Hochwasserschaden

Schaden an der Oper: Sieben Techniker ersetzen Motoren

Mario Engelmann unter dem Tausendfüßler, der den Orchestergraben abdeckt. Foto: Andreas Fischer
+
Mario Engelmann unter dem Tausendfüßler, der den Orchestergraben abdeckt.

Wuppertal. Der Technische Direktor der Oper, Mario Engelmann, über die Arbeit nach der Flut im Sommer.

Von Monika Werner-Staude

Mario Engelmann hat schon vieles mitgemacht, immerhin ist er seit 30 Jahren im Haus. Über die lange Zeit sei man schon leidgeprüft, aber ein so tiefgreifendes Ereignis wie die Flut des letzten Sommers, die das Gebäude an der Kurt-Drees-Straße mit zwei Millionen Liter Wasser flutete, habe er noch nicht erlebt.

Noch heute laboriert der Technische Direktor der Oper mit seinem Team an den Folgen, improvisiert, muss mit vielen Einschränkungen klarkommen. Das tut er souverän und zeitlich eng getaktet. Seit Dezember wird wieder auf der gesamten Bühne gespielt. „Die Zauberflöte“ muss freilich auf eine Drehscheibe mit acht Metern Durchmesser verzichten. Und Aufführungen, die die Unterbühne brauchen, wie die von „La Bohème“ gehen gar nicht.

„Wir bauen hier täglich auf und ab. Das ist normales Geschäft.“

Mario Engelmann, Technischer Direktor

„Wir bauen hier täglich auf und ab. Das ist normales Geschäft“, sagt der 61-Jährige Energiegeräteelektroniker, Beleuchtungs- und Theatermeister. Der gebürtige Wuppertaler Engelmann schätzt seine spannende Arbeit, auch wenn sie anstrengend ist mit ihren Schichten und in der Corona-Krise mit ihren Vorsichtsmaßnahmen und aktuell unzähligen Tests nicht einfacher geworden ist. Nun aber muss er schleunigst in die Werkstatt, wo er sich um einen Motor kümmern muss, der eines der Möbel drehen soll, das auch ins Milieu passen könnte.

Normales Geschäft, das schien nach der Nacht vom 14. auf den 15. Juli nicht mehr denkbar. Das Wasser war in das Untergeschoss eingedrungen und hatte die Technik, die im Unterboden untergebracht ist, zerstört. Hatte deutlich gemacht, wie abhängig der Mensch mittlerweile von der Technik ist. Mario Engelmann war damals in Graz und kam nun nicht mehr vom Telefon weg, brach schließlich den Urlaub früher ab, „auch wenn ich vor Ort gar nichts tun konnte“.

Auf den Moment der allgemeinen tiefen Betroffenheit folgten viele Gespräche darüber, was getan, und was nicht getan werden konnte. Darin eingeschlossen auch Überlegungen mit der Intendanz, wie Inszenierungswechsel und damit aufwendige Bühnenarbeiten durch „en bloc“-Belegungen reduziert werden könnten, ohne für das Publikum uninteressant zu werden. Dann ging es um die Finanzierung und schließlich an die Arbeit. Für die Engelmann 16 Bühnentechniker zur Verfügung hat – als er 1992 anfing, waren es 34 gewesen, doch das ist lange her.

Die Bilanz ist ernüchternd: Die vier Podien mit ihren jeweils zwölf mal zwei Metern Fläche können seither nicht mehr genutzt werden. Die Reparatur ihrer Motoren soll bis 2023 erfolgen. Die ihnen gegenüberstehenden Schalterschränke, in denen Spannungsversorgung und Leitertechnik untergebracht sind, sollen einen anderen Standort erhalten. Ebenso die Tonverstärkeranlage, die zwar repariert wurde, aber vor einer weiteren Flut geschützt werden muss.

Das liebevoll „Tannenbaummagazin“ genannte Regal mit seinen Etagen ruht unbeweglich in seinem dunklen, schmalen Raum nebenan. Einmal habe man es mit acht Mann an Kettenzügen mechanisch hochgekurbelt, um die darin liegenden Bühnenprospekte für „Die Zauberflöte“ und „Die Piraten“ zu entfernen. Sie lagern jetzt in einem anderen Raum und müssen, wenn sie gebraucht werden, mit allen verfügbaren menschlichen Kräften transportiert werden.

Der Antrieb des Eisernen Vorhangs, der im Notfall automatisch niedergeht und so Zuschauerraum und Bühne trennt, musste dagegen schnell wiederhergestellt werden. „Sonst könnten wir jetzt keine Aufführungen machen“, sagt Engelmann.

Ein besonderer Fall ist der Orchestergraben mit seinen drei Podien und seinen 18 mal neun Metern Fläche, dem Bereich der Vorderbühne. Auch hier waren die Motoren abgesoffen, weshalb die Podien einmal nach unten gefahren wurden und dort erst mal bleiben.

Damit darüber gespielt werden kann, wurde ein imposanter Überbau gefertigt, den Engelmann „Tausendfüßler“ nennt und der auf- und abgebaut werden muss – je nachdem, ob darüber das Tanztheater oder das Schauspiel agiert oder darinnen das Sinfonieorchester spielt. Ein Akt, der sieben Techniker vier Stunden bindet und der früher per Knopfdruck geschah.

Glück im Unglück gab es auch: Das Wasser verschonte die Tonanlage für Mikroports und die für die Dimmeranlage, machte wenige Zentimeter davor Halt.

Hintergrund

Der Schaden an der Oper wurde auf rund 10 Millionen Euro geschätzt. Vor Dezember 2021 konnte nur die Vorderbühne genutzt werden. Seither wird auf der gesamten Bühne gespielt. Planung, Planungsausführung, Durchführungsbeschlüsse mit Finanzierungsaufstellung und Ausführung der Arbeiten samt Unwägbarkeiten, die sich etwa durch einen überhitzten Markt ergeben, sollen bis Mitte 2023 fertig sein. So der Plan. In die Finanzierung soll möglichst durch Fluthilfegelder des Landes erfolgen. Die Stadt Wuppertal ist mit 250 000 Euro in Vorleistung gegangen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Bahn: Einige Fernzüge halten heute nicht in Solingen
Bahn: Einige Fernzüge halten heute nicht in Solingen
Bahn: Einige Fernzüge halten heute nicht in Solingen
Neue Rampe für Radler und Fußgänger
Neue Rampe für Radler und Fußgänger
Neue Rampe für Radler und Fußgänger
Vor dem Pokalfinale: Kevin Kampl über RB Leipzig, das Finale und seine Heimat Solingen
Vor dem Pokalfinale: Kevin Kampl über RB Leipzig, das Finale und seine Heimat Solingen
Vor dem Pokalfinale: Kevin Kampl über RB Leipzig, das Finale und seine Heimat Solingen
Nach Betrugsdelikt: Polizei sucht Tatverdächtigen
Nach Betrugsdelikt: Polizei sucht Tatverdächtigen
Nach Betrugsdelikt: Polizei sucht Tatverdächtigen

Kommentare