Stadt Solingen entschuldigt sich

Impfnachweis gefälscht: Falscher Verdacht führt zu Hausdurchsuchung

Pia Rohde arbeitet in der Notaufnahme des Klinikums – und ist ordnungsgemäß geimpft.
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Pia Rohde arbeitet in der Notaufnahme des Klinikums – und ist ordnungsgemäß geimpft.

Pia Rohde wurde verdächtigt, ihren Impfnachweis gefälscht zu haben und bekam eine Strafanzeige. 60 weitere Menschen waren ebenfalls betroffen.

Von Kristin Dowe

Solingen. Pia Rohde traute ihren Augen nicht, als sie im Februar eine Strafanzeige der Polizei Wuppertal im Briefkasten hatte, die von der Stadt Solingen erstattet worden war. Der Vorwurf: Sie soll bei der Corona-Schutzimpfung den Nachweis zur Booster-Impfung gefälscht haben. „Ich konnte das kaum glauben. Ich bin gelernte Krankenschwester und habe mein Medizinstudium fast beendet. Da kann so ein Verdacht natürlich sehr negative Folgen für mich haben.“

Im Bergischen sind schon mehrere falsche Impfpässe vorgelegt worden.

Unter anderem kam es zu einer Durchsuchung bei der Solingerin: „Mein Impfpass wurde sichergestellt und das Zertifikat aus dem Handy gelöscht“, erinnert sie sich. Wie sich inzwischen ohne jeden Zweifel herausgestellt hat, ist die 31-Jährige ordnungsgemäß geboostert. Der Fälschungsverdacht kam durch einen internen Fehler bei der Stadt in die Welt.

Wo Menschen arbeiten, können auch Fehler passieren.

Ordnungsdezernent Jan Welzel

Schon in der Apotheke habe man ihr skeptische Fragen gestellt, da der Mitarbeiterin eine Unstimmigkeit bei der auf ihrem Impfausweis eingetragenen Chargennummer aufgefallen war. Sie stellte der Studentin das Impfzertifikat zwar dennoch aus, informierte aber das Gesundheitsamt über den Verdacht, die Kundin könne den Nachweis gefälscht haben. Denn an jenem Tag sei im Impfzentrum überhaupt nicht geimpft worden. Pia Rohde wurde allerdings nicht dort, sondern im städtischen Impfmobil geimpft.

Medizinstudentin fühlte sich vorverurteilt

Damit nahm der Irrtum seinen Lauf: Nachdem sie die Strafanzeige erhalten hatte, schaltete Pia Rohde vorsichtshalber einen Anwalt ein, der Akteneinsicht in den Vorgang beantragte. Bevor es dazu kam, stand im März eines Morgens aber die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss bei ihr vor der Haustür – beantragt von der Staatsanwaltschaft Wuppertal.

Von den verantwortlichen Beamten habe sie sich vorverurteilend behandelt gefühlt. „Die sind mit mir umgegangen, als hätte ich mit Aluhut auf dem Kopf die Tür geöffnet. Ich dachte immer, in Deutschland gilt die Unschuldsvermutung.“ Sie habe letztlich dann selbst das Gesundheitsamt kontaktiert und sich um Aufklärung bemüht. Eine Entschuldigung der Impfkoordination sei dann prompt erfolgt.

Stadt klebte fehlerhafte Etiketten in die Impfpässe

Rathaussprecher Thomas Kraft bestätigte auf ST-Nachfrage, dass in Rohdes Fall durch ein internes Versehen bei der Übertragung ein fehlerhaftes Etikett verwendet worden sei. Bei der Nachbearbeitung des Falls seien gar noch 60 weitere Übertragungsfehler ermittelt worden. Die Stadt habe die Betroffenen zur Korrektur angeschrieben.

„Wo Menschen arbeiten, können leider immer wieder auch Fehler passieren. Wir bedauern dies im Einzelfall natürlich und entschuldigen uns bei Frau Rohde für die Unannehmlichkeiten, die ihr dadurch entstanden sind“, teilt Ordnungsdezernent Jan Welzel (CDU) in einer Stellungnahme zu dem Fall mit. Die Stadt Solingen werde die entstandenen Anwaltskosten übernehmen.

Generell seien die Apotheken häufiger mit Verdachtsfällen bezüglich gefälschter Impfausweise konfrontiert, sagt Christian Veithen, Sprecher der Solinger Apotheken. „In solchen Fällen verständigen wir in der Regel direkt das Gesundheitsamt und die Polizei.“ Dass die betroffene Apotheke den Impfnachweis trotz des Verdachts ausgestellt hat, entspreche nicht dem üblichen Prozedere.

Gewundert hat sich Pia Rohde auch über das Vorgehen der Staatsanwaltschaft, die den Durchsuchungsbeschluss erwirkt hatte: „Da waren meine Ermittlungsarbeiten – eine E-Mail an das Gesundheitsamt schreiben – offenbar besser als das, was die Behörde in acht Wochen geschafft hat.“

Wolf-Tilman Baumert, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wuppertal, versichert auf Nachfrage, dass seine Behörde keinen Anlass gehabt habe, an den Angaben der Stadt Solingen zu zweifeln. Nachdem die Polizei die Beschuldigte zur Vernehmung vorgeladen hatte, sei diese zudem nicht zu dem Termin erschienen. „Das habe ich auf Rat meines Anwalts nicht getan“, begründete Pia Rohde diese Entscheidung. Sie sei nun vor allem froh, dass sich die ganze Sache aufgeklärt habe. Die Entschuldigung der Stadt habe sie angenommen. „Es nützt ja nichts, sich weiter darüber aufzuregen.“

Hintergrund

In der Vergangenheit kam es auch in Solingen immer wieder zu tatsächlichen Fälschungen von Impfausweisen. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei Wuppertal 18 Verfahren. Den Tätern droht eine Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr.

Standpunkt von Kristin Dowe: Fall mahnt zur Sorgfalt

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Die Folgen des falschen Verdachts gegen die Solingerin, die ausgerechnet in der Notaufnahme des Klinikums arbeitet, waren für sie verständlicherweise sehr belastend. Die Tatsache, dass ein Versehen der Stadt gleich bis zur Hausdurchsuchung führt, kann man dagegen schon als kurios bezeichnen. Nun arbeiten überall Menschen, denen naturgemäß Fehler passieren. Und natürlich ist es zu begrüßen, dass Apotheken für tatsächliche Fälschungen von Impfausweisen sensibilisiert sind und Behörden diese konsequent ahnden.

Solche Fälschungen gibt es ja – ausgerechnet gestern wurde wieder ein Verdacht bekannt. Dennoch sollte der Fall alle beteiligten Stellen an ihre Sorgfaltspflicht beim administrativen Teil des Impfgeschehens und beim Umgang mit Daten erinnern. Denn ein kleiner Fehler kann schwere Folgen haben. Auch sollten Unstimmigkeiten in der Apotheke sofort geklärt werden – im vorliegenden Fall wäre der Betroffenen vielleicht einiges erspart geblieben.

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