Reportage

Polio-Erkrankte hält flammenden Appell für die Corona-Impfung

Ingeborg Meuter-Reckermann erkrankte als Kind an Polio. Der Impfstoff gegen die Krankheit kam für sie zu spät. Foto: Christian Beier
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Ingeborg Meuter-Reckermann erkrankte als Kind an Polio. Der Impfstoff gegen die Krankheit kam für sie zu spät.

Solingen. Ingeborg Reckermann erkrankte als Kind an Kinderlähmung. Aus ihrer Geschichte möchte sie Lehren für die Pandemie vermitteln.

Von Kristin Dowe

Jede Bewegung ist wohl überlegt, wenn Ingeborg Meuter-Reckermann sich behutsam von ihrer Gehhilfe an den Esstisch hangelt. Auch wenn es mal etwas länger dauert, lehnt sie Hilfe von außen meistens strikt ab. Denn die Herausforderungen ihrer Krankheit aus eigener Kraft zu meistern, war immer eine Lebensaufgabe für die 94-jährige Höhscheiderin, die als Kind im Alter von 14 Monaten an Poliomyelitis erkrankte – besser bekannt als Kinderlähmung. „Meine Eltern haben immer gesagt: ,Was andere können, das kannst du auch.’“ Diese Einstellung hat sie beibehalten. Dem Tageblatt hat die Rentnerin ihre Geschichte erzählt, mit der sie vor allem eines möchte: einen flammenden Appell an die Impfskeptiker richten, sich mit dem heutigen Blick auf die Pandemie gegen Corona impfen zu lassen.

Die Impfung wäre für mich selbstverständlich gewesen.

Ingeborg Meuter-Reckermann

Denn in Bezug auf ihre Krankengeschichte hatte sie die Möglichkeit einer Impfung nicht. Der Amerikaner Thomas Salk entwickelte 1955 das inaktivierte Polio-Vakzin, 1960 wurde es in der DDR eingeführt, in der eher impfskeptisch eingestellten Bundesrepublik erst zwei Jahre später. Für die Solingerin kam der medizinische Durchbruch zu spät. An das Tageblatt schreibt sie: „Ich würde gerne die kurzfristige Einschränkung meiner ,freiheitlichen Menschenwürde‘ hinnehmen und gegen die mehrmaligen langfristigen Krankenhausaufenthalte mit Operationen und lebenslanger Gehbehinderung tauschen.“

In den 60er Jahren gab es die gleichen Argumente gegen eine Impfung wie heute

Als der Impfstoff in Deutschland auf den Markt kam, so erinnert sie sich, waren die Argumente der Gegner damals die gleichen wie heute. Die Mütter hatten Angst vor möglichen Nebenwirkungen der Impfung bei ihren Kindern. Sie dagegen vertraute selbst früh auf den wissenschaftlichen Fortschritt und versuchte Zweifler in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zu überzeugen. „Die Impfung wäre für mich selbstverständlich gewesen.“

So meldete sich Ingeborg Meuter-Reckermann als Polio-Erkrankte sogar für eine Blutspende zu Forschungszwecken, die dann aufgrund ihres Alters und dem langen zeitlichen Abstand zu ihrer Infektion doch nicht mehr benötigt wurde.

Angesteckt hat sich die lebenslustige Seniorin offenbar bei ihrer Geburt im damaligen Solinger Krankenhaus über Keime. „Auf der Kinderstation grassierte damals das Virus.“ Somit musste das kleine Mädchen die ersten zwei Jahre seines Lebens vollständig im Krankenhaus verbringen. Lernte Ingeborg Meuter-Reckermann zunächst altersgemäß normal laufen, verließ sie diese Fähigkeit später wieder, ein Bein knickte beim Auftreten andauernd weg.

Ingeborg Meuter-Reckermann war trotz Polio als Goldschmiedin erfolgreich

Ein Foto zeigt die kleine Inge bei ihrer Einschulung. Am linken Fuß trägt sie eine Bandage, das Bein ist mit einer Eisenstange stabilisiert.

Ein Foto zeigt die kleine Inge bei ihrer Einschulung. Am linken Fuß trägt sie eine Bandage, das Bein ist mit einer Eisenstange stabilisiert. Durch das vom Virus gehemmte Wachstum ist ein Bein 11,5 Zentimeter kürzer als das andere, links trägt sie bis heute heute Schuhgröße 33, rechts Größe 38.

Der Ausdruck des Mädchens auf dem Foto verrät aber auch: Ingeborg Meuter-Reckermann weiß genau, was sie will. Trotz ihrer Krankheit war sie immer sportlich, konnte schon mit fünf Jahren schwimmen und zog im früheren Birker Bad regelmäßig ihre Bahnen. Ihre Lehrerin in der Schule staunte nicht schlecht, als Inge vor der Klasse ihren Berufswunsch verkündete: Goldschmiedin wolle sie werden, in der damaligen Zeit ein ungewöhnliches Ziel für einen jungen Menschen mit Behinderung, obendrein für eine Frau. Abbringen lassen hat sich die Solingerin von den Bedenkenträgern auf ihrem Weg nicht.

Schmerzen waren ein ständiger Begleiter in ihrem Leben

Tatsächlich meisterte sie die Ausbildung zur Goldschmiedin im niedersächsischen Rinteln an der Weser mit Bravour, später eröffnete sie an der Stresemannstraße im Walder Schlauch ein Schmuckgeschäft, das lange eine gefragte Adresse im Ortskern blieb. Ingeborg Meuter-Reckermann ist überzeugt: „Es ist auf jeden Fall einfacher, mit einer Behinderung geboren zu werden, als sie später im Leben zu bekommen.“

Schmerzen waren dennoch ständiger Begleiter im Leben der 94-Jährigen, die rückblickend knapp vier Jahre ihres Lebens im Krankenhaus verbracht hat – zwei davon infolge eines Unfalls beim Schwimmen, als ein missglückter Kopfsprung ins Becken sie bei der Bewältigung ihrer Krankheit um Längen zurückwarf.

Heute, in der Impfdebatte um die Corona-Pandemie, erlebt Ingeborg Meuter-Reckermann, wie sich die Geschichte wiederholt. Sie und ihr Lebensgefährte reagierten sofort, als ihr Hausarzt ihnen einen Impftermin anbot. Die Einschränkungen nehmen beide hin, auch wenn der Verzicht auf die Chorproben schwerfällt. Ihre Geschichte zeigt, welche bitteren Pointen das Leben manchmal schreibt: „Mein Leben hat mit einem Virus begonnen, und es endet jetzt mit einem Virus. Ich hoffe, dass ich diesen überstehe.“

Hintergrund

Kinderlähmung: Dank des durchschlagenden Impferfolgs in den 1950er und 60er Jahren ist die Infektionskrankheit Poliomyelitis (kurz „Polio“) heute weitgehend ausgerottet. Wenige Neuerkrankungen werden etwa noch aus Afghanistan, Pakistan oder der Ukraine gemeldet.

Herdenimmunität: In Bezug auf die Corona-Pandemie gehen Experten aktuell davon aus, dass mindestens 90 Prozent der Bevölkerung den vollen Impfschutz benötigen, um umfassend gegen das Virus geschützt zu sein. Erst dann ist laut Studienlage der Grad der Grundimmunisierung ausreichend.

In unserem Blog finden Sie die neuesten Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen.

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