Nahversorger in Cronenberg

Von Kabul ins Küllenhahner Lädchen

Ihsan Osmani, Zahra Nazari und Lutfullah Osmani (v. l.) haben das Küllenhahner Lädchen übernommen. Foto:
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Ihsan Osmani, Zahra Nazari und Lutfullah Osmani (v. l.) haben das Küllenhahner Lädchen übernommen.

Ehepaar und ein Bruder haben das kleine Nahversorger-Geschäft in Cronenberg übernommen

Von Katharina Rüth

Wuppertal. Zigaretten und Zeitschriften, Süßigkeiten und Putzmittel, Grußkarten und Briefmarken, belegte Brötchen und frischen Kaffee: Im „Küllenhahner Lädchen“, einem erweiterten Kiosk an der Küllenhahner Straße, gibt es vieles, was man braucht. Deshalb war die Sorge im Quartier groß, als der bisherige Inhaber ankündigte, das Geschäft aufzugeben. Jetzt haben sich Nachfolger gefunden: Zum 1. Oktober haben Lutfullah Osmani (26), seine Frau Zahra Nazari (21) und sein Bruder Ihsan Osmani (22) das kleine Lädchen übernommen.

Noch sei nicht alles so, wie sie es vorgesehen haben. Sie haben renoviert, ein paar Regale entfernt und mehr Platz geschaffen, sie warten noch auf neue Kühlschränke. Und auch das Angebot ist noch nicht vollständig: Die Zulassung als Paketshop ist noch nicht da und auch die Zulassung als Lotto-Annahmestelle fehlt noch. Aber das ist in Arbeit. „Nächsten Monat ist alles soweit“, verspricht Ihsan Osmani. Dann wollen sie auch frische Lebensmittel anbieten.

„Dort zu leben, war so schwer. Hier ist Freiheit.“

Ihsan Osmani und Zahra Nazari über die afghanische Heimat

Damit das beliebte Geschäft nicht schließt – die nächste Einkaufsmöglichkeit gibt es am Hahnerberg – haben viele in Küllenhahn die Werbetrommel gerührt. Im Internet haben die drei die Anzeige für das Küllenhahner Lädchen gesehen und zugegriffen. Sie sind vor fünf Jahren aus Afghanistan geflohen: „Hier ist Freiheit“; erklärt Ihsan Osmani. Und Zahra Nazari bestätigt: „Es war so schwer, dort zu leben, für die Frauen war es noch schlimmer“ – auch schon vor den Taliban.

Bisher lebten sie in Hagen. Die Brüder haben gearbeitet, Zahra Nazari hat ihren Realschulabschluss gemacht und war auf der Suche nach einer Lehrstelle als Mediengestalterin. „Mit dem Kopftuch war das schwierig“, sagt sie. Noch pendeln sie von Hagen aus, aber sie suchen eine Wohnung in der Nähe.

Mit dem Betreiben eines Geschäfts setzen sie die Tradition der Familie Osmani fort: Die hat in Kabul ein Bekleidungsgeschäft. „Selbstständigkeit ist einfach besser“, sagt Ihsan Osmani. „Wir wollen mit Leuten zu tun haben.“ Er ist Fachkraft für das Gastgewerbe, aber die Arbeit in einem Restaurant sei sehr stressig. Sein Bruder hat in einer Metallfirma gearbeitet, findet aber ein eigenes Geschäft interessanter.

Ihre erste Idee war ein Lebensmittelgeschäft, „aber das ist kompliziert“, sagt Ihsan Osmani, zudem sei mehr Kapital nötig. Einige frische Lebensmittel wollen sie im Küllenhahner Lädchen aber auch verkaufen, etwa Kartoffeln und Eier vom Bauernhof, und schauen, was bei den Kunden ankommt. Auch das sonstige Sortiment ist erweitert, etwa durch Handyzubehör wie Kabel und Ladekarten sowie eine größere Getränke-Auswahl.

Sorge um die Lieben in der Heimat

Die Aufbruchsstimmung der drei ist getrübt durch die Sorge um die Familie in Afghanistan durch die jüngsten Entwicklungen dort. Zahra Nazari geht es etwas besser, denn sie ist mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Die Eltern der Brüder sind noch in Kabul, ebenso weitere Geschwister. „Wir würden sie am liebsten nach Deutschland holen.“

Ihsan Osmani erzählt, dass ihre Familie unter Druck stehe: „Die Familie ist isoliert“, sagt er. Das Geschäft sei geschlossen, alle versteckten sich bei Bekannten oder Verwandten. Briefe der Behörden forderten sie auf, zu arbeiten, sonst würden sie getötet. Lutfullah Osmani zeigt die Fotografie eines arabischen Schriftstücks. Verdächtig sei den Taliban, dass ein Bruder Soldat der afghanischen Armee war und dass die beiden Brüder in Europa sind. Und dann gebe es den unberechtigten Vorwurf gegen einen Bruder, an einer Schießerei in einem Nachbargeschäft in Kabul beteiligt gewesen zu sein. „Er hat jeden Tag Probleme“, sagt Ihsan Osmani.

Gesehen haben sie die Familie seit fünf Jahren nicht, Telefonieren sei in diesen Zeiten auch nur selten möglich, Video-Anrufe erst recht nicht. „Seit die Taliban da sind, haben wir noch nie ein Video gesehen“, berichtet Ihsan Osmani.

Die Familie ist das, was sie am meisten vermissen. Das heimische Essen können sie sich inzwischen selbst zubereiten, das haben sie sich beigebracht. „Anfangs konnte ich nur Wasser kochen“, berichtet Ihsan Osmani lachend.

In ihrem Lädchen soll es aber vor allem deutsche Snacks wie etwa Frikadellen geben. Was ihnen an der neuen Heimat Wuppertal aufgefallen ist: „Es gibt hier viel Regen“, bedauert Lutfullah Osmani. Und am Wetter allgemein in Deutschland überrascht ihn: „Wenn es in Afghanistan Winter ist, dann bleibt es Winter. Hier ist morgens Winter und nachmittags schon wieder Sommer.“

Hintergrund

Afghanen: In Wuppertal leben 772 Menschen, die eine afghanische Staatsangehörigkeit besitzen und 545 Menschen, die einen deutschen und einen afghanischen Pass haben.

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