Radsport auf französisches und italienisches Niveau anheben

Sein Lebenslauf quillt über vor Daten, allein beim Wohnort bleibt er vage: "Bergisches Land" steht in der Vita eines Mannes, der in 62 Jahren eng mit dem Zweirad verbandelt war. Wenn Manfred Böhmer sich meldet, dann meist mit: "Böhmer, Köln." Das ist auch richtig, denn im Colonia-Hochhaus in Köln pflegt Böhmer das Geschäftliche: den Import von Fahrradteilen.

Er selber hat sich weitgehend aus der Firma, die in Fernost zwei Filialen besitzt, abgenabelt. Während Ehefrau Sonja "Comus" steuert, widmet sich der Gatte dem Sport. Als Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) sieht er sein Zuhause in Dhünn, die ehemalige Bremersche Hühnerfarm, selten. Und wenn, zieht er sich still zurück. "Ich bin so oft unterwegs, daß ich es privat völlig ruhig liebe." Rastlos ist sein Leben immer gewesen. In seine bergische Heimat kehrte Böhmer als Peugeot-Geschäftsführer 1965 zurück. Rade hieß der Standort, an dem er auch Anfang der 60er Jahre erstmals den Bogen vom Beruf zum Sport spannte: Er organisierte die "Tour der Jugend" mit. Bei Sprinter Radevormwald ist er heute Ehrenmitglied. Fast vierzig Jahre sind vergangen. Böhmer ist 1997 bundesweit zum führenden Funktionär aufgestiegen, Sprachrohr von 150.000 Mitgliedern.

Er hatte Glück. Dieses besaß einen Namen: Jan Ullrich. Der Tour-de-France-Sieger 97, Sprint-As Erik Zabel, aber auch das komplette Team Telekom traten in Deutschland eine Lawine los. Zeitgleich mit dem Abstieg der Tenniscracks boomten die Jungs mit den strammen Waden. Der Stern von Becker, Stich und Graf welkte, Ullrich blühte auf. Nach Didi Thurau wieder ein Held, an dem sich der Radsport aufrichtet. Manfred Böhmer kennt Durchhänger nur zu gut. Seit 1979 ist er Präsident des Verbandes der Berufsradrennfahrer. "Wir sind durch die Täler marschiert, wußten manchmal nicht, wen wir zur Weltmeisterschaft schicken sollten." Der Selfmademann versprach bei seinem Amtsantritt am hausbackenen Image des BDR zu feilen, Mitglieder zu werben, Sponsoren zu gewinnen und vor allem den Nachwuchs nicht aus den Augen zu verlieren. "Wir müssen die Zeit nach Jan Ullrich planen", fordert Böhmer schon jetzt. Wenn er an einen Junior wie Erik Baumann denke, sei ihm nicht bange.

Das Sesam-Öffne-Dich für den Aufschwung heißt Medienpräsenz. SAT 1 steigt zur einwöchigen Deutschland-Tour Ende Mai, der ersten seit 17 Jahren, mit umfangreicher Live-Berichterstattung ins Rennen ein. Der Privatsender will den Radsport neben Fußball, Formel 1 als Nummer 3 neben Boxen etablieren. Illusionen gibt sich Böhmer nicht hin, Visionen hat er gleichwohl. An den ganz großen Rundfahrten wird die Deutschland-Tour nicht rütteln. "Das ist eine Frage der Tradition. Die Tour de France ist einfach ein Monument, neben Olympia und Fußball-WMs eines der größten Sportereignisse der Welt. Aber wenn wir hinter Frankreich, dem Giro und der Spanien-Rundfahrt die Akzeptanz einer Tour de Suisse erreichen können, wäre viel erreicht."

Bis März 2001 steht er dem Bund der Radfahrer vor. Dann ist Schluß. Seinem Vorgänger, der es auf 16 Präsidentenjahre brachte, will Manfred Böhmer unter keinen Umständen nacheifern. "Ich möchte den Vorsitz in jüngere Hände übergeben." Auch wenn die Geschäftsstelle des BDR in Frankfurt 18 Mitarbeiter beschäftigt, so sei doch die Aufgabenvielfalt, die der Chef zu bewältigen habe, "zu komplex, umfangreich und zeitintensiv, als daß Ältere sie über einen längeren Zeitraum bewältigen könnten", räumt Böhmer nachdenklich ein. Präsident eines solchen Verbandes zu sein, erfordere harte Manager-Qualitäten. Durch Frankreich geprägt, hat Böhmer das "savoir vivre" verinnerlicht, zehrt aber als gewiefter Geschäftsmann auch bei der Verbandstätigkeit nicht nur von sturer Planung. Die Fähigkeit, spontan zu reagieren, zeichne ihn aus, bescheinigte ihm der BDR-Pressedienst bei seinem Amtsantritt.

Auf die Zeit danach freut er sich: "Mein sehnlichster Wunsch: von Terminzwängen befreit zu sein." An vernachlässigten Hobbys mangelt es ihm nicht. Die Archäologie zählt dazu, die moderne Kunst, Segeltörns, ausgedehnte Reisen quer über Kontinente hinweg und . . . es liegt auf der Hand: Radfahren. "Heute habe ich dafür keine freie Minute." Wie hügelig das Wermelskirchener Umland ist, merkt Böhmer nur bequem sitzend am Autosteuer.

ZUR PERSON

Manfred Böhmer, geboren am 21. September 1936, stammt aus Solingen. Der Vater eines Sohnes lebt seit 25 Jahren in Dhünn. Der gelernte Industriekaufmann begann seine Lehr- und Wanderjahre in Remscheid. Von dort aus zog es ihn bis nach Paris. Von 1961 bis 1965 verschlug es ihn in die Seine-Metropole als Exportleiter bei Cycles Peugeot, die folgenden 13 Jahre leitete er die Peugeot-Niederlassung, Zweirad-Vertriebsgesellschaft, in Radevormwald. Von 1979 an gehörte Böhmer eine gleichnamige oHG in Köln, Generalvertretung weltbekannter französischer und italienischer Zweiradteile-Hersteller. 1990 bis 1994 war er Teilhaber und Direktor der Soubitez in Clamecy (Frankreich), Europas größtem Hersteller von Fahrradbeleuchtungen.

Nach dem Verkauf der Soubitez an das dänische Marwi-Konsortium führte Böhmer die Geschäfte der Marwi in Deutschland (Fröndenburg). Seit 1990 hat Manfred Böhmer als geschäftsführender Gesellschafter sein Standbein in der Comus International, Sitz: Köln, Zweigstellen: Taipeh und Hongkong, einem Importeur von Zweiradteilen und Sportartikeln. Am 22. März 1997 wählte die Bundeshauptversammlung in München den Wermelskirchener zum Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Zuvor war er unter Werner Göhner bereits zwölf Jahre lang als Vize zweiter Mann im deutschen Radsport gewesen.

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