Ältere werden bei Umorientierung unterstützt

Tanztheater: Generationsübergreifendes Ensemble

Milan Nowoitnick Kampfer (31). Foto: Claudia Kempf
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Milan Nowoitnick Kampfer (31).

Wuppertal. Bei Pina Bausch endet die Karriere nicht mit Mitte 30.

Von Monika Werner-Staude

Eigentlich mache sie sich keine Gedanken über das Alter, erzählt Tsai-Wei Tien. „Tänzer können jedes Alter haben. Das Stück muss nur zum jeweiligen Alter passen.“ 35 Jahre zählt die gebürtige Taiwanesin, die seit 2015 der Compagnie des Tanztheaters Pina Bausch angehört. Der einzigen in Deutschland, die ein Ensemble aus Künstlern im Alter von 23 bis 64 Jahre hat. Erfahrungen und Wissen der Älteren wertschätzt, weil sie die Stücke noch mit der Choreographin selbst erarbeitet haben. In der Coronakrise herrscht Stillstand, haben Überlegungen über berufliche Perspektiven und Veränderungen mehr Platz.

Die Lebens-Uhr tickt: „Ein Jahr im Tanz zählt wie fünf normale“, sagt Milan Nowoitnick Kampfer. Der 31-jährige Tänzer weiß, dass er sich einen Beruf „mit endlicher Karriere“ ausgesucht hat. Der gebürtige Berliner kam 2017 ans Tanztheater in Wuppertal, eben weil dort auch noch Menschen auf der Bühne stehen, die älter als 60 sind.

In der klassischen Tanzwelt aber bedingen der hohe physische Anspruch und mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Regeln, dass Tänzer mit Mitte/Ende 30 sich eine andere Arbeit suchen müssen. Früh- oder Grundrenten oder den Anspruch auf Umschulung gibt es in anderen Ländern - in Deutschland nicht.

Kampfer selbst will sich deshalb mehrgleisig orientieren, macht derzeit den Master im Kultur-Management, erschließt sich weiter seine zweite künstlerische Leidenschaft, die der Landschafts- und Kunstfotografie gilt.

Ein Jahr im Tanz zählt wie fünf im normalen Leben

Auch Tsai-Wei Tien kann sich in der Coronakrise mehr um Dinge kümmern, die sonst liegenbleiben. Meist sind es Tanzprojekte - mit ihrem Ensemble „Peculiar Man“, in der Tanz Station im Barmer Bahnhof oder in ihrem Heimatland Taiwan - soweit Bühnentätigkeit derzeit überhaupt möglich ist.

Intendantin Bettina Wagner-Bergelt hat schon etliche Tanzkarrieren erlebt, die zwischen 30 und 40 Jahren endeten. „Vor meiner Zeit hörte ich manchmal von persönlichen Dramen, war das Ende der Karriere ein Tabu, über das niemand sprach. Später im Staatsballett begleiteten wir diese Prozesse sehr offen und unterstützend als Direktion“, erinnert sie. Als langjährige stellvertretende Direktorin des Bayerischen Staatsballetts in München weiß sie um die hohen Anforderungen von Spitzentanz für Frauen und von Hebefiguren für Männer, denen schon aus medizinischer Hinsicht Grenzen gesetzt sind.

Da ist es wichtig, dass den Tänzern bei der Neuorientierung geholfen wird. Durch Gremien wie die Stiftung Tanz, durch Förderprojekte wie den „Tanzplan Deutschland“ (2005 bis 2010), aber auch durch Direktoren, die beraten: „Sie müssen beim Übergang helfen, so dass die Tänzer nicht mit 40, 50 Jahren plötzlich ohne Alternative dastehen.“ Tänzer und Tänzerinnen seien Künstler, die heute erfreulicherweise im Schnitt eine längere und bessere Schulausbildung haben als frühere Generationen.

Tsai-Wei Tien (35).

Seit Anfang 2019 ist Bettina Wagner-Bergelt in Wuppertal, führt seither viele Einzelgespräche mit den Mitgliedern der Compagnie - weiß aktuell von drei älteren Tänzerinnen und Tänzern, die sich verändern wollen, zum Beispiel choreographieren oder Probenleiter werden wollen. Das Tanztheater unterstützt eine Tänzerin, die sich zur Pädagogin ausbilden lassen will. Auch in der Wirtschaft habe sie die Erfahrung gemacht, seien Tänzer und Tänzerinnen sehr gefragt - wegen ihrer Disziplin, Mehrsprachigkeit oder einfach, weil sie gewohnt sind, hart zu arbeiten, sagt die Intendantin.

In Deutschland hat der Tanz traditionell ein geringes Ansehen, galt lange als Anhängsel der Oper. Wagner-Bergelt selbst erlebte die Loslösung des Balletts in München, der nach der formellen Gleichstellung ein jahrelanger Kampf um eine reale Gleichstellung folgte. Noch heute leite keine Choreographin ein Opernhaus in Deutschland, wohl aber herrschen noch Opernintendanten, oft leider ohne jede Sachkenntnis über die Sparte Tanz/Ballett.

Die Situation in Wuppertal mit ihrer „großen gegenseitigen Wertschätzung und Liebe der Sparten, mit einem Opernintendanten „als größtem Fan des Tanztheaters“ ist da wohltuender Kontrast. Außerdem ist das Tanztheater eine selbstständige GmbH, also unabhängig. „Das Tanztheater ist aber auch ein Unikat“, hebt Kampfer hervor.

Sicher ist Bewegung in den klassischen Spitzentanz und seine Fixierung auf das Ideal des schönen Körpers gekommen. Moderne Richtungen verändern die Ästethiken und befördern andere Kriterien, die die Karriere der Tänzer verlängern. Wagner-Bergelt: „Es gibt heute viel mehr Formen, auch im Tanz, in denen das Alter keine Rolle spielt, Stücke, in denen die Gesellschaft auf der Bühne gespiegelt wird. Tanz ist politischer geworden.“ Dabei spiele die Selbstwahrnehmung eine große Rolle - beim Tänzer genauso wie beim Zuschauer, der die Unzulänglichkeiten des Körpers auch sehen wollen muss. So die Intendantin.

Bettina Wagner Bergelt (62).

Seit vielen Jahren ist die 62-Jährige im Dachverband Tanz (DTD) und in der Bundesdeutschen Ballett-und Tanztheaterdirektorenkonferenz (BBTK) aktiv, während sich Milan Kampfer bei „Dancersconnect“ einer Plattform für Profitänzer, engagiert. Es gehe darum, so der 31-Jährige, professionellen Tanz-Künstlern eine Stimme zu geben, kulturpolitische Themen anzustoßen, Weiterbildung zu fördern, gegen Klischées anzugehen, die Vertragssituation zu verbessern, die bislang kurzfristige Entlassungen erlaubt, oder sich für die physiotherapeutische Betreuung an Häusern einzusetzen, „die jeder Fußballverein selbstverständlich hat“. Vor allem aber will Kampfer am Selbstverständnis der Tänzer arbeiten, ihrer Selbstwahrnehmung. „Die Veränderung muss von innen heraus kommen“, sagt er und stellt diese neben Forderungen nach strukturellen Änderungen, offenen Ohren bei Politik und Theaterleitungen und einem Generationswechsel bei den Künstlervertretungen.

Ältere Tänzer

Der Beruf des Tänzers ist traditionell familienunfreundlich. Pina Bausch arbeitete in Deutschland als erste auch mit älteren Tänzern. Zum einen ergab sich das durch die Entwicklung des Tanztheaters, zum anderen passte es ins Konzept. Bei ihrem Stück „Kontakthof“ arbeitete die Choreographin im Jahr 2000 bewusst „Mit Damen und Herren ab 65“. Damals ein Tabubruch in der konservativ dominierten Tanzszene, die der Jugend verpflichtet ist. Im Rahmen der Weitergabe ihres Erbes spielt die Einweisung der jungen Tänzer durch die alten eine zentrale Rolle.

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