Fehlender Brandschutz

Ukrainische Flüchtlinge haben Oberburg verlassen

Mit ihren Habseligkeiten und Taschen mit gespendeter Kleidung und Spielzeug verließen die ukrainischen Flüchtlinge gestern die Unterkunft im Hotel „In der Straßen“ (o.r.). Die Feuerwehr übernahm den Transport in städtische Unterkünfte. Ehrenamtler wie Bina Vermeegen (unten Mitte) kümmerten sich um Organisation und Verpflegung. Fotos: Christian Beier
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Die ukrainischen Flüchtlinge verließen die Unterkunft im Hotel „In der Straßen“.
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Stadt bemängelt fehlenden Brandschutz und hat ukrainische Familien auf städtische Unterkünfte verteilt.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Die knapp 80 Flüchtlinge aus der Ukraine, die seit dem Wochenende im Hotel „In der Straßen“ in Oberburg untergebracht waren, haben das Gebäude am Freitag verlassen und wurden in städtischen Unterkünften untergebracht. Die Stadt erklärte den Grund für die Aktion, die bei vielen der ehrenamtlichen Helfer am Freitag auf Unverständnis stieß. „Die Menschen können dort auf keinen Fall bleiben, weil in dem Objekt gravierende Brandschutzmängel herrschen, die bereits seit 2008 bekannt und gutachterlich dokumentiert sind“, so Stadt-Sprecher Thomas Kraft. Dadurch sei eine Nutzungsuntersagung für den Hoteltrakt durch die Bauaufsicht der Stadt erfolgt.

Mit ihren Habseligkeiten und Taschen mit gespendeter Kleidung und Spielzeug verließen die ukrainischen Flüchtlinge am Freitag die Unterkunft im Hotel „In der Straßen“.

Im jetzigen Zustand bezeichnete die Feuerwehr das Gebäude als „Feuerfalle“, aus der im Notfall keine Rettung möglich wäre. Nach Auskunft des Bauamtes sei eine Kernsanierung notwendig, um das Gebäude sicher zu machen und die Brandschutzauflagen anzupassen. „Für deren Einhaltung und damit für die Sicherheit zu sorgen, ist meine Pflicht“, sagte der zuständige Ordnungsdezernent Jan Welzel. „Daher kann ich es nicht verantworten, Menschen in diesem Gebäude unterzubringen, die aus einem Kriegsgebiet geflohen sind, um bei uns in Solingen als Gäste eine sichere Unterkunft zu finden.“ Nach Auskunft der Stadt habe der Betreiber die Geflüchteten „wider besseres Wissen“ aufgenommen.

Die Feuerwehr übernahm den Transport in städtische Unterkünfte.

Inhaber Andreas Heibach, der die Hilfsaktion am Wochenende auf den Weg gebracht hatte, kritisiert hingegen die fehlende Zusammenarbeit mit der Stadt. „Die Entwicklung war doch dynamisch. Als am Anfang die Menschen hier standen, waren alle froh, dass ich schnell und unbürokratisch geholfen habe.“

Die Feuerwehr und viele Ehrenamtler halfen am Freitag beim Auszug. Taschen und Beutel wurden noch gepackt mit dem, was die Familien an gespendeter Kleidung, Spielzeug oder Babynahrung tragen konnten. „In den städtischen Unterkünften werden die Menschen natürlich mit Lebensmitteln versorgt“, erklärte Götz Hommen von der Feuerwehr, der bemüht war, den Ablauf am Freitag ruhig zu gestalten.

Natürlich waren die Menschen irritiert.

Iryna Langlitz, Dolmetscherin
Ehrenamtler wie Bina Vermeegen kümmerten sich um Organisation und Verpflegung.

„Wir haben den Menschen versucht zu erklären, warum sie umziehen müssen“, betont Iryna Langlitz, Geschäftsführerin des Jugendtreffs „Interju“, die selbst aus der Ukraine stammt und am Freitag spontan als Dolmetscherin geholfen hat. „Natürlich waren sie irritiert, hatten gehofft, erstmal zur Ruhe kommen zu können.“

Die Nachricht, dass die Menschen nicht in dem Hotel in Oberburg bleiben können, hatte sich schon am späten Donnerstagabend über die Sozialen Medien verbreitet. „Die Brandwache der Freiwilligen Feuerwehr hatten wir auch schon in der Nacht zu Freitag“, berichtet Andreas Heibach. Er hofft nach wie vor auf eine Lösung: „Ich habe jemanden, der Geld für die nötigen Brandschutzmaßnahmen geben möchte und auch eine Brandschutzfirma, die das durchführen könnte. Die Freiwillige Feuerwehr würde für die Übergangszeit nachts die Brandwache übernehmen“, skizziert er seinen Plan.

Ehrenamtler kümmern sich.

Spender hatten am Wochenende Mengen an Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Kleidung gebracht, um die Menschen zu versorgen. Auch ein Betreuungsteam von ehrenamtlichen Helfern war in den vergangenen Tagen aufgebaut worden. „Die Hilfsgüter werden natürlich weiter an die Familien verteilt, können aber auch von Familien, die jetzt Flüchtlinge aufgenommen haben, gerne in Oberburg abgeholt werden“, so Helferin Bina Vermeegen.

In der Straßen

Hotel: Das Haus ist ein 1673 gebautes Fachwerkhaus mit offener Bauweise. Zwischen Gaststättenräumen und Hotelzimmern fehlen Brand- und Rauchschutz-Abtrennungen. Durch die verwinkelte Bauweise seien Rettungs-wege aus den Zimmern im Obergeschoss nicht gesichert. Auch die Elektrik sei marode, so die Stadt.

Betrieb: Nach dem Kauf 2015 aus einer Zwangsversteigerung habe er viel an dem Hotel renoviert, so Heibach.

Standpunkt: Aktion statt Ohnmacht

Ein Kommentar von Simone Theyßen-Speich

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Schnell zu helfen, etwas zu tun angesichts der Ohnmacht und der furchtbaren Bilder und Nachrichten aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine – dieses Gefühl hatten viele Solinger in den vergangenen Tagen. Die Welle der spontanen Hilfsbereitschaft war dementsprechend groß. Deshalb erscheint es mit Blick auf die Unterkunft in Oberburg auf den ersten Blick „typisch deutsch“, jetzt mit Bürokratie und Bauvorschriften zu kommen, wo es doch darum geht, Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Aber es möchte sich auch niemand vorstellen, dass tatsächlich etwas passieret. Dass Flüchtlinge in Solingen zu Schaden kommen, wo bekannt war, dass die Nutzung des Gebäudes für Beherbergung untersagt war. Diese Verantwortung kann und darf niemand in der Stadtverwaltung übernehmen. Jetzt gilt es, die Welle der Hilfsbereitschaft fortzusetzen, gut zu kommunizieren und gemeinsam das neue Leben für die geflüchteten Menschen zu unterstützen.

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