Planetarium und Sternwarte

In Solingen dem Sternenhimmel so nah

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Anfang Juli wurde das Galileum eröffnet. Der Andrang am ersten Tag war groß. 

SOLINGEN Das Galileum in der Nachbarstadt Solingen ist einzigartig in Europa. Es bietet ein modernes Planetarium, Sternwarte und mehr.

Von Timo Lemmer

Als aufstrebendster Stadtteil Solingens ist Ohligs – im Westen der Klingenstadt an Haan, Hilden und Langenfeld grenzend – ohnehin einen Besuch wert. Zahlreiche Bauprojekte und Verschönerungsmaßnahmen sind im Bau oder bereits fertig, der Zuzug der letzten Jahre ist enorm. Ob Fußgängerzone und lebendiger Marktplatz, Ohligser Heide und Naherholungsgebiet: Ohligs ist facettenreich.

Das Galileum aus der Vogelperspektive. Das Planetarium in einer ehemaligen Gaskugel entstanden. 

Anfang Juli ist noch eine weitere Attraktion hinzugekommen, deren Errichtung einem Marathon gleichkam: „Im Endeffekt haben wir 13 Jahre gebaut“, umschreibt es Dr. Frank Lungenstraß gerne. Der Physiker und Astronomie-Fan ist Geschäftsführer des Galileums, einem bisher einzigartigen Projekt – weltweit. Als mutig bis wahnsinnig bezeichnet er die Idee, die inzwischen Realität geworden ist: In einem stillgelegten Kugelgasbehälter entstand ein hochmodernes Planetarium, das von einem Nebengebäude betreten werden kann. So etwas war zuvor noch nie gewagt worden. „Schon gar nicht von so einem kleinen Verein, wie wir es sind“, bezieht sich Dr. Lungenstraß auf die Walter-Horn-Gesellschaft.

Auch die Mondlandung ist Thema im Galileum. Hier kann man in einen Raumanzug schlüpfen. 

Der Namensgeber sorgte schon in den 1920er Jahren für eine Sternwarte in Solingen, sein Verein wurde nach seinem Ableben nach ihm benannt. Rund 100 Mitglieder hat der Verein heute, der aktive Kern ist noch deutlich kleiner. 2006 begann die Gesellschaft mit Überlegungen, wie es mit der Sternwarte in Solingen –zuvor an einem Standort im Stadtteil Wald – weitergehen könnte. So kommt Dr. Lungenstraß auf symbolische „13 Jahre Bauzeit“, war die Reise zum neuen Standort doch von vielen Höhen und Tiefen geprägt.

Ein Schwerpunkt ist die Kinder- und Familienfreundlichkeit

Realer Baubeginn war im Übrigen 2016. Doch was entstanden ist, war jeden Schweißtropfen, jede Träne wert: „Auf dem Weg zum Galileum gab es jedes mögliche Gefühl“, gibt Dr. Lungenstraß zu, wenn er heute auf dem Dach des komplett neu errichteten Nebengebäudes sitzt. Die Aussicht hier oben ist unübertroffen, bei klarem Wetter gibt es gut 30 Meter über dem Boden freie Sicht bis Rhein und Ruhr.

Zum Standard-Programm der Besucher gehört der Besuch des Dachs auf dem Turm, der acht Etagen oberhalb der Erde ausweist, nicht. Noch nicht. Denn oben befindet sich die Sternwarte, viel altes und während der Bauzeit neu beschafftes Equipment vom alten Standort kommt hier zum Einsatz.

Bisher wird hier vor allem geforscht, und die Vereinsmitglieder beobachten den Sternenhimmel. Hier wird Dr. Lungenstraß bald auch einen Astronomie-Kurs geben. „Wir überlegen aktuell, wie wir die Sternwarte ins reguläre Programm einbeziehen“, sagt Dr. Lungenstraß. Das Problem ist klar: 84 Plätze bietet das Planetarium, mehr als 20 Menschen können nicht auf das etwa 70 Quadratmeter große Dach. Zumal ohnehin nur zwei Besucher gleichzeitig durch die Teleskope gucken können: „Und die, die hier hochkommen, sollen ja auch etwas sehen.“

In der ehemaligen Gaskugel ist das Planetarium untergebracht. In 84 Sesseln kann man den Blick ins All wagen. 

Eine schnelle Abfertigung soll es nicht geben, die Besucher sollen etwas mitnehmen können. Womit wir bei der Haupt-Attraktion des neuen Ohligser Leuchtturms wären: dem Planetarium im ehemaligen Gasbehälter. Dr. Lungenstraß erklärt, was das eigentlich ist:„Mit der Sternwarte beobachten wir die echten Sterne, im Planetarium sehen wir künstliche Sterne.“ Projektoren aus Japan, Software aus Frankreich: Bei der Eröffnung verrieten Vertreter der Fachfirmen: Das Galileum und dessen Technik seien in Europa einzigartig.

„Hier können wir den Himmel sehen, wie wir wollen. Zu jeder Zeit, von jedem Ort, ob von der Erde oder aus der Milchstraße.“ Dr. Lungenstraß beginnt bei seinen Vorführungen gerne mit einer Sicht in den Himmel, wie sie aus Solingen wäre. „Dann nehmen wir das Stadtlicht weg, und wir sehen den Sternenhimmel wie in einer abgelegenen Wüste. Wir können die Himmel darstellen, wie wir ihn sehen würden, wenn der Blick durch nichts beeinträchtigt würde.“

Der japanische Sternenprojektor projiziert in die Kuppel mit ihrem Durchmesser von zwölf Metern, während sich die 84 Besucher pro Vorstellung in ihren Sitzen zurücklehnen können. Rund 8500 Sterne werden in brillanter Auflösung projiziert. „Es ist einfach nur schön, den Himmel sehen zu können, wie er aussehen könnte.“

Etwa 2000 Menschen kamen beim Besuchertag in diesen Genuss, als den ganzen Tag über kostenfrei 20-minütige Schnipsel der Möglichkeiten dargeboten werden. Bernhard Fodor war einer der Besucher, die sich ein Bild machen konnten: „Alleine das Gelände hier ist schon imposant. In der Kugel zu sitzen, ist grandios.“ Dort wird weitaus mehr präsentiert als der Sternenhimmel, wie das Motto des Galileums unterstreicht: „Mehr als irgendwas mit Sternen.“ Denn für die Kuppel gibt es eigens produzierte Filme, die über Himmelskörper hinausgehen. „Wir zeigen astronomische Dinge, aber auch ganz andere.“

Im Planetarium zaubert ein drehbarer Chronos-Projektor das Weltall fast dreidimensional in die Kuppel der ehemaligen Gaskugel. Frank Lungenstraß, „Mr. Galileum“, ist einer der Macher des Großprojekts.

Ein Schwerpunkt: Kinder-und Familienfreundlichkeit. „Captain Schnuppes Weltraumreise“, eine Produktion des Planetariums Laubheim mit Kinderbuchautor Martin Klein, oder „Lars – Der kleine Eisbär“ sind im Programm und speziell für die 360-Grad-Darstellung produziert. „Das Kinderprogramm kommt bisher super an.“ Kinder ab dem Vorschulalter werden angesprochen, zuvor ist es eher schwierig: Denn komplett dunkel wird es im Planetarium in jedem Fall. „Die Rettung der Sternenfee Mira“ kommt bald hinzu: Überhaupt gibt es ab Oktober das neue Programm. Der angrenzende Sternenweg mit etlichen Spielmöglichkeiten rundet das Familien-Erlebnis beim Austoben ab. „Orchideen-Wunder der Evolution“ der Fachhochschule Kiel oder „Die Entstehung des Lebens“, eine Produktion von Mirage 3D, sind weitere Programm-Highlights.

Livemusik unter dem Sternenhimmel in der Kuppel

Unter dem Sternenhimmel passiert aber noch viel mehr. Ein weiterer Schwerpunkt: Musik. Ein Live-Konzert einer Harfenistin hat es bereits gegeben, Rockmusik unter dem Sternenhimmel und weitere Live-Events sollen folgen. Das Kuppel-Programm bietet zudem ab Oktober „Queen Heaven“ zur gleichnamigen Band, eine speziell für Planetarien produzierte Reise durch die Band-Geschichte. Zudem wird „Space Rock Symphony“ das Programm erweitern. Kabarett und Lesungen sind ebenso in der Planung. Und kürzlich verlieh das Standesamt Solingen dem Ort die Würde: Ab 2020 kann auch unter dem Sternenhimmel geheiratet werden.

Das Planetarium betritt man von der dritten Etage des Nebengebäudes, auch das ist einzigartig. Im Turm gibt es unter anderem einen Seminarraum, der schon jetzt für Weihnachtsfeiern ausgebucht ist. Anfragen zu Feiern oder Jahreshauptversammlungen kommen stetig herein, der Besuch des Planetariums gibt dem jeweiligen Event die spezielle Würze.

Im Turm selbst gibt es wechselnde Ausstellungen zu sehen. Bis April geht es um Apollo und die Mondlandung. Das Planetarium ist damit Ort für die Bürger der Stadt, die Schüler, Astronomie-Fans, Besucher von überall, Musik-Fans oder wissenschaftliche Vorträge und Experten-Treffen – also für jedermann.

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„Die Kugel ist ein Glücksfall“, sagt Dr. Lungenstraß. An den Anblick mussten sich die Solinger gewöhnen: Seit der Gasbehälter-Errichtung 1957 prägte die grüne Kugel das Stadtbild – vor der Eröffnung wurde sie Blau gestrichen.

GALILEUM IN SOLINGEN

ANREISE Das Galileum liegt im Stadtteil Ohligs äußerst verkehrsgünstig. Der Solinger Hauptbahnhof liegt nur zehn Fußminuten entfernt. Zum Hauptbahnhof gibt es Direktverbindungen per Bahn beispielsweise aus Köln oder Wuppertal (jeweils RE7 und RB48) sowie aus Düsseldorf oder dem Ruhrgebiet (jeweils S1), zudem halten zahlreiche Busse am Hauptbahnhof. Auch von den Autobahnen ist es nicht weit in den Osten Ohligs: von der A3-Ausfahrt Solingen oder der A46-Ausfahrt Erkrath/Solingen-Ohligs. „Wir haben die beste Anbindung Deutschlands“, freut sich Dr. Frank Lungenstraß

PREISE UND ZEITEN Sechs Euro ermäßigt, neun Euro für Vollzahler betragen die Kosten für Planetarium, Ausstellung und Vorträge. Familientickets gibt es für 24 Euro. Musik-und Kulturprogramme kosten 15 bis 18 Euro. Geöffnet ist das weitgehend ehrenamtlich getragene Galileum niemals „einfach so“ zum Reinschnuppern, sondern immer nur zu den Veranstaltungen. Zwischen Donnerstag und Sonntag finden in der Regel zehn Programme im Planetarium statt. Das Programm gibt es online.

TRÄGER Bereits in den 1920er-Jahren eröffnete in Solingen eine Sternwarte. Der in Solingen tätige Lehrer Walter Horn war prägend. Sein astronomischer Verein wurde nach seinem Tod in Walter-Horn-Gesellschaft umbenannt – die Gesellschaft fungierte als Trägerverein der Sternwarte Solingen, die zu Beginn der 1990er-Jahre einen Neubau realisierte. Die Solinger Sternwarte verfügte ab ihrer Wiedereröffnung 1993 über ein Planetarium-ähnliches Programm. Sie schloss im April 2018, Anfang Juli 2019 wurde dann das Galileum in zwei Kilometern Luftlinie entfernt eröffnet. Planung und Durchführung des Galileum-Projektes lagen einmal mehr beim Trägerverein der Sternwarte Solingen, der Walter-Horn-Gesellschaft.

KOSTEN Etwa acht Millionen Euro kostete die Errichtung. Davon gingen 1,3 Millionen in die Technik. Das Land NRW trug über Förderprogramme etwa 80 Prozent der Finanzierung, den Rest übernahm die Walter-Horn-Gesellschaft mithilfe vieler Sponsoren.

ANSCHRIFT Walter-Horn-Weg 1, 42697 Solingen

www.galileum-solingen.de

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