Privatklinik, Bordell, Brandruine

Geschichte der Felderbach-Klinik endete mit mehreren Gerichtsverfahren

Im Vordergrund: der ausgebrannte Saunaclub. Dahinter: der Verbindungsgang zur ehemaligen Privatklinik am Mollenkotten. Foto: Daniel Neukirchen
+
Im Vordergrund: der ausgebrannte Saunaclub. Dahinter: der Verbindungsgang zur ehemaligen Privatklinik am Mollenkotten.

Wuppertal. Die Satellitenschüssel hat überlebt, das Dach nicht. In dem Haus am Mollenkotten hat seit vielen Jahren niemand mehr einen Fernseher eingeschaltet.

Von Daniel Neukirchen

„Girls4u“ steht auf einer Leuchtreklame über dem geschieferten Haus. Das „G“ rußbedeckt und kaum noch zu erkennen. In einer Reihe von gepflegten freistehenden Häusern wirkt die Brandruine wie ein fauler Zahn in einem ansonsten intakten Gebiss.

Kaum eine Schrottimmobilie hat eine so kuriose Vergangenheit wie diese Adresse. Von Mitte der 1980er Jahre bis zum Jahr 2000 war hier die Felderbach-Privatklinik ansässig. Patienten kamen zu kieferchirurgischen Eingriffen ebenso wie zum Fettabsaugen. Später fuhr dann ein ganz anderes Klientel auf dem Hof vor: Kunden des Saunaclubs Cocoon, später Pauschalclub Girls4u. Zwischenzeitlich gab es auch einen deutlich anstößigeren Namen, gegen den sich die Fitnessstudiokette Mc Fit rechtlich zur Wehr gesetzt hat. Für eine feste Summe soll es hier zum Sex auch ein Buffet gegeben haben. Im März 2019 stand das Gebäude, das mit den Containerräumen der früheren Klinik durch einen Brückengang verbunden blieb, lichterloh in Flammen.

Im August 2000 kam es auf dem Grundstück zum Skandal, der die Privatklinik überregional in die Schlagzeilen brachte. Der Zahnarzt, Humanmediziner und Buchautor S. hatte eine Kieferoperation zu verantworten, bei der eine damalige SPD-Bundestagsabgeordnete wegen eines Narkosefehlers ins Koma gefallen war. Befund damals: Wahrscheinlich hat der Narkosearzt den Beatmungsschlauch in die Speise- anstatt in die Luftröhre eingeführt. Dabei erlitt die Patientin einen Hirninfarkt und einen Magenriss. Im Petrus-Krankenhaus wurde der Politikerin das Leben gerettet. In der Privatklinik fehlte es an der Ausstattung für eine Wiederbelebung. Dabei war dort bereits 1997 ein Patient durch einen Narkoseschock ins Koma gefallen und drei Monate später gestorben.

In der Folge kam es zum Gerichtsverfahren, wo sich der Öffentlichkeit viele erschreckende Details aus der Containerpraxis offenbarten. Zum Beispiel, dass S. zum Zeitpunkt der Operation gar kein zugelassener Arzt mehr war und die Klinik wegen Insolvenz offiziell geschlossen.

Im Prozess 2002 kamen Patienten zu Wort, die nach Eingriffen in der Klinik noch immer über Beschwerden klagten. Ein Zeuge sprach über die Zustände am Mollenkotten: Die Räume seien dunkel und verschlossen gewesen, eine Helferin habe die Verbände seiner Freundin mit einer spitzen Papierschere gelöst, im Spülbecken des Behandlungsraums habe er benutztes Operationsbesteck gesehen.

Am 23. Dezember 2003 wurde S. zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt. Das Gericht stellte fest, dass S. knapp eine Stunde gezögert habe, den Notarzt zu verständigen, obwohl er gesehen habe, dass seine Patientin in Lebensgefahr schwebte. Er habe verhindern wollen, dass der Zwischenfall bekanntwurde. An dem Urteilsspruch änderte auch ein erneuter Prozess 2008 nichts. Am ersten Verhandlungstag soll die Nebenklage auf dem Gerichtsflur versucht haben, eine Taschenpfändung bei dem angeklagten Arzt vorzunehmen. Doch S. hatte offenbar nichts Pfändbares bei sich.

Mehrere Bordelle und Brände später blieb am Mollenkotten eine Ruine zurück, die noch immer gerne von einigen Leuten besucht wird: Lost-Place-Touristen, die in der ehemaligen Klinik Fotos machen. So lässt sich im Internet eine Bilderstrecke zum Innenleben der verlassenen und verwilderten Klinik finden. Die Eindringlinge fanden sogar noch zwei Kieferabdrücke mit eingesetzten Zahnprothesen auf dem Boden. Auch ein paar Klatschzeitungen haben offenbar die Jahrzehnte überdauert.

Immer wieder kommt es zu Bränden in der Schrottimmobilie

Am Betreten des Grundstücks soll ein Schild mit der Aufschrift „Zutritt für Unbefugte verboten“ hindern, während das geöffnete Tor für ungebetene Besucher das Gegenteil signalisiert. Doch das Betreten zumindest des Bordell-Gebäudes ist lebensgefährlich, weil Einsturzgefahr besteht. Dass sich da einige Besucher bis heute nicht drum kümmern, beweist ein Feuerwehreinsatz am 6. Dezember. Wieder brannte es in einem der Zimmer. „Wir ermitteln wegen Brandstiftung“, sagt Polizeisprecher Stefan Weiand. 2019 hatte die Polizei der Staatsanwaltschaft den damaligen Brand mit dem Hinweis „fahrlässige Brandstiftung“ übergeben. Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert zum aktuellen Stand: „Wir konnten keinen Tatverdächtigen ermitteln.“ Angesichts der verstrichenen Zeit seien die Aussichten auf Erfolg inzwischen auch gering.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Großbrand in einem Wuppertaler Autohaus - A 46 zeitweise gesperrt
Großbrand in einem Wuppertaler Autohaus - A 46 zeitweise gesperrt
Großbrand in einem Wuppertaler Autohaus - A 46 zeitweise gesperrt
Erneut größere Baustelle in Unterburg: Eschbachstraße wird zur Baustelle
Erneut größere Baustelle in Unterburg: Eschbachstraße wird zur Baustelle
Erneut größere Baustelle in Unterburg: Eschbachstraße wird zur Baustelle
Identitätsschwindel führt zu Festnahme
Identitätsschwindel führt zu Festnahme
Identitätsschwindel führt zu Festnahme
Rätselhafter Polizei-Einsatz auf der A 46
Rätselhafter Polizei-Einsatz auf der A 46
Rätselhafter Polizei-Einsatz auf der A 46

Kommentare