Stadt kritisiert die Methoden einiger Boulevardmedien

Hasseldelle: Presserat zählt mehr als 50 Beschwerden über Berichterstattung

Kerzen, Stofftiere, Blumen: Viele Solinger nehmen Anteil an dem tragischen Tötungsdelikt in der Hasseldelle. Auch das Medieninteresse an dem Fall ist riesig – national wie international. Bei einigen Medien kam es offenbar zu Grenzüberschreitungen.
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Kerzen, Stofftiere, Blumen: Viele Solinger nehmen Anteil an dem tragischen Tötungsdelikt in der Hasseldelle. Auch das Medieninteresse an dem Fall ist riesig – national wie international. Bei einigen Medien kam es offenbar zu Grenzüberschreitungen.
  • Verena Willing
    VonVerena Willing
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Auch die Stadt kritisiert die Methoden einiger Boulevardmedien im Zusammenhang mit der Familientragödie.

  • Die 27-jährige Mutter der Kinder gilt als dringend tatverdächtig. Gegen sie wurde Haftbefehl erlassen.
  • Am Samstagabend fand eine Trauerfeier in der Hasseldelle statt.
  • Unmut über „grenzüberschreitendes Verhalten einiger Medienvertreter“.

Update vom 7. September, 20 Uhr

Von Kristin Dowe

Ein Meer aus Kerzen, Blumen und Kuscheltieren als Zeichen der Trauer um die getöteten Kinder in der Hasseldelle.

Solingen. Die Familientragödie in der Hasseldelle, bei der eine 27-jährige Mutter unter dem Tatverdacht steht, fünf ihrer sechs Kinder getötet zu haben, hat bundesweit für Erschütterung gesorgt. Entsprechend hoch ist die öffentliche Aufmerksamkeit, die der dramatische Fall auf sich zieht. Die reißerische Art der Berichterstattung und die Methoden, derer sich offenbar einige Vertreter der Boulevardmedien bei ihrer Recherche bedient hatten, sind inzwischen in die Kritik geraten. So sind beim Deutschen Presserat bis gestern 51 Beschwerden über einen Artikel auf Bild.de, dem Online-Portal der Bild-Zeitung, eingegangen, wie eine ST-Anfrage ergab.

Konkret beziehen sich diese Beschwerden auf einen Artikel, den die Bild-Redaktion hinter eine Bezahlschranke gestellt hatte und der zunächst am 4. September erschienen war. „Mutter (27) hat fünf ihrer Kinder getötet: Freund (. . .) telefonierte mit dem Sohn, der überlebte“ hatte das Portal getitelt – und damit nicht nur den dringenden Tatverdacht gegen die Mutter als Tatsache verkauft, sondern für den Artikel offenbar auch ein zwölfjähriges Kind befragt, mit dem der überlebende Junge kurz nach den Geschehnissen in Kontakt gestanden haben soll. Auch der Name dieses Freundes wurde genannt. Außerdem hatte das Portal zeitweise ein unverpixeltes Foto der Mutter auf seiner Startseite gezeigt.

„Die Boulevardmedien haben aus der Tragödie noch Profit geschlagen.“

Stefanie Mergehenn, Rathaussprecherin

Besonders sauer aufgestoßen war vielen Usern, dass Bild.de Auszüge eines privaten Chats zwischen den Jungen veröffentlicht hatte. Ähnlich unrühmlich fiel die Berichterstattung des Kölner Privatsenders RTL und dessen Online-Portal RTL.de aus, das auch unverpixelte Fotos der Mutter veröffentlicht hatte. Eine Reporterin hatte ebenfalls ein Interview mit dem Freund des überlebenden Jungen geführt.

Zu den Kritikern dieser Vorgänge gehört die Stadt Solingen, die sich mit einer Beschwerde an den Deutschen Presserat wende, teilt Rathaussprecherin Stefanie Mergehenn schriftlich mit: „Die Berichterstattung über die Familientragödie in der Hasseldelle hat nach Ansicht von Oberbürgermeister Tim Kurzbach zahlreiche Grenzen des Pressekodex überschritten. Konkret kritisiert die Stadt Solingen in einer Beschwerde an den Deutschen Presserat die Zeitung „Bild“, den TV-Sender RTL sowie deren Online-Portale. Außer Acht gelassen wurden demnach der Schutz der Persönlichkeit vor allem von Kindern und Jugendlichen sowie der Grundsatz der Unschuldsvermutung.“

Als zusätzlich verwerflich werten die Verantwortlichen der Stadt, „dass Nachbarn in der Hasseldelle von Reportern belästigt wurden und besonders sensationsheischende Online-Beiträge nur hinter der Bezahlschranke abgerufen werden konnten“. Damit hätten „die Boulevardmedien noch Profit aus der Tragödie geschlagen“, heißt es bei der Stadt weiter.

Dies ist auch der Tenor der Kritik, der beim Deutschen Presserat ankommt: „Die Beschwerdeführer kritisieren, dass die Redaktion einen vertraulichen Chat veröffentlicht hat, in dem sich ein womöglich traumatisierter Minderjähriger an einen Freund wendet“, berichtet Sprecherin Sonja Volkmann-Schluck. Hier werde ein schutzbedürftiges Kind vorgeführt, so die verbreitete Ansicht. „Leider liegt uns der vollständige Artikel noch nicht vor, da die Redaktion ihn bereits gelöscht hat.“

Zu prüfen sei etwa, ob die Redaktion gegen eine Richtlinie verstoßen hat, wonach besondere Zurückhaltung bei der Recherche gegenüber schutzbedürftigen Personen geboten sei. Zudem stelle sich die Frage, ob der Persönlichkeitsschutz des Jungen verletzt wurde und ob eine „übertrieben sensationelle Berichterstattung“ vorliege. Es stelle sich die Frage, „ob die veröffentlichten Informationen von einem öffentlichen Interesse gedeckt waren oder nicht“.

Im Fall einer Rüge wäre „Bild“ zu deren Abdruck verpflichtet

„Ob Verstöße gegen den Kodex vorliegen oder nicht, kann erst der zuständige Beschwerdeausschuss entscheiden. Wir sind derzeit aber noch in der Vorprüfung und werden – sobald uns der vollständige Artikel vorliegt – zeitnah entscheiden, ob wir ein Verfahren einleiten“, kündigt Volkmann-Schluck an. Bei begründeten Beschwerden könne der Deutsche Presserat von einem Hinweis über eine Missbilligung bis hin zu einer Rüge verschiedene Maßnahmen einleiten. „Nur bei der öffentlichen Rüge besteht die Verpflichtung, diese auch abzudrucken.“ Zum Abdruck habe sich auch die Bild-Zeitung verpflichtet.

Das Blatt bezog auf ST-Anfrage zu den Vorwürfen Position: „Bild hatte die von RTL aufgebrachte Geschichte über die WhatsApp-Chats, die zwischenzeitlich auch international aufgegriffen worden war, mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Mutter des Freundes des Jungen am Freitag übernommen“, argumentiert ein Sprecher. „Bei der Beurteilung des Nachrichteninteresses der Chats waren wir zu demselben Schluss wie die Ermittlungsbehörden gekommen, die diese Chats bei Pressekonferenzen vorgelesen hatten.“

Der Chat zwischen den beiden Jungen, der Gegenstand der Kritik ist, wurde bei der bislang einzigen Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft zu dem Fall allerdings nicht vorgelesen.

Standpunkt: Besondere Verantwortung

Von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Wenn eine junge Mutter mutmaßlich fünf ihrer sechs Kinder tötet und anschließend versucht, sich selbst das Leben zu nehmen, ist das gewaltige Medienecho auch über Deutschland hinaus zunächst nachvollziehbar. Die aufgewühlte Öffentlichkeit verlangt nach verlässlich recherchierten Informationen und Hintergründen, um das Unbegreifliche irgendwie begreifen zu können. So ist ein solcher Fall auch in der Tageblatt-Redaktion von regen Diskussionen begleitet, welche Details für die Berichterstattung tatsächlich von Interesse sind und welche – möglicherweise ungewollt – ins Voyeuristische abgleiten könnten.

Nicht immer gibt es dabei nur schwarz oder weiß. Unstrittig ist aber: Der Berichterstattung sind dort klare Grenzen gesetzt, wo die Persönlichkeitsrechte und die Privatsphäre von Menschen verletzt werden – insbesondere, wenn es um schutzbedürftige Kinder geht. Dass private Nachrichten eines vermutlich zutiefst verstörten Jungen ans Tageslicht gezerrt werden, der gerade all seine Geschwister verloren hat, ist schlichtweg widerlich und an Pietätlosigkeit kaum zu überbieten. In einem solchen Fall muss die Presse ihre Verantwortung besonders ernstnehmen.

Solinger trauern gemeinsam um die getöteten Kinder

Update vom 7. September

Solingen. Die Stadt Solingen richtet wie bereits angekündigt eine Spendenmöglichkeit zur Unterstützung des einzig verbliebenen Sohnes der Familientragödie ein, die sich am Donnerstag in Solingen ereignet hat. Das Konto wird als Treuhandkonto bei der Gerd-Kaimer-Bürgerstiftung geführt und hat die IBAN DE 97 3425 0000 0001 6633 84. Bei der Überweisung wird um die Angabe des Stichwortes „Licht“ gebeten.

Die eingehenden Beträge sollen dem derzeit Elfjährigen auf seinem weiteren Lebensweg helfen, zum Beispiel bei der Finanzierung einer Ausbildung. Die Kosten für die Bestattung der verstorbenen Geschwister sichert die Stadt Solingen ab. Mit der Einrichtung des Kontos greift die Stadt sehr gerne eine Anregung auf, die viele Bürger über die sozialen Medien an Oberbürgermeister Tim Kurzbach gerichtet hatten.

Die Gerd-Kaimer-Bürgerstiftung ist eine rechtlich selbstständige Stiftung, die von der Stadt Solingen gegründet wurde, unter anderem mit Mitteln aus dem Nachlass des Solinger Alt-Oberbürgermeisters Gerd Kaimer (1926 bis 2016). Sie widmet sich sozialen und kulturellen Zwecken und der Förderung der Jugend. Oberbürgermeister Tim Kurzbach: „Ich bin sicher: Die Unterstützung des Jungen wäre im Sinne von Gerd Kaimer gewesen.“

Das Stichwort „Licht“ erinnert an die vielen Lichter, die die Nachbarn der Verstorbenen am vergangenen Samstag in Solingen entzündet haben.

Update vom 6. September, 18.35 Uhr

Solingen. Auch vier Tage nach Familientragödie stehen viele Solinger noch unter Schock. Besonders das Schicksal des überlebenden Kindes, ein elfjähriger Junge, hatte viele Solinger zutiefst bewegt. Diesen hatte die Mutter als einzigen von der mutmaßlichen Tat verschont – er befindet sich aktuell in der sicheren Obhut seiner in Mönchengladbach lebenden Großmutter.
„In den sozialen Netzwerken hatten einige Bürger die Idee geäußert, ein Spendenkonto für die Familie und insbesondere für den Sohn einzurichten. Diese Anregung haben wir gerne aufgegriffen“, berichtet Rathaussprecher Lutz Peters auf Nachfrage. Das Spendenkonto werde in Kürze bei der Stadt-Sparkasse Solingen eingerichtet – mit den Spenden solle voraussichtlich auch die Beerdigung der fünf Kinder finanziert werden.

Unmut gab es bei der Stadt über grenzüberschreitendes Verhalten einiger Medienvertreter. So belagerten Reporter offenbar die Grundschule, die eines der Kinder besucht, und veröffentlichten Auszüge eines privaten Chats zwischen dem überlebendem Jungen und dessen Schulfreund. Auch private Fotos, darunter ein Hochzeitsfoto der mutmaßlichen Täterin, waren aufgetaucht. „Eine Beschwerde beim Presserat ziehen wir durchaus in Erwägung“, kündigt Peters an.
Alle Parteien hatten im Zuge der Ereignisse ihren Wahlkampf vorübergehend ausgesetzt. Eine Ausnahme bildete die AfD, die am Freitag eine Kundgebung auf dem Neumarkt vor etwa 20 Zuschauern abhielt.

Update vom 5. September, 22.30 Uhr

Solingen. Am Samstagabend gedachten zahlreiche Menschen an der Hasselstraße der fünf getöteten Kinder. Zu einer stillen Trauerfeier hatte der Verein „Wir in der Hasseldelle“ geladen. Der Verein wollte damit vor allem den Anwohnern des Stadtteils die Möglichkeit geben, ihre Trauer gemeinsam zu verarbeiten. Hunderte Menschen kamen am Abend. Unter ihnen war auch Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD). Die Trauernden zündeten an dem Haus, in dem die Kinder getötet worden waren, Kerzen an oder legten Stofftiere ab.

Unser Artikel vom 4. September, 21.50 Uhr - von Kristin Dowe und Andreas Tews

Solingen. Den meisten Solingern steckt der Schock über die entsetzlichen Geschehnisse vom Donnerstag noch in den Knochen. Einen Tag danach haben Polizei und Staatsanwaltschaft am Freitag in einer gemeinsamen Pressekonferenz weitere Details zum mutmaßlichen Ablauf der Tat und zu den Hintergründen bekanntgegeben. Wie berichtet, waren am Donnerstag fünf Kinder in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses an der Hasselstraße im Stadtteil Hasseldelle tot aufgefunden worden – drei Mädchen im Alter von einem, zwei und drei Jahren und zwei Jungen im Alter von sechs und acht Jahren.

Als dringend tatverdächtig für das Tötungsdelikt gilt die 27-jährige Mutter der Kinder, die sich wenig später am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug warf und den Suizidversuch schwer verletzt überlebte. Ihr ältestes Kind, den elfjährigen Sohn, verschonte die Frau. Der Junge befindet sich in der Obhut seiner Großmutter.

Die Kinder stammen von insgesamt drei Vätern – vier von ihnen aus der Ehe mit einem 28-jährigen Mann, die beiden weiteren Kinder haben jeweils verschiedene Väter. Keiner der drei Männer gilt als tatverdächtig.

„Meine Polizeibeamten haben allesamt Betreuungsbedarf.“

Robert Gereci, Einsatzleiter

Wie Polizeisprecher Alexander Kresta am Freitag mitteilte, wurde die Beschuldigte zunächst im Krankenhaus behandelt und befindet sich mittlerweile in Untersuchungshaft, nachdem ein Haftbefehl wegen fünffachen Mordes gegen sie erlassen wurde. Vernehmungsfähig sei die Frau aber noch immer nicht. Einsatzleiter Robert Gereci skizzierte grob, wie die Polizei den Ablauf der Tat rekonstruiert hat: „Die Informationslage hat sich zunächst sehr diffus gestaltet“, berichtet der Polizist. Die Polizei Mönchengladbach hatte ihre Kollegen in Wuppertal am frühen Nachmittag informiert, nachdem in der dortigen Leitstelle ein Notruf der Mutter der Tatverdächtigen eingegangen war. Diese habe sich kurz nach der Tat ihrer Mutter offenbart, dass sich fünf der Kinder tot in ihrer Solinger Wohnung befänden und sie sich auch umbringen wolle. Einzig der elfjährige Enkel sei auf dem Weg zur Großmutter. Der Grund sei, dass sie mit der Trennung von ihrem Mann nicht zurechtkäme, es gehe ihr sehr schlecht.

Familientragödie in Solingen: 80 Polizeibeamte waren im Einsatz

Während die Polizei sich in Begleitung von Seelsorgern in Mönchengladbach auf den Weg zu der Großmutter machte, begaben sich die Beamten in Solingen zu der genannten Adresse, wo sie gewaltsam die Tür öffneten. Dort bot sich ihnen ein fürchterlicher Anblick: Die fünf Kinder lagen allesamt tot in ihren Bettchen.

„Insgesamt waren am gestrigen Einsatz rund 80 Polizeibeamte beteiligt“, bilanzierte Gereci, darunter Kräfte aus Mönchengladbach, Mettmann und Bochum.

Nach aktuellen Erkenntnissen gebe es Hinweise auf eine Sedierung und Erstickung der Kinder, ergänzte der für Kapitaldelikte zuständige Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt. „Die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung stehen noch aus.“

Eindringlich schilderte Gereci weiter, wie seelisch belastend die Ermittlungsarbeit insbesondere für die Polizeibeamten war, welche die Kinder tot aufgefunden haben. Diese hätten nun allesamt „Betreuungsbedarf“.

Beinahe verstörend harmlos wirkt dagegen das Szenario, das Marcel Maierhofer, der Leiter der Mordkommission, anschließend beschreibt: „Die Mutter hat den elfjährigen Sohn zunächst planmäßig zur Schule geschickt – auf dem Tisch standen noch Schälchen vom Frühstück.“ Später habe die Beschuldigte dann Kontakt zur Schule ihres Sohnes aufgenommen und gebeten, ihn nach Hause zu schicken. Der Vorwand der Mutter erscheint rückblickend geradezu sarkastisch – es gebe „einen Todesfall in der Familie“.

Familientragödie in Solingen: Kindeswohlgefährdung lag laut Stadt zu keinem Zeitpunkt vor

Später habe sich die Solingerin gemeinsam mit ihrem Sohn mit dem Zug auf den Weg zum Düsseldorfer Hauptbahnhof gemacht, von wo aus er allein weiter zu seiner Großmutter fuhr. Sie selbst stieg dort aus, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Der Elfjährige schrieb später in einem Gruppenchat eine Whatsapp-Nachricht: „Alle meine Geschwister sind tot.“ Gewisse Auffälligkeiten habe es im Vorfeld der Tat gegeben, berichtet Gereci: So habe die Mutter ihren Ex-Mann wegen Diebstahls angezeigt, ein Familienstreit endete außerdem einmal in einem Polizeieinsatz. Ansonsten gelangte die Familie nicht in den Fokus der Behörden.

Oberbürgermeister Tim Kurzbach versicherte, dass die Stadt Solingen bei der Aufklärung der Tat mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeite. Zuvor hatte das Rathaus mitgeteilt, dass das Jugendamt der betroffenen Familie in der Vergangenheit Unterstützung gewährt und zusätzliche Hilfe angeboten habe. Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung hätten aber „zu keinem Zeitpunkt“ vorgelegen.

Kurzbach erklärte, es werde Zeit brauchen, bis Polizei und Staatsanwaltschaft alle Details der Tat ermittelt hätten. Mit allzu schnellen Rückschlüssen – auch zum familiären Hintergrund – solle man sich jetzt zurückhalten. „Gerüchte helfen uns nicht weiter“, sagte Kurzbach. Jetzt sei zunächst Zeit für Trauer.

Seelsorge

Nähe zu einer Tat hinterlässt häufig das Bedürfnis, über das eigene Erleben zu sprechen. Fachkräfte der Wohlfahrtsverbände sind heute und am Sonntag von 10 bis 17 Uhr erreichbar.

Diakonisches Werk Solingen: Tel. (02 12) 28 72 00;

Der Paritätische NRW, Kreisgruppe Solingen: Tel. (02 12) 23 13 43 33-0;

Caritasverband Wuppertal/Solingen: Tel. (0170) 2 60 32 33 (Sa.), (01 51) 52 63 31 60 (So.).

+++16.45 Uhr+++ Die Pressekonferenz hat begonnen.

Die verstorbenen Kinder hießen Melina, Leonie und Sophie (1, 2 und 3 Jahre), Timo und Luca (6 und 8 Jahre). Der älteste Sohn heißt Marcel. Der Elfjährige ist der einzige Überlebende.

Einzig tatverdächtig ist bislang die Mutter. Keiner der drei Väter kommt laut Polizei für die Tat infrage.

Der älteste Junge hat seinen Schulkameraden offenbar gegen Mittag über einen Chat mitgeteilt, dass all seine Geschwister tot seien.

Jetzt spricht Marcel Maierhofer, Leiter der Mordkommission: Es gibt keine Anzeichen für scharfe oder stumpfe Gewalt. Die Polizei geht davon aus, dass der Älteste in der Schule war, als die Mutter unter einem Vorwand per Telefon ihren Sohn Marcel aus dem Unterricht holte. Gemeinsam sind die beiden dann mit einem Zug nach Düsseldorf gefahren. Während Marcel nach Mönchengladbach fuhr, stieg die Mutter in Düsseldorf aus. Die Mutter hat sich der Großmutter offenbart und ihr mitgeteilt, dass die fünf Kinder tot seien. Anschließend warf sie sich offenbar in suizidaler Absicht vor einen Zug. Polizei geht davon aus, dass sich die Mutter in einer emotional überforderten Situation befunden hat. Offenbar lebte sie seit einem Jahr von ihrem Mann getrennt.

Pressekonferenz zur Familientragödie in Solingen.

Jetzt spricht Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt: Erste Hinweise deuten darauf hin, dass die Kinder sediert wurden und anschließend erstickt worden sind.

Ob die Kinder mit Medikamenten sediert worden sind, muss die toxikologische Untersuchung zeigen, sagt Marcel Maierhofer von der Mordkommission.

Nach etwa einer halben Stunde endet die Pressekonferenz.

Heribert Kaune-Gebhardt von der Staatsanwaltschaft ergänzt soeben noch, dass Haftbefehl gegen die 27-jährige Mutter der toten Kinder erlassen worden ist.

+++16 Uhr+++ Medieninteresse an Fall aus Solingen enorm

Das Medieninteresse an der Familientragödie, die sich am Donnerstag in Solingen ereignet hat, ist nach wie vor riesig. Vor dem Theater und Konzerthaus, wo bald die Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft stattfindet, stehen bereits zahlreiche Übertragungswagen diverser Fernsehsender.

Die Medien werden in wenigen Minuten informiert. Die Pressekonferenz geben Alexander Kresta, Leiter der Polizeipressestelle, Heribert Kaune-Gebhardt, Staatsanwaltschaft Wuppertal, Robert Gereci, Einsatzleiter der Polizei, sowie Marcel Maierhofer, Leiter der zuständigen Mordkommission.

Update, 14.30 Uhr, Live-Stream von der Pressekonferenz

Solingen. Auch am Mittag hat sich die Polizei nicht weiter zu den schrecklichen Ereignissen an der Hasselstraße geäußert. Am Nachmittag gibt es eine Pressekonferenz in Solingen. Das ST wird einen Live-Stream von dort bereitstellen. Außerdem berichten wir live von der Pressekonferenz über neue Erkenntnisse und Entwicklungen. Die Pressekonferenz beginnt um 16.45 Uhr.

Update vom 4. September, 6.30 Uhr:

Solingen. Am Nachmittag werden Polizei und Staatsanwaltschaft in einer Pressekonferenz über den Stand der Ermittlungen berichten. Aufgrund des riesigen Interesses findet sie im Theater und Konzerthaus statt, um die Corona-Auflagen erfüllen zu können. Die Polizei hat bis tief in die Nacht vor Ort ermittelt. Anschließend haben Beamte die Nachtwache am Tatort übernommen. Die Einsatzkräfte, die vor Ort die schrecklichen Bilder sehen mussten, werden polizeiintern betreut. Dazu gehört auch die Notfall-Seelsorge.

Unser Artikel vom 3. September

Mitarbeiter der Kriminaltechnischen Untersuchung sicherten stundenlang Spuren in der Wohnung an der Hasselstraße.

Solingen. Eine unfassbare Familientragödie erschüttert Solingen, die in der Geschichte der Stadt noch lange nachhallen wird: Laut Polizeiangaben wurden in der Wohnung eines Mehrfamilienhauses an der Hasselstraße im Stadtteil Hasseldelle am Donnerstag fünf Kinder – drei Mädchen im Alter von 18 Monaten, zwei und drei Jahren sowie zwei Jungen im Alter von sechs und acht Jahren – tot aufgefunden. Die Polizei erreichte um 14 Uhr ein Notruf der Großmutter, die in Mönchengladbach wohnt und kurz zuvor mit ihrer Tochter in Kontakt stand.

Zu den Todesumständen der Kinder und der Auffindesituation ihrer Leichen macht die Polizei aktuell keine Angaben. Die 27-jährige Mutter, eine Deutsche, steht unter dringendem Tatverdacht, die Kinder getötet zu haben. Die junge Frau hatte sich nach der mutmaßlichen Tat am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen und überlebte den Suizidversuch schwer verletzt. Sie wird zurzeit in Düsseldorf im Krankenhaus behandelt und ist noch nicht vernehmungsfähig.

Der Vater der Kinder stammt laut ST-Informationen aus Haan und wurde unmittelbar nach der Tat von der Polizei und Seelsorgern aufgesucht, die 27-Jährige kommt gebürtig aus Mönchengladbach.

Glücklicherweise von der Tat verschont blieb das älteste Kind der Familie, ein elfjähriger Junge, mit dem sich die Mutter nach Angaben der Polizei nach der Tat zum Düsseldorfer Hauptbahnhof begeben haben soll. Von dort aus fuhr er alleine weiter zu seiner Großmutter nach Mönchengladbach. Unbestätigten Informationen zufolge musste das Kind die Tat nicht mitansehen. Der Junge befinde sich nun „im sicheren Umfeld der Familie“, versichert Polizeisprecher Stefan Weiand auf Nachfrage.

„Einen vergleichbaren Fall habe ich in Solingen noch nicht erlebt.“ 

Markus Röhrl, Polizeipräsident

Die Polizei war den ganzen Tag mit einem Großaufgebot von rund 40 Kräften vor Ort. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen übernommen und der Tatort wurde abgesperrt. Mitarbeiter der Kriminaltechnischen Untersuchung (KTU) nahmen den Tatort stundenlang in Augenschein und sicherten Spuren. Gleichzeitig tummelten sich zahlreiche Medienvertreter vor dem Haus im Stadtteil Hasseldelle, der zuweilen mit dem Ruf eines sozialen Brennpunkts zu kämpfen hat. Das Mehrfamilienhaus, in dem sich die Tat zugetragen hat, gehört zu den wenigen Hochhäusern in Solingen.

„So etwas ist auch für die Einsatzkräfte eine belastende Situation“, so Weiand. Eine Podiumsdiskussion der IHK mit den Solinger Oberbürgermeisterkandidaten wurde kurzfristig abgesagt. OB Tim Kurzbach (SPD) besuchte den Unglücksort, um sein Mitgefühl auszudrücken. „Ich bin heute hierher gekommen, weil diese Tat viele Solingerinnen und Solinger ins Herz getroffen hat – gerade wenn man wie ich selbst Vater ist“, sagte der OB, der von den Ereignissen sichtlich gezeichnet war und vor dem Haus eine Kerze aufstellte. Stilles Gedenken an die Opfer – Wahlkampf ruht

Ähnlich erschüttert zeigte sich Polizeipräsident Markus Röhrl, der ebenfalls zum Einsatzort gekommen war, um sich ein Bild von der Lage zu machen. „Einen vergleichbaren Fall habe ich abgesehen von dem Brandanschlag damals in Solingen auch noch nicht erlebt. Da hält einen natürlich nichts mehr im Büro – da möchte ich vor Ort sein, um mit den Kolleginnen und Kollegen darüber zu sprechen, was hier passiert ist.“

Die Polizei wird am Freitag im Laufe des Tages eine Pressekonferenz zu dem Fall geben, denn gegenwärtig sind noch viele Fragen offen. Unklar ist etwa, ob die Frau polizeibekannt war und ob die Familie bereits unter Beobachtung des Jugendamtes stand. Eine Stellungnahme der Stadt liegt hierzu noch nicht vor.

Telefonseelsorge

Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen oder Selbsttötungsversuche, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge.

Tel. (08 00) 1 11 01 11

Standpunkt

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Björn Boch

Entsetzen, Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit: All das war zu spüren, als sich die schreckliche Nachricht des Todes von fünf Kindern in Solingen verbreitete. Nicht auszudenken, wie es Familienmitgliedern, Nachbarn, Freunden jetzt gehen muss – und was selbst hartgesottene Profis bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten am Donnerstag ertragen mussten. Eine bleierne Schwere liegt über der Stadt. Welche Auswirkungen dieses tragische Ereignis haben wird, lässt sich noch nicht absehen. Aber es wird nachwirken, in der Stadt insgesamt, die nun international in den Schlagzeilen ist, aber auch in der Hasseldelle. Sie ist sicher nicht so schlecht wie ihr Ruf, steht nun aber erneut im Fokus – auch wenn sich der Verein „Wir in der Hasseldelle“ nachvollziehbarerweise etwas anderes wünschen würde. So kurz nach der Tat ist es zu früh für Schuldzuweisungen. Doch klar ist, dass aufgeklärt werden muss, ob und welche Lehren aus diesem schrecklichen Fall zu ziehen sind – und ob und wie die Tat zu verhindern gewesen wäre.

Die Absage der Podiumsdiskussion mit den OB-Kandidaten und die Pause im Wahlkampf sind richtig, denn klar ist: Mit Wahlkampf verträgt sich die schreckliche Tat nicht.

Unser Artikel vom 3. September, 15 Uhr

Solingen. In einer Wohnung an der Hasselstraße in Solingen sind gegen 14 Uhr fünf tote Kinder gefunden worden. Alles deutet auf eine Familientragödie hin. Die Großmutter der Kinder, die in Mönchengladbach wohnt, hatte die Polizei per Notruf alarmiert.

Nach ersten Erkenntnissen richtet sich der Tatverdacht gegen die 27-jährige Mutter der Kinder. Diese war bei Eintreffen der Polizei nicht in der Wohnung vor Ort. Sie warf sich um 13.47 Uhr am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug und wird schwer verletzt im Krankenhaus behandelt. Die Polizei war am Donnerstag mit einem Großaufgebot von annähernd 40 Kräften vor Ort. Auch Seelsorger waren im Einsatz.

Bei den Kindern soll es sich um drei Mädchen (18 Monate, 3 Jahre und 2 Jahre) sowie zwei Jungen im Alter von 6 und 8 Jahren handeln. Über die genaue Auffindesituation macht die Polizei bislang keine Angaben. Ein weiterer Sohn (11) war gemeinsam mit der Mutter bis zum Düsseldorfer Hauptbahnhof gefahren und von dort allein weiter zu seiner Großmutter nach Mönchengladbach. Er befindet sich im sicheren Familienumfeld.

Fünf tote Kinder in Solingen: Seelsorger in der Hasseldelle im Einsatz

Auch für die Beamten vor Ort war es ein emotional sehr belastender Einsatz. Der Tatort wurde weiträumig abgesperrt. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen übernommen. Experten der Spurensicherung trafen bereits am frühen Nachmittag an der Hasselstraße ein.

Stefan Weiand, Pressesprecher der Polizei Wuppertal, informierte die Presse.

Auch NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) zeigte sich erschüttert: „Das Familiendrama von Solingen erfüllt mich mit großer Trauer und im Moment bin ich mit meinen Gedanken und mit meinem Gebet bei fünf kleinen Kindern, die so furchtbar früh aus dem Leben gerissen wurden.“

Noch am Abend lud Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) Vertreter der Ratsfraktionen sowie die Oberbürgermeisterkandidaten der anderen Parteien zu einem stillen Gedenken am Tatort an der Hasselstraße in Solingen ein. Er war bereits am Nachmittag zur Hasselstraße gekommen - auch, um den Einsatzkräften vor Ort zu danken. Sichtlich bewegt stellte er eine Kerze an dem Mehrfamilienhaus ab, in dem sich die Tragödie am Donnerstag abgespielt hatte.

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