Jahrelang in Notunterkünften gelebt

Trotz erfolgreicher Integration droht die Abschiebung

Die fünf Kinder der Familie sind integriert, sprechen fließend deutsch und engagieren sich an ihrer Schule. Nun sollen sie abgeschoben werden.     Foto: HT
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Die fünf Kinder der Familie sind integriert, sprechen fließend deutsch und engagieren sich an ihrer Schule. Nun sollen sie abgeschoben werden.

Haan. Lehrer der Haaner Schule Bollenberg setzen sich für eine Mutter und ihre fünf Kinder ein.

Von Antje Götze-Römer

Familie Stojcovic steht kurzfristig die Abschiebung in ein ihnen fremdes Land bevor. Alle Kinder der Familie sind in Haan geboren und gehen dort in die Schule. Vier der fünf Kinder, drei Mädchen (5, 7 und 11 Jahre) und zwei Jungen (6 und 9 Jahre) gehen in die Grundschule Bollenberg in Haan. „Können wir es als Gesellschaft verantworten, dass eine Frau, die seitdem sie 13 Jahre alt ist, weder beschult wurde, nachdem sie schwanger wurde, noch ein Angebot auf berufliche Eingliederung erhielt, nun aus ihrer Heimat mit ihren fünf Kindern abgeschoben werden soll?“, fragt etwa Lehrerin Eva Wunsch.

Den zuständigen Institutionen sei das alles sehr lange bekannt gewesen. Die junge Frau habe jahrelang in Notunterkünften gelebt und sei von einem Heim ins andere geschickt worden. Außerdem habe sie bis vor zwei Jahren ihre Mutter bis zu deren Tod gepflegt. „In dieser Zeit hat sie es geschafft, ihre Kinder zu äußerst gut erzogenen und voll integrierten Kindern zu erziehen, die an sozialem Verhalten vorbildlich in ihren Klassen sind“, berichten die Lehrerin.

Ihre „Behausungen“ habe sie jedes Mal sehr gepflegt eingerichtet und den Kindern versucht, ein einigermaßen schönes Zuhause zu ermöglichen. Es sei über Jahre einfach laufengelassen worden. „Und gerade als die Mutter sich motiviert, auch durch das Alter der Kinder, um weitere, schulische Bildung bemüht und wieder mal Aussicht auf eigene Arbeit hat, wird ihr das versagt. Schlimmer noch: Sie erwartet ein nächtliches Schreckensszenario, mit Polizeigewalt in ein ihr fremdes Land an Kultur und Sprachkenntnis, ohne Aussicht auf irgendeine Sicherheit, abgeschoben zu werden“, ist das Kollegium der Grundschule Bollenberg entsetzt.

„Ihr Schicksal erschüttert mein Selbstverständnis von Menschlichkeit. Ich frage mich, wer entscheidet so etwas? Wofür gibt es da eine rechtliche Grundlage? Wo greift denn da der Kinder -und Jugendschutz? Die Kinder sind allesamt hier geboren und es ist ihre Heimat. Daraus erwächst für jeden eine moralische Verpflichtung, für die Familie zu kämpfen, sie nicht im Stich zu lassen und wortlos zuzusehen“, sagt Eva Wunsch.

„Bei Abschiebung in ein ihnen fremdes Serbien werden sie auf der Straße sitzen.“

Annette Poley, Vorstand Stadtschulpflegschaft Haan

Natürlich sei ihr bewusst, dass sehr schnell der Vorwurf des Sozialbetrugs aus fragwürdigen Ecken in den Ring geworfen werde und ein Zynismus sich über die Anzahl der Kinder erheben werde. „Diese Menschen haben diese Familie eben nicht kennengelernt und das Engagement der Mutter, die immer arbeiten wollte und sich voll integriert.“ Die Ironie dabei sei, dass ihre Kinder zu sozial intelligenten Menschen erzogen werden, die diese Gesellschaft eben sehr brauchen könne, anstatt sie abzuschieben. So entsage man ihnen eine sichere Zukunft mit Bildungsgarantie und nehme ihnen ihre Heimat.

Seit 13 Jahren wohnt Mariana Stojkovic, die alleinerziehende Mutter, in Haan und kämpft seither für die Sorgenfreiheit, das Glück ihrer Familie und das Recht, zu arbeiten. Sie bemüht sich, sich in die Kultur einzufinden, spricht gut deutsch und hat ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland. In Serbien, das Land, in das sie abgeschoben werden sollen, gibt es für die Familie keine Perspektive, kein Zuhause, keine Familie und kein Dach über dem Kopf. Sowohl die Mutter und vor allem auch die Kinder haben keinen Bezug zu diesem Land. Das Abschiebeland Serbien gilt als sehr schwierig für eine Roma-Familie, und weder die Mutter noch die Kinder haben irgendeinen Bezug zur Sprache, Kultur oder familiäre Bindungen. Sie ständen dort praktisch auf der Straße – ohne Zukunftsperspektive.

Das unterstreicht auch Annette Poley vom Vorstand der Stadtschulpflegschaft Haan und die Klassenpflegschaftsvorsitzende der Klasse eines betroffenen Kindes: „Besteht nicht eine moralische Verpflichtung, ihr und den allesamt in Deutschland geborenen Kindern nach dieser langen Zeit Bleiberecht in ihrer Heimatstadt zu gewähren? Die Kinder sind Haaner Bürger, von Geburt an. Bei Abschiebung in ein ihnen fremdes Serbien werden sie auf der Straße sitzen. Weder Wohnung noch Unterhalt werden sie bekommen. Das ist Unmenschlichkeit pur. Was auch immer falsch gelaufen ist, wer auch immer Dinge unternommen oder eben nicht unternommen hat. Diese Fehler müssen Minderjährige, Schutzbedürftige, ausbaden. Das kann eine Stadt wie Haan nicht zulassen! Das lassen wir nicht zu, und werden als Freunde, Freundinnen Klassenkameraden und -kameradinnen und Eltern alles uns Mögliche tun, um eine Abschiebung zu verhindern.“

Unverständnis auch bei Lehrerin Anna Bak: „Die älteste Tochter Aneta (10) ist bei mir in der Klasse. Man wünscht sich als Lehrerin immer, solche Kinder zu haben wie Aneta eines ist, ein höfliches aber auch fröhliches und sehr hilfsbereites Kind. Für ihr Alter aber auch sehr erwachsen. Die Mutter kümmert sich vorbildlich um ihre Kinder. Sie sind gepflegt, haben immer gesundes Frühstück dabei, die Schulmaterialien fehlen auch nicht. Sie achtet ebenfalls sehr darauf, dass die Kinder ihre Hausaufgaben erledigen.“

Die Schule kämpft nun für das Bleiberecht der Familie, weil sie in Haan eine Chance auf eine Arbeit hat und bereit ist, alles zu tun, um in ihrer Heimat bleiben zu können. Die Lehrkräfte haben deshalb eine Online-Petition für das Bleiberecht der Familie gestartet (Suchwort Haan).

www.change.org

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