“. Und dann ging es Schritt für Schritt so weiter, mit dem von den Japanern als Dank für die Gastfreundschaft im Nordpark angelegten Japanischen Garten, dem 1993 eröffneten Eko-Haus der Kultur in Niederkassel, dem Lehrstuhl „Modernes Japan“ an der Heine-Uni. Und mit immer mehr Geschäften, Restaurants und Bars im japanischen Viertel.

Wie gerne sich japanische Manager und Angestellte ihrerseits an den – meist nur ein paar Jahre währenden – Düsseldorf-Aufenthalt erinnern, kann man beim „Düsseldorfer Abend“ in Tokio erleben, den Stadt, Land und Messe regelmäßig ausrichten, zuletzt im September 2019. Da schwelgten sie in Erinnerungen an ihre Zeit am Rhein, tranken Altbier, speisten rheinische Spezialitäten und am Ende stimmte ein Senioren-Chor sogar das Altbierlied an.

JAPANISCHES VIERTEL

HINTERGRUND Als „Little Tokyo“ wird der Bereich zwischen dem Düsseldorfer Hauptbahnhof und der Kö bezeichnet. Hier haben viele japanische Unternehmen ihren Sitz, es gibt japanische Restaurants, Läden und Supermärkte sowie auch Manga-Läden. Zudem gibt es hier das deutsch-japanische Center, einen 12 00 Quadratmeter großes Geschäfts-, Büro- und Hotelkomplex.

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