Mordprozess nach Tötung von fünf Kindern

Hasseldelle: Ein Jahr nach der Tat bleibt die Frage nach dem Warum

Viele Solinger drückten nach der Tat ihre Anteilnahme aus, indem sie Blumen und Kerzen für die verstorbenen Kinder vor dem Wohnhaus an der Hasselstraße niederlegten. Archivfoto: Michael Schütz
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Viele Solinger drückten nach der Tat ihre Anteilnahme aus, indem sie Blumen und Kerzen für die verstorbenen Kinder vor dem Wohnhaus an der Hasselstraße niederlegten.

Heute vor einem Jahr wurden 5 Kinder in Solingen tot aufgefunden. Angeklagt ist die Mutter.

Solingen. Es war ein diesig-wolkenverhangener Donnerstag am 3. September 2020, als am späten Nachmittag die erste Nachricht in der Tageblatt-Redaktion einging. In der Siedlung Hasseldelle sollte eine junge Mutter ihre fünf Kinder getötet haben. Wie sie dabei mutmaßlich vorgegangen ist, blieb zunächst ebenso im Dunkeln wie das Motiv, das die heute 28-Jährige offenbar zu dieser Tat getrieben hatte.

Die Polizei hatte die drei Mädchen und zwei Jungen im Alter von 18 Monaten bis zu acht Jahren allesamt tot in der Wohnung eines Hochhauses in dem teils als sozialem Brennpunkt stigmatisierten Viertels aufgefunden. Ihre Leichen lagen sorgsam in Handtücher und Decken gewickelt in ihren Betten. Wie man heute weiß, wurden die Kinder erstickt oder in der Badewanne ertränkt. Die spätere Obduktion zeigte zudem, dass die jungen Opfer vor der Tat mit Medikamenten ruhiggestellt wurden.

Ein einziges Kind der Familie, ein damals elfjähriger Junge, überlebte die Tat, weil er sich zur fraglichen Zeit in der Schule befand. Mit ihm begab sich die Solingerin unmittelbar nach der Tat mit dem Zug zum Düsseldorfer Hauptbahnhof, wo sie versuchte, sich selbst das Leben zu nehmen, indem sie sich vor einen heranfahrenden Zug warf.

Sie überlebte den Suizidversuch schwerverletzt und wurde zunächst in ein Krankenhaus gebracht – der Junge hingegen fuhr an jenem Tag weiter zu seiner in Mönchengladbach lebenden Großmutter. Im späteren Prozess gegen die Mutter stellte sich heraus, dass sie ihrem ältesten Sohn einen gemeinsamen Selbstmord auf den Schienen vorgeschlagen haben soll, was dieser verweigerte.

5 Kinder getötet: Mutter deutete Tat in einem Whatsapp-Chat an

Das bundesweite Entsetzen über die Geschehnisse war groß, schon jetzt hat der außergewöhnliche Fall Kriminalgeschichte geschrieben. Im Raum steht bis heute die Frage nach dem Warum.

Nach ersten Ermittlungen berichteten Vertreter der von der Polizei zusammengestellten Mordkommission und der Staatsanwaltschaft bei einer Pressekonferenz von einer schwierigen Trennung der Tatverdächtigen von ihrem Ehemann, der auch Vater von vier der getöteten Kinder ist. Er soll sich wegen eigener psychischer Probleme oft über Wochen der Familie entzogen haben. Die Solingerin hatte ihm gegenüber die Tat in einem WhatsApp-Chat vage angedeutet, nachdem sie kurz zuvor sein Profilbild mit seiner neuen Freundin entdeckt hatte. Dies zumindest wird als möglicher Auslöser für das Verbrechen gehandelt.

Der Eingangsbereich des Wohnhauses an der Hasseldelle war noch lange nach der Tat mit einem Meer von Blumen, Kerzen und Teddybären bedeckt – Solingen trauerte. Am Tag, als die Kinder aufgefunden wurden, traf ein blasser Oberbürgermeister Tim Kurzbach in der Hasseldelle ein und rang nach Worten, die es für das Geschehene nicht gab. Viele Bürger solidarisierten sich mit dem überlebenden Jungen und sammelten Spenden für ihn. Der Verein „Wir in der Hasseldelle“ organisierte eine Lichterkette zum Gedenken an die verstorbenen Kinder und blieb auch in den folgenden Wochen wichtiger Ansprechpartner für die Trauernden.

Gleichzeitig war das mediale Interesse an der Solinger Familientragödie gewaltig – Schulkameraden der getöteten Kinder berichteten, dass sie von Vertretern der Boulevardpresse auf dem Schulweg mit Fragen behelligt wurden, in der Hasseldelle säumten Ü-Wagen von Fernsehsendern die Straße.

Eine unrühmliche Rolle nahm im Zuge der Ereignisse unter anderem die „Bild“ ein, die Auszüge aus einem privaten Chat des überlebenden Jungen mit dessen Schulfreund veröffentlicht hatte. Es hagelte Beschwerden beim Deutschen Presserat über die Berichterstattung zur Kindstötung in Solingen. Im Nachgang kassierten „Bild“ und einzelne weitere Medien für ihre Berichterstattung gar eine Rüge.

Die Tat hat weite Kreise gezogen und Spuren bei Angehörigen, Freunden und Nachbarn der Familie hinterlassen. Auch für die Polizeibeamten, die an jenem Tag mit dem Anblick der toten Kinder konfrontiert waren, sei der Einsatz bei aller Professionalität traumatisch gewesen, berichtete Polizeipräsident Markus Röhrl im Nachgang – die Einsatzkräfte hätten psychologische Hilfe in Anspruch nehmen müssen.

In den sozialen Netzwerken wie Facebook meuterte unterdessen bereits die digitale Hexenverbrennung der Tatverdächtigen – und auch bei Vertretern des Jugendamtes suchte mancher schnell die Schuld. Später zeigte sich: Zwar gab es in einem anderen Zusammenhang Berührungspunkte der Familie mit dem Solinger Jugendamt, eine Kindeswohlgefährdung im rechtlichen Sinne, die etwa eine Inobhutnahme der Kinder durch die Behörde legitimiert hätte, lag zu keinem Zeitpunkt vor, versicherte auch Jugendamtsleiter Rüdiger Mann gegenüber dem Tageblatt. Fragen, ob sie irgendetwas hätten beitragen können, um die Tat zu verhindern, quälten seine Mitarbeiter dennoch, so Mann.

Im Prozess blieben bislang viele Fragen offen

Im Juni dieses Jahres begann der Prozess gegen die Mutter vor dem Landgericht Wuppertal, wo sich die 28-Jährige derzeit wegen heimtückischen Mordes in fünf Fällen verantworten muss. Bislang schweigt die Angeklagte beharrlich zu den Vorwürfen. Lediglich gegenüber zwei psychiatrischen Gutachtern hatte die Beschuldigte in Einzelgesprächen angegeben, dass ein maskierter Mann in ihre Wohnung eingedrungen sei und sie gewaltsam zu der Tat genötigt habe. Für diese Version der Geschichte fanden die Ermittler bislang keinen einzigen Hinweis.

Unabhängig von der Tat zeichneten Zeugen im Prozess das Bild einer liebevollen und fürsorglichen Mutter, die die gewaltige Aufgabe der Erziehung von sechs Kindern jahrelang größtenteils gut gemeistert habe. Ihre Verteidiger sehen Hinweise darauf, dass ihre Mandantin möglicherweise in ihrer Kindheit oder Jugend Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sein könnte – auch frühere Lehrerinnen der Angeklagten, deren Vater wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt wurde, teilten diese Vermutung. Bei der Urteilsfindung geht es somit auch um Fragen der Schuldfähigkeit. Drei Experten werden diesbezüglich noch ihr psychiatrisches Gutachten erstatten.

Hintergrund

Prozess: Die Hauptverhandlung gegen die 28-jährige Angeklagte findet vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Wuppertal statt und wird am 20. September fortgesetzt.

Beteiligte: Den Vorsitz hat Richter Jochen Kötter, die Anklage vertritt Heribert Kaune-Gebhardt von der Staatsanwaltschaft Wuppertal. Ein Urteil ist spätestens für Oktober zu erwarten.

Das Tageblatt berichtet nur unter besonderen Umständen über Suizid oder Suizidversuche. Wenn Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, ist die Hotline der Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar: Tel. 0800 11 10 11 1.

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