Im Uni-Vortrag MathePrisma vorgestellt

Wuppertal/Remscheid. Die Gleichung will zunächst nicht aufgehen - zumindest nicht für diejenigen, die es mit der Mathematik nicht so haben. Wenn Professor Harald Scheid von der Ästhetik seiner Disziplin schwärmt, Eleganz und Kreativität lobt, prasseln auf schulgeschädigte Mathe-Muffel nur Fragezeichen ein. So wie früher im Unterricht, wenn für den Pauker alles klar war, man selbst aber nur Bahnhof verstand.

Schweißausbrüche, Hektikflecken, abgekaute Fingernägel - was, bitte sehr, haben diese Spuren einer gnadenlos logischen Wissenschaft mit Schönheit zu tun?Antwort auf diese Frage geben Professor Scheid und Stefanie Krivsky beim nächsten  RGA-Uni-Vortrag in der Klosterkirche in Remscheid-Lennep. Am Donnerstag, 16. Mai, 19.30 Uhr, heißt das Thema: "Mathematik als multimediale Überraschung. Das Wuppertaler MathePrisma - Entwicklung, Einsatz, Erfolg". Der Eintritt ist frei.

"Es gibt hübsche und hässliche Lösungswege", sagt Scheid. Je tiefer einer in die Materie der Variablen, Beweise und Zahlenkolonnen vordringe, desto mehr Wert lege er auf den Stil. Hört sich fast an wie beim Fußball. Der grätschende Wadenbeißer wird respektiert, der Techniker bestaunt. Das Problem des Vergleichs: Die Kicker können sich vor Fans kaum retten, der Mathematik laufen sie weg.

"Es ist kritisch, dass die Studentenzahlen rapide sinken", sorgt sich Scheid um seine geliebte Wissenschaft. Das schlechte Ansehen in der Gesellschaft wurmt ihn. "Eine Fünf in Mathe kriegt jeder verziehen. Passiert so etwas in Deutsch, bekommt man einen hinter die Ohren." Das sei in Nachbarländern anders, etwa in Frankreich. "Da traut sich kaum einer zu sagen, dass ihm Mathe stinkt. Aber hier ist das schick."

Das muss in den Augen des Wuppertaler Professors schleunigst anders werden. "Jeder kann doch sehen, dass eine Katastrophe auf uns zukommt. Wir können den Bedarf an Ingenieuren nicht mehr decken."

Aber wie packt man die Leute mit einem Fach, das einen derart schlechten Ruf genießt? Die Formel ist simpel: Computer plus Spieltrieb - ergibt am Ende als Ergebnis ein MathePrisma.

"Mathe hat doch seit jeher viel mit Rätseln und Tüfteln zu tun", erklärt Stefanie Krivsky. Die Diplom-Mathematikerin aus dem Mitarbeiterstab von Scheid hat das Mathe-Prisma maßgeblich mitentwickelt. "Also muss man sich den Dingen spielerisch nähern." Über Spaß und Neugierde sollen sich Türen öffnen, die sonst versiegelt blieben.

So lasse sich Mathematik besser begreifen - und das Schulgespenst könnte viel von seinen Schrecken verlieren. Denn vor allem an Jugendliche - an angehende Abiturienten und kommende Studenten - wendet sich das Multimediaprogramm, das die Wuppertaler seit 1998 gebastelt haben. Via Internet können sie sich in 22 Themengebiete (Module) einwählen. Nach altersstufen gestaffelt, vermitteln diese über das Spiel Methoden und Grundtechniken.

Doch es geht nicht darum, sich an den netten, bunten Bildchen zu berauschen. Scheid: "Die Frage nach dem ,Warum` ist das Entscheidende." Sie soll den Nutzer treiben. Das Prisma ist die Wundertüte, die die Schüler erst einmal dazu verführt, sich den sperrigen Inhalt anzusehen.

Den wichtigsten Test hat das MathePrisma schon bestanden. Im September verlieht die Gesellschaft für neue Medien in der Wissenschaft einen mit 100 000 Euro dotierten Preis an die Erfinder. Krivsky: "Das ist der höchste Preis, den man in Deutschland für Lernsoftware bekommen kann." Die Wuppertaler stachen 157 Mitbewerber aus. Mit dem Geld finanzierten sie sich eine zusätzliche Stelle im Fachbereich. Noch wichtiger ist den passionierten Mathematikern aber das Urteil derjenigen, die mit dem Programm arbeiten.

Dass dies so schlecht nicht sein kann, davon zeugen die "immens hohen Download-Zahlen" (Krivsky). Zahlenmauern, Chaosspiel, Primzahl-Geheimnisse und Klecksaufgaben - das regt die grauen Zellen an. Irgendwann, so Scheids Hoffnung, macht es dann Klick. Dieser magische Moment, in dem sich der Nebel lichtet, macht für ihn die Faszination an der Mathematik aus: "Eigentlich ist es ja ein Fach für die Faulen. Man muss nichts lernen und nichts behalten, man muss es nur kapieren." Mehr dazu im Internet unter: www.matheprisma.uni-wuppertal.de

ZUR PERSON

Professor Harald Scheid gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Mathematik. Geboren in Bad Kreuznach, nahm der heute 62-Jährige seine erste Professur an der Uni Mainz an, wo er zuvor auch studierte. Bereits 1974 kam der Vater einer Tochter (35) und eines Sohnes (31) an die Bergische Universität in Wuppertal. Dort leitet er den Lehrstuhl für Didaktik in der Mathematik. Zu den mehr als 20 Schulbüchern, an denen Scheid mitgearbeitet hat, gehört auch der Mathe-Duden.

ZUR PERSON

Stefanie Krivsky hat das MathePrisma mitProfessor Harald Scheid (ihrem Doktorvater), Professor Andreas Frommer sowie Dr. Benedikt Großer entwickelt. Krivsky machte an der Wuppertaler Uni 1998 ihr Diplom in Mathematik und ist dort seitdem als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Schon im ersten Schuljahr mochte die heute 30-Jährige dieses Fach am liebsten. Schnell festigte sich der Wunsch, es zu studieren. Die Doktorarbeit soll bis Jahresende fertig werden.

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