Interaktive Oper

Uraufführung: Am Anfang war das Chaos

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Konrad Kästner ist Regisseur von „Chaosmos“.

WUPPERTAL Interaktive Oper „Chaosmos“ eröffnet neue Serie. Im Mittelpunkt stehen ein Paketzentrum und Geschichten von Ordnung.

Von Monika Werner-Staude

Ohne Chaos keine Ordnung. Was sich so leicht sagt, entwickelt bei genauerem Hinsehen grundsätzliche Bedeutungsschwere, setzt Gedanken frei, die das einfache Aufräumen weit hinter sich lassen. Tobias Rausch, Konrad Kästner und Marc Sinan haben daraus eine experimentierfreudige und interaktive Oper entwickelt, die alles andere als (un)ordentlich ist.

Und damit bestens ins Format „NOperas!“ passt, das vom Fonds Experimentelles Musiktheater initiiert wurde und von den drei Theatern Wuppertal, Halle und Bremen drei Spielzeiten lang mit Leben gefüllt wird. „Chaosmos“ ist die erste Produktion, die Wuppertaler zeichnen für sie verantwortlich. Am 11. Januar 2020 wird sie im Opernhaus in Barmen uraufgeführt.

Ein fiktives Paketzentrum auf der Bühne

Im Zentrum der interaktiven Gabelstapler-Oper steht ein Transportfahrzeug. Drei Paketrutschen, Regale und zwischen 400 und 500 Pakete komplettieren das fiktive Logistikzentrum auf der Bühne. An drei Seiten drumherum sitzen die 156 Zuschauer, an der vierten Seite drängen sich Musiker des Sinfonieorchesters.

Die Zuschauer bestimmen den Musikverlauf, indem sie die Noten auswählen. „Das Publikum bestimmt die Reihenfolge der einzelnen Instrumentenstimmen. Wird so zum Musiklogistiker“, sagt Kästner. Die Musik besteht vor allem aus Kompositionen von Marc Sinan. Und natürlich aus Bach, dem „strukturiertesten aller Musiker“, so Operndramaturg David Greiner. Auch wenn sich also die Reihenfolge der Musik immer wieder ändert, stehen ihre einzelnen Sequenzen fest.

Alles fing an mit dem Sohn, der Bauklötze sortiert

Am Anfang stand eine Frage: Tobias Rausch beobachtete, wie sein kleiner Sohn Bauklötze feinsäuberlich sortierte. Er erzählte Kästner das Erlebte. „Woher kommt Ordnung und was ist überhaupt Ordnung?, haben wir uns gefragt“, erinnert sich der Regisseur.

Bei der Suche nach Antworten kam die Idee eines Stücks zum Thema auf, holten sie Marc Sinan für den musikalischen Part hinzu und entdeckte Rausch die Ausschreibung von „NOperas!“.

Unter 72 Bewerbern setzte sich das Trio Anfang 2019 durch, seit Dezember wird geprobt. Die Protagonisten, vier Sänger und zwei Schauspieler, mussten sich erstmal daran gewöhnen, dass in Modulen und mit Regieanweisung über Headset gespielt wird.

Geschichten von Ordnung – von Kolonialzeit bis Hochseecontainer

ZUKUNFTS-PROJEKT IN DER WUPERTALER OPER

LABEL Unter dem Label „NOperas!“ haben sich für drei Spielzeiten drei Theater zusammengeschlossen: Wuppertal, Halle und Bremen. „NOperas!“ fördert neue Werke und gibt Impulse zur Erforschung des Musiktheaters im 21. Jahrhundert und zu neuen Formen der Zusammenarbeit.

CHAOSMOS Besetzung: Wendy Krikken (Sopran), Iris Marie Sojer (Mezzosopran), Adam Temple-Smith (Tenor), Timothy Edlin (Tenor), Annemie Twardawa (Jay) und Marie Bretschneider/Rike Schuberty (Joe). Musikalische Leitung: Johannes Pell und Marc Sinan.

TERMINE „Chaosmos“ wird uraufgeführt am 11. Januar, 19.30 Uhr; außerdem: 19. Januar, 8. Februar; Opernhaus, Kurt-Drees-Straße 4.

KARTEN Unter Tel. (0202) 563 7666 oder im Internet:

www.oper-wuppertal.de.

Der Titel „Chaosmos“ ist ein Kunstwort, das sich aus Chaos und Kosmos zusammensetzt, was an die griechische Mythologie anknüpft, die aus dem Chaos den Kosmos, die Welt entstehen ließ. Ein Logistikzentrum, so Kästner, sei ein solcher abgeschlossener Kosmos: eine eigene Welt, in der stets etwas sortiert werde – Gedanken, Weihnachtspäckchen, soziokulturelle Strukturen...

Was ist, wenn ein solches Logistikzentrum aus den Fugen gerät? Auf der Suche nach dem Masterplan, mit dem der streikende Paket-Ein- und -Ausgang repariert werden kann, öffnen die Mitarbeiter Jay und Joe trotz Verbots drei Päckchen, die drei Geschichten zum Thema Ordnung und ihre Nebenwirkungen wie Armut oder Willkür transportieren: die oft als Vorbild dienende Ordnung der Natur, die Carl von Linné (1707 bis 1778) aufzeichnete; die Arbeit eines deutschen Kartographen an der deutsch-portugiesischen Grenze im Süden Afrikas während der Kolonialzeit, die abstrakte Strukturen mit geografischen und historischen Realitäten überein bringen musste; schließlich die strukturierend wirkende Erfindung der Hochseecontainer durch den Unternehmer Malcom P. McLean, die den Nachschub des US-amerikanischen Militärs im Vietnamkrieg sicherte.

Konrad Kästner verspricht: „Wir erzählen Geschichten, die man so noch nicht kannte.“ Geschichten, die politisch verstanden werden können als Kritik am globalisierten Handel, Herrschaftswillkür oder Flüchtlingsleid, die aber auch die Notwendigkeit von Ordnung in Frage stellen können. „Wie ist die Struktur entstanden, ist sie wirklich gottgegeben?“, fragt Konrad Kästner. Und nicht nur er.

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