Zum Schein eingeschrieben

Viele studieren auch in Wuppertal nur fürs Semester-Ticket

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Mit dem Semesterticket fahren Studenten günstig Bus und Bahn. 

WUPPERTAL Auch an der Bergischen Universität Wuppertal sind möglicherweise mehrere Tausend junge Leute nur zum Schein eingeschrieben.

Von Joanna Kaufhold

Studenten genießen Vergünstigungen, nicht nur an der Kinokasse, sondern auch beim Krankenkassenbeitrag. Und mit dem Semesterticket können sie sehr günstig den Nahverkehr nutzen. Es soll zahlreiche Menschen geben, die sich nur deswegen an der Uni einschreiben, aber nie ein Seminar besuchen. Wie viele das sind, lässt sich nur schätzen.

Die Uni Köln nennt auf Anfrage der Presseagentur dpa rund 4000 bis 5000, das wären zehn Prozent ihrer Studenten, die Uni Düsseldorf geht davon aus, dass 8000, rund ein Viertel ihrer Studenten, „Scheinstudenten“ sind. In Wuppertal könnten es bei einer Studierendenzahl von aktuell 23 000 zwischen 2300 und knapp 6000 Studenten sein.

Anna Bruns, Pressesprecherin der Universität, betont, dass eine Identifizierung von Scheinstudenten aufwendig und kostspielig wäre. Sie seien nicht eindeutig erkennbar: „Wir müssen berücksichtigen, dass einige Studenten auch eine längere Pause aufgrund von Krankheit oder Kindeserziehung machen müssen.“ Diese Personen dürfe man nicht mit Leuten gleichstellen, die an der Uni eingeschrieben sind, um von Sozialleistungen zu profitieren.

Ob der Wegfall der Studiengebühren zu einem Anstieg der Scheinstudenten beigetragen hat, lässt sich ebenfalls nicht feststellen. Zwar ist die Studentenzahl nach Auskunft von Anna Bruns nach Abschaffung der Studiengebühren zum Wintersemester 2011/12 um 15 Prozent stärker gestiegen als zuvor, aber damals sei auch die Wehrpflicht weggefallen, sei im WS 2013/14 der doppelte Abiturjahrgang dazugekommen. Bei den Krankenkassen verweist man auf die Universitäten: „Ob jemand tatsächlich aktiv studiert oder die Einschreibung nur zum Schein vorgenommen hat, können Krankenkassen nicht überprüfen“ , erklärt Heiner Beckmann, Landesgeschäftsführer der Barmer. Das bestätigt die AOK Rheinland Hamburg.

Auch der Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR) hat keine Zahlen dazu, wer als Scheinstudent das Semesterticket nutzt. VRR-Pressesprecher Dino Niemann erklärt, dass es nicht möglich sei, den finanziellen Schaden durch die Scheinstudenten zu berechnen. Er weist aber auch darauf hin, dass man nicht wisse, welcher Scheinstudent ohne Semesterticket eine Fahrkarte kaufen würde.

Bewertung des Verhaltens fällt unterschiedlich aus

Illegal verhalten sich Scheinstudenten aus Sicht eines Rechtsanwaltes nicht: „Es ist nicht verboten, es gibt keinen Studierzwang“, sagt der Siegener Experte für Hochschulrecht, Christian Birnbaum. „Man kann diese Fälle politisch als Missbrauch sozialer Vergünstigungen ansehen.“

VERGÜNSTIGUNGEN

TICKET Der Mobilitätsbeitrag, Teil des Semesterbeitrags, liegt für Wuppertaler Studenten aktuell bei 203,88 Euro pro Semester. Damit sind Studierende für 33,98 Euro im Monat zu Nahverkehrsfahrten in ganz NRW berechtigt. Ein vergleichbares Ticket 2000 im Abo (Geltungsbereich ganzer VRR) würde 180,65 Euro im Monat kosten – 880 Euro mehr in sechs Monaten.

KRANKENKASSE Studenten können bis zu ihrem 25. Lebensjahr in der Familienversicherung mitversichert werden. Danach beträgt die studentische Versicherung 90 Euro im Monat bis zum 30. Lebensjahr.

Ein Sprecher des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg (VRS) hat kürzlich diese Nutzung des Semestertickets kritisiert: „Das ist ein fatales Zeichen für die Gesellschaft.“ Denn neben den Erlösen aus dem Ticketverkauf bekommen die Verkehrsbetriebe Geld von der Öffentlichen Hand. Scheinstudenten führen also auf Kosten der Allgemeinheit verbilligt durch NRW. Die Verkehrsverbünde wissen aber auch: Stoppen können sie die „Semesterticket-Studenten“ nicht. Ein Wuppertaler Masterstudent (25), der anonym bleiben will, sagt:„Auch ich würde es machen, denn man kann es nicht nachweisen.“ Moralisch verwerflich findet er das Verhalten aber schon, weil die Vorteile zu Lasten der Steuerzahler gingen. Viele Studenten blieben in der Übergangszeit zwischen Studium und Beruf eingeschrieben, um sich finanziell etwas abzusichern. Wenn noch nicht klar sei, wie es weitergehe, dann sollte das akzeptiert werden, findet er. Anders sieht er die Situation bei Berufstätigen: Diese profitierten trotz regelmäßiger Einnahmen von einem Scheinstudium, nur um ein paar Euro zu sparen.

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