Nach der Machtübernahme der Taliban

Solinger sitzen in Afghanistan fest

Die Lage in Afghanistan ist unübersichtlich. Viele versuchen das Land zu verlassen. Foto: Sgt. Isaiah Campbell/U.S. Marine Corps via AP/dpa
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Die Lage in Afghanistan ist unübersichtlich. Viele versuchen das Land zu verlassen.
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400 Deutsche und weitere 10 000 Afghanen will die Bundesrepublik noch herausholen.

Von Susanne Koch

Solingen. Mut machen ihr derzeit nur noch die Reaktionen von ihrer Familie und Freundinnen aus Deutschland, die sie bekommt. Amira und ihr Sohn Khalid (Namen geändert) sitzen in Afghanistan fest – rund 1000 Kilometer von Kabul entfernt.

„Wir verstecken uns in der Wohnung meiner Mutter“, sagt die 44-Jährige. „Täglich hören wir Schüsse. Söldnertruppen aus Russland, aus Kurdistan und weiß Gott, wo sie alle herkommen, ziehen neben den Taliban durch die Stadt.“ Sie wollte ihre Mutter noch ein letztes Mal besuchen, bevor die Bundeswehr Afghanistan verlässt. Doch dann waren die Taliban schneller und ihr Flug wurde einen Tag vor der Rückreise gestrichen.

Amira und ihr Sohn haben schon seit mehr als zehn Jahren einen deutschen Pass. „Ihr Schicksal ist es, dass keiner weiß, wie wir Amira aus Afghanistan herausbekommen“, sagt Angelika Witoch, eine Freundin von Amira. „Wir haben alles versucht, was wir machen können, ihre Daten sind beim Auswärtigen Amt gelistet, doch niemand kann uns helfen, da niemand die Stadt Kabul verlassen hat, um auch Menschen auszufliegen, die sich noch außerhalb der Hauptstadt aufhalten. Und jetzt nach den Anschlägen des IS ist alles noch viel schlimmer geworden.“

Auch ein Schüler aus Solingen ist noch in Afghanistan

Der Weg ist für die deutsche Frau mit ihrem erwachsenen, aber behinderten Sohn, alleine nicht zu machen. „Wir hatten die Hoffnung, dass Caritas International oder andere Organisationen noch im Land sind und eventuell helfen können“, sagt Angelika Witoch. „Doch das hat sich leider bisher alles zerschlagen.“

„Das Essen wird schon knapp“, sagt Haiat Chanfouh vom Internationalen Frauenzentrum Solingen. „Die Banken haben geschlossen, so dass sie auch nicht an frisches Geld kommt. Und Amira hält sich die ganze Zeit versteckt.“ Auch an die Medikamente für ihren Sohn kommt Amira nicht. Die Apotheken seien geschlossen. Viele Afghanen im Bergischen machen sich wegen der derzeitigen Situation sorgen um ihre Familien.

„Wir haben alles versucht, was wir machen können, doch niemand kann uns helfen.“

Angelika Witoch, Freundin von Amira

Eine ausweglose Situation. „Derzeit laufen fast rund um die Uhr diplomatische Gespräche“, sagt Jannis Pähler, Mitarbeiter der Pressestelle des Auswärtigen Amtes in Berlin. „Es hat für uns höchste Priorität, unsere deutschen Staatsbürger heil aus Afghanistan herauszubekommen.“ 400 Deutsche sitzen derzeit noch in Afghanistan fest. „Wir tun, was wir können. Aber wir brauchen Geduld.“ Außenminister Heiko Maas (SPD) sei derzeit in den Nachbarländern Usbekistan, Pakistan und Tadschikistan unterwegs, um um Unterstützung zu werben.

Oberbürgermeister Tim Kurzbach ist dabei, mit der Stadt Solingen einen Brief ans Außenministerium und an Regierungsangestellte in Berlin zu schreiben. „Eine Art Resolution“, sagt Dirk Wagner, Leiter des Ressorts des Oberbürgermeisters zur Verwaltung und Digitalisierung. Pressesprecher Lutz Peters ergänzt: „Wir werden ihnen das Schicksal der Frau und ihrem Sohn, aber auch eines weiteren Solinger Schülers und seiner Familie ans Herz legen.“

„Es hat für uns höchste Priorität, unsere deutschen Staatsbürger heil aus Afghanistan heraus zu bekommen.“

Jannis Pähler, Mitarbeiter der Pressestelle des Auswärtigen Amts

Suse Pless, Lehrerin an der Alexander-Coppel-Gesamtschule, hält Kontakt zu dem Schüler und seiner Familie. „Sie haben ihre Verwandten in Kandahar besucht“, sagt Suse Pless. „Ich vertraue jetzt darauf, dass deutsche Politiker und Institutionen alles dransetzen, um den Menschen, die sich noch in Afghanistan befinden, zu helfen.“ Der Flug der Familie war im August gebucht, wurde aber gestrichen.

„Wir alle hoffen jetzt sehr, dass meiner Freundin und ihrem Sohn, aber auch dem Schüler und seiner Familie geholfen wird“, betont Angelika Witoch.

Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr

Am 22. Dezember 2001 stimmen 538 Abgeordnete von 581 für den damals auf ein halbes Jahr angelegten Einsatz. Die Regierung bildeten SPD und Bündnis 90/Die Grünen unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Der Einsatz am Hindukusch wird zur vorerst größten und teuersten Auslandsmission der Bundeswehr. Fast 10 Milliarden Euro hat der Einsatz allein an einsatzbedingten Zusatzausgaben gekostet. Darin sind die Gehälter der Soldaten und Kosten für die Beschaffung von genutztem Material und Fahrzeugen gar nicht enthalten. 59 Bundeswehrsoldaten wurden getötet.

Die Stadt Remscheid hat Platz für 500 Flüchtlinge aus Afghanistan.

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