Prozess vor dem Landgericht

Totes Pflegekind: Mehrere Gewaltspuren

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Nur 21 Monate alt wurde das Mädchen. Die Pflegemutter ist angeklagt vor dem Landgericht.

Solinger Pflegemutter steht  vor Gericht.

Von Dirk Lotze

Solingen. Im Prozess um den gewaltsamen Tod eines 21 Monate alten Pflegekindes im Solinger Stadtteil Höhscheid belasten Spuren die angeklagte frühere Pflegemutter (51) schwer. Die Frau hat zugegeben, das Mädchen so geschlagen zu haben, dass es an den Folgen starb. Einzelheiten wisse sie nicht mehr. Laut Gerichtsmedizinern gibt es deutliche Hinweise auf schwere Misshandlungen vor dem Tattag, dem 16. Juni 2017. Darüber hinaus bestünden Zweifel an der Version der Frau über einen möglichen Unfall des Kindes vier Monate zuvor.

Zum Verhandlungsbeginn am Dienstag im Landgericht Wuppertal sagte die Angeklagte, das Kind habe am Mittag des Tattags nicht essen wollen und „mit dem Löffel herumgeschlagen“. Sie habe es bestrafen wollen. Ihre Gewalt habe sich geschätzt binnen Minuten gesteigert. Schließlich habe sie erkannt, dass das Mädchen Hilfe brauchte.

Polizeifotos vom Tatort zeigten eine großzügige, lichtdurchflutete Wohnung im Stadtteil Höhscheid. Die Angeklagte ist Geschäftsfrau und arbeitete in der Firma ihres Vaters, der damals bereits erkrankt war. Die Anklage beschreibt einen Ablauf, für den es keine neutralen Zeugen gibt: Das Mädchen sei geschlagen und getreten worden. Es habe schwerste Verletzungen erlitten. Das Kind sei verstorben, noch bevor die Pflegemutter den Rettungsdienst rief.

Die 51-Jährige soll das Kind im Oktober 2016 von einer Bereitschaftspflegestelle übernommen haben. Die Angeklagte sagte, der Aufwand war größer als erwartet, neben ihrer Arbeit. Sie habe sich damals von ihrem Freund getrennt. Laut Gericht gab es vom April 2017 eine Meldung wegen Gefährdung des Kindes – anscheinend ohne Konsequenzen.

Das Landgericht Wuppertal muss die Umstände aufklären, die zum Tode des Kindes führten. Der Vorsitzende Richter verdeutlichte der Frau: „Wenn das nun das Geschehen am 16. Juni gewesen sein soll – was war dann zum Beispiel am 12.? Oder am 20. Mai? Da wird das Kind doch im Zweifel auch Schwierigkeiten beim Essen gemacht haben. Wir wollen Sie nicht als Monster darstellen. Wir wollen das Geschehene nachvollziehbar machen.“

Eine Persönlichkeit mit zwei Seiten – mal freundlich, dann aufbrausend bis gewalttätig – so beschreiben Nachbarn die frühere Pflegemutter. Bei allen Schwierigkeiten mit der Angeklagten hätten sie ihr mehrfach geglaubt, dass das Kleinkind Unfälle erlitten habe.

Kind hatte sogar im Gesicht Narben

Für die 51-Jährige soll die Zweijährige das sechste Pflegekind gewesen sein. Das Gericht geht vorläufig davon aus, dass sie die anderen Kinder wieder abgab, weil sie sich überfordert sah. Ein Umstand, den die Angeklagte bestreitet. Es soll eine Anzeige nach einer ausgeuferten Auseinandersetzung in einem Möbelhaus mit anderen Kunden geben haben, die sich um das Kind drehte. Auch dieses Geschehen beschreibt die frühere Pflegemutter anders.

Gerichtsmediziner wiesen am Donnerstag das Gericht auf alte Verletzungen des Mädchens hin: Sie sollen Tage oder Wochen vor dem Tod entstanden sein. Das ergebe sich aus dem Heilungszustand. Narben soll das Kind sogar im Gesicht gehabt haben.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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