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Auf der Spur der „Lost Places“ im Tal

Es dürfte viele Jahre her sein, dass hier einmal Patienten saßen. Fotos (3): Daniel Boberg
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Es dürfte viele Jahre her sein, dass hier einmal Patienten saßen.

Fotograf Daniel Boberg hat seinen dritten Bildband zu „Lost Places“ veröffentlicht.

Von Manuel Praest

Wuppertal. Lange Gänge, riesige Hallen, Reste von Maschinen – ein gewisser Industriecharme ist geblieben, auch wenn in dieser Fabrik schon lange nicht mehr gearbeitet und produziert wird. Es ist ein verlassener oder auch vergessener Ort – oder wie es auf Englisch heißt: ein „Lost Place“. Daniel Boberg aus Hamm liebt diese Stätten. Unzählige Aufnahmen hat er bereits gemacht, 120 Lost Places in Berlin, Brandenburg und NRW aufgesucht. Mittlerweile gibt es drei Bildbände von ihm – und in den jüngsten haben es auch zwei Orte aus Wuppertal geschafft.

In der alten Knopffabrik wird schon lange nicht mehr gearbeitet.

Die eingangs erwähnte Knopf- und Metallwarenfabrik ist einer davon. Wo genau sie liegt, will der 32-Jährige nicht verraten. Denn er und seine Mitstreiter bewegen sich mitunter in einer Grauzone, räumt er ein – schließlich handelt es sich in den allermeisten Fällen um den Besitz anderer, den die Fotografen betreten. Das Aufbrechen von Türen oder ähnliches ist für Boberg allerdings tabu, betont er. Auch werde nichts vor Ort verändert oder gar mitgenommen. Und wenn der Eigentümer auftauche „und will, dass wir gehen, dann gibt es keine Diskussion“.

Dass die Gruppe der Lost-Places-Fotografen mitunter aber einen schlechten Ruf genießt, liege daran, dass sie oft mit denen in einen Topf geworfen werden, die die vergessenen Orte aus anderen Gründen aufsuchen. Vandalismus sei ein großes Problem, sagt der Hammer. „Und es passiert leider ständig“. Auch die Stadt Wuppertal kann davon ein Lied singen. Die Bergische Sonne, die bekanntlich bald abgerissen werden soll, ist seit Jahren Anziehungspunkt nicht nur für (Hobby-)Fotografen, sondern auch für Zerstörungswütige. Was Leute daran reize, „kann ich absolut nicht nachvollziehen“. Auch deshalb sei man mit Ortsangaben sehr zurückhaltend, „vor allem außerhalb unserer Community“.

Die „Gelbe Villa“ ist unter den „Lost-Places-Fotografen“ schon weithin bekannt.

Auch in seinen Büchern gibt Boberg maximal die Stadt an, mehr nicht. Und vor Ort versuche man zum Beispiel mit den Anwohnern in Kontakt zu kommen, ihnen zu erklären, „was wir eigentlich machen“, erzählt der Systementwickler, der mit seiner Familie in Hamm lebt. In Wuppertal sei er aber regelmäßig, betreibt mit Thorben Meyer zudem einen Fotoblog. Als er seinen Freund an der Wupper besuchte, sei ihm eher zufällig die alte Fabrik aufgefallen. „Die kannte ich damals noch nicht.“

Anders sei es bei der zweiten Location gewesen, die im Bildband „Verlassene Ort in Nordrhein-Westfalen“ vorgestellt wird. Unter „Gelbe Villa“ ist sie zu finden – und längst kein Geheimtipp mehr. Auch der eine oder andere Wuppertaler dürfte den markanten Bau schnell wiedererkennen. „Von ihr habe ich aber nur Außenaufnahmen gemacht“, sagt Boberg und hebt noch einmal hervor, nirgendwo einbrechen zu wollen.

Wuppertal sei als Stadt schon reizvoll. „Ich werde sicher noch mal für Fotos herkommen.“ Eine ehemalige Klinik hier hat er bereits schon besucht, etwa den – vermutlich – ehemaligen Wartebereich fotografiert, wo die Zeit schon ordentlich an den alten Stühlen genagt hat.

In der Anatomieabteilung stehen noch die Seziertische

Ihn reize einfach die Bandbreite, die die Locations bieten – vom ehemaligen Flughafen über die Irrenanstalt bis zum ehemaligen Bordell. Und die Motive. Oftmals seien es natürlich große Hallen wie in der Knopffabrik. Aber immer wieder böten sich auch schöne Details - und manchmal recht kuriose, sagt Boberg und erinnert sich an eine Zahnprothese, die er in der ehemaligen Wuppertaler Klinik fotografierte. Richtig makabre Orte habe er auch schon besucht, wie die stillgelegte Anatomieabteilung eines Krankenhauses. „Die Seziertische standen noch. Eine Kulisse für Horrorfilme.“

Sein Lieblingsort ist da schon deutlich freundlicher: das alte Stadtbad in Krefeld. Ein Verein kümmere sich darum, gegen eine kleine Spende seien „Lost-Places-Fotografen“ ausdrücklich eingeladen, dort auf Fotojagd zu gehen. Für einige in der Community sei das wiederum schon langweilig, so richtig mit Erlaubnis. „Mich stört das aber nicht. Mir geht es ja um die Fotos“, sagt der 32-Jährige. Wobei, natürlich sei es ein Kick, dort Fotos zu machen, wo man normalerweise nicht so einfach reinkommt. Vielleicht bald mal wieder auch in Wuppertal.

Rund um das Buch

Autor: Seit mehr als zehn Jahren fotografiert Daniel Boberg „Lost Places“. Zu seiner Arbeit gehört für ihn immer auch die Recherche zur Geschichte der Orte.

danielboberg.de

Wuppertal: Mit der „Gelben Villa“ und der Knopffabrik ist Wuppertal zweimal vertreten. Im Blog, den Boberg mit dem Wuppertaler Thorben Meyer betreibt, ist zum Beispiel noch die einstige Klinik vertreten.

pixelgranaten.de

Buch: Daniel Boberg: Verlassene Orte in Nordrhein-Westfalen. Lost Places, Ruinen und der Charme des Verfalls. Sutton Verlag, 168 Seiten, 29,99 Euro.

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