Viele Fundtiere

Tierheim in Solingen ist stark ausgelastet

Während Corona habe es sehr viele Vermittlungen gegeben, berichtet Tierpfleger René Nitsch vom Tierschutzverein Bergisch Land. Das sei aber stark zurückgegangen. Im Moment werden immer mehr Tiere abgegeben, das Tierheim sei so gut wie voll.
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Während Corona habe es sehr viele Vermittlungen gegeben, berichtet Tierpfleger René Nitsch vom Tierschutzverein Bergisch Land. Das sei aber stark zurückgegangen. Im Moment werden immer mehr Tiere abgegeben, das Tierheim sei so gut wie voll.

Aktuell tauchen viele Fundtiere auf, besonders Katzen unter drei Jahren. Corona könnte eine Ursache sein.

Von Jonathan Hamm

Solingen. Das Tierheim Solingen ist aktuell „so ziemlich an der Maximalkapazität“, berichtet Tierpfleger René Nitsch. „Während des ersten und zweiten Lockdowns ist fast die Leitung durchgebrannt“, erinnert er sich. Viele wollten damals ein Tier bei sich aufnehmen. Man sei kaum hinterhergekommen, alle Anfragen zu bearbeiten. Nun habe man wesentlich weniger Vermittlungen. Stattdessen würden immer mehr Tiere abgegeben.

Der Anlass und die Ursachen, die zur Abgabe von Tieren führen, seien unterschiedlich. „Mit einer Begründung in Zusammenhang mit Corona ist bei uns aber kein Tier abgegeben worden.“ Die Pandemie und ihre Folgen hätten nur die üblichen Gründe wie Zeit- oder Geldmangel verstärkt.

Fundtiere sind wahrscheinlich Corona-Tiere

Auffällig sei allerdings, dass im Moment viele Fundtiere auftauchen, besonders Katzen unter drei Jahren. Trotz Pflicht sind sie nicht gechippt und nicht kastriert. Sie lassen häufig keinerlei Rückschlüsse auf ihren Besitzer zu und werden nicht vermisst. Nitsch: „Da gehe ich davon aus, dass es Corona-Tiere sind.“ Es bestehe die Möglichkeit, dass sie während der Pandemie erworben oder geboren wurden und die Besitzer das Interesse verloren haben.

Über genaue Zahlen zu ausgesetzten Tieren verfügt die Stadt nicht. Sie lässt Fundtiere und solche, die aus anderen Gründen untergebracht werden müssen, über ein Taxiunternehmen dem Tierheim übergeben – „eine bunte Mischung von Hunden, Katzen und anderen Tieren“, so Stadtsprecherin Sabine Rische. 2021 habe es 42 Fahrten ins Tierheim gegeben, in diesem Jahr bisher 41. Zum Vergleich: Vor Corona 2019 waren es 82 Fahrten. 2021 liege deutlich darunter, 2022 bisher im Schnitt.

Das Tierheim in Remscheid ist voll

Rische erklärt: Grundsätzlich dürfte es die Ausnahme sein, dass ein Tier über Stadt oder Ordnungsamt zum Tierheim kommt. Das Bergische Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt (BVLA) sei immer dann zuständig, wenn es um den Tierschutz gehe, aber nicht für Fundtiere. „Sofern sich ein aktives Aussetzen und somit ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz nachweisen lässt, wird das BVLA tätig“, so Rische. Im Rahmen der Prüfung von Tierschutzbeschwerden werden Daten zu freilebenden Katzenpopulationen gesammelt. Häuft sich die Beschwerdelage, werden diese Infos an das Tierheim weitergegeben.

Ein Tier hat Rechte.

René Nitsch, Tierpfleger

Die Frage nach dem Aussetz- oder Abgabegrund sei jedoch für die Arbeit irrelevant, erklärt René Nitsch. Wer ein Tier haben wolle, müsse sich vorher mit grundsätzlichen Fragen auseinandersetzen. „Der Wunsch nach einem Tier ist nachvollziehbar“, gibt er zu, aber ein Tier haben zu wollen und einem Tier gute Lebensbedingungen bieten zu können, das seien verschiedene Dinge. „Ein Tier hat Rechte“, stellt Nitsch klar. Viele seien mit dem Aufwand überfordert, würden ihre Lebenssituation falsch ein- und den finanziellen Aufwand unterschätzen.

So wägt man die Anschaffung eines Haustieres am besten ab

Bei der Grundsatzfrage „Hund oder Katze?“ solle man die Anforderungen von Zeit und Umfeld betrachten. Katzen seien „ziemlich autark“, besonders mit einem Partner kämen sie auch ohne Menschen gut durch den Tag. Das sei beim Hund komplizierter: „Ein Hund braucht wahnsinnig viel Aufmerksamkeit.“

Auch beim Kostenfaktor unterscheiden sich beide Tierarten. Eine Katze würde im Laufe ihres Lebens, ohne größere medizinische Aufwände, knapp unter 10 000 Euro, ein Hund etwa 15 000 Euro kosten. „Viele Leute übernehmen sich damit“, sagt René Nitsch.

Rita von Itter vom Verein Tiere in Not: Sie hilft, wenn sich Menschen mit der Haltung ihres Tieres überfordert fühlen.

Das beobachtet auch Rita von Itter, Gründerin des Vereins Tiere in Not. „Die Leute machen sich einfach nicht genügend Gedanken“, kritisiert sie. Zuerst solle man sich selbst die Frage stellen, ob man überhaupt Zeit für ein Tier habe. Dann müsse man sich über seine finanzielle Situation im Klaren sein, denn nur mit Futterkauf sei es nicht getan. Viele wüssten nicht, welche Summen im Krankheitsfall ihres Tieres auf sie zukommen könnten. Besonders bei einer intensiveren medizinischen Behandlung oder Operationen könnten die Kosten schnell im vierstelligen Bereich liegen.

Außerdem sollte man sein Lebensumfeld realistisch beurteilen. Man könne keine Dogge aufnehmen, wenn man in einer Einzimmerwohnung lebe. Daher werde bei der Vermittlung der Tiere nichts überstürzt. „Es gibt Hunde, die wollen nicht in eine Familie“, erzählt sie. Und eine Katze, die ihr Leben lang Freigang gehabt hat, könne man nicht einsperren. Man müsse sich nach dem Charakter und der Vergangenheit des Tieres richten.

Ein weiteres Problem ist, dass Tiere „vermenschlicht“ werden. „Es ist ein Tier, kein Mensch“, stellt Rita von Itter klar. Wer das Tier einmal auf das Bett oder die Couch lasse, kriege das nicht mehr aus ihm raus. Die Folge: Die Besitzer sind mit der Situation überfordert. Daher rät sie Hunde-Besitzern: „Gehen Sie in eine gute Hundeschule.“ Wer nicht zurechtkommt und Probleme hat, solle Hilfe suchen und bei Experten nachfragen: „Ein Tier auszusetzen ist das Schlimmste, was es gibt.“

Die Vereine

Der Tierschutzverein Bergisch Land wurde 1971 gegründet. Im Jahr 1974 wurde das Tierheim Solingen gebaut. Andrea Kleimt ist Vorsitzende des Vereins und Geschäftsführerin des Tierheims.
tierheim-solingen.de

Der Verein Tiere in Not wurde 1996 gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, notleidenden Tieren ein artgerechtes Leben zu ermöglichen sowie zu vermitteln und bei Problemen zur Seite zu stehen.
tiere-in-not-solingen.de

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