Einzelhandel

Online-City zählt 50 Prozent mehr Nutzer

Stefanie Wernick verkauft dank Online City Wuppertal ihre Ware auch überregional – allerdings als eine von wenigen. Foto: Anna Schwartz
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Stefanie Wernick verkauft dank Online City Wuppertal ihre Ware auch überregional – allerdings als eine von wenigen.

Wuppertaler Projekt zeigt Chancen und Probleme der regionalen Händler-Plattform.

Von Daniel Neukirchen

Wuppertal. Eigentlich müsste jetzt die Zeit für Online City Wuppertal (OCW) gekommen sein. In der Corona-Krise ist der Wuppertaler Einzelhandel fast flächendeckend lahmgelegt. Gut beraten sind da die Einzelhändler mit Online-Shops. Und genau diese bietet Online City Wuppertal für den kleinen Ladeninhaber. Auf einer gemeinsamen Plattform haben Geschäfte und Dienstleister die Chance, Wuppertaler Waren gebündelt anzubieten und das vorgefertigte Shop-System zu nutzen.

Und es scheint auf den ersten Blick wirklich so, als hätte die 2014 ins Leben gerufene Plattform in Corona-Zeiten Fahrt aufgenommen. Wie Projektleiter Dominic Becker von der Wuppertaler Wirtschaftsförderung mitteilte, sind die Zugriffszahlen der Internetseite von 2019 auf 2020 um 50 Prozent gestiegen. Von 120 000 Nutzern auf 180 000 Nutzer. Im ersten Lockdown hätten sich die Umsätze vervierfacht. Und im ersten Quartal 2021 seien die Zahlen sogar noch stärker, verrät Becker. Jüngst habe ein Unternehmen sogar für 60 000 Euro Stadtgutscheine gekauft, die in den OCW-Geschäften eingelöst werden können.

„Das Wachstum ist enorm“, sagt Becker. Er muss allerdings nachschieben: „Das macht nicht wett, dass der stationäre Handel im Moment leidet.“ Für viele Händler sei Online-City nur ein „Zubrot“. Das eigentliche Geschäft finde im Laden statt.

So ist das etwa bei Sport Hedtke. Mit seinen 254 gelisteten Produkten ist der Händler aus Vohwinkel, was die Artikelanzahl angeht, der zehntgrößte Anbieter bei OCW. Wie Inhaber Frank Herkenrath verrät, verkaufe auch er in Corona-Zeiten vier Mal so viel wie normal. Diese gute Nachricht relativiert sich, wenn man die absoluten Zahlen dazu hört: „Normal sind für mich fünf bis zehn Artikel im Jahr über Online City Wuppertal.“ Das sei „besser als nichts“. Wichtiger seien da die Kunden, die im Netz auf das Geschäft aufmerksam werden und dann vor Ort kaufen. „Sportartikel wie Tennisschläger wollen die Leute in die Hand nehmen“, sagt Herkenrath. Doch diesen Vorteil verlieren die stationären Händler im Lockdown.

Herkenrath kritisiert die Suchbarkeit im Netz. Das soll eigentlich eine Kernkompetenz von OCW sein: den Wuppertaler Geschäften ein digitales Schaufenster bieten. Das bedeutet vor allem bei der Nummer-Eins-Suchmaschine Google gut gelistet zu sein. Doch in der Tat: Die Google-Suchanfrage „Tennisschläger Wuppertal“ führt eher noch zur eigenen Homepage von Sport Hedkte, dann zu eBay und erst bei Suchtreffer Nr. 4 zu OCW. Aber wer sucht im Netz eigentlich gezielt nach Wuppertaler Schlägern? Bei der gezielten Suche von Schläger-Modellen, die im Wuppertaler Shop angeboten werden, muss man je nach Anfrage auf Platz 6 bis 10 der Trefferliste scrollen.

Dominic Becker sagt, dass OCW eigentlich stark bei den Online-Suchen ist. Er erklärt: „Die Händler haben einen großen Anteil daran, ob ihre Artikel gefunden werden. Sie müssen die Waren ausführlich vertexten.“

Durch OCW plötzlich überregionale Reichweite

Zu den erfolgreichsten Händlern der Plattform gehört Wernick Wolle Wuppertal aus Barmen. Der Laden listet mehr als 1200 Produkte: Wolle, Garn und Co. in allen erdenklichen Farben und Ausführungen. Geschäftsführerin Stefanie Wernick berichtet: „Wir haben im vergangenen November viel mehr Artikel eingestellt. Das hat sich deutlich bemerkbar gemacht.“

Seitdem habe sie nicht mehr zwei Online-Kunden in der Woche, sondern zwei am Tag. Und: Wernick hat im Netz eindeutig ein Kundenfeld erschlossen, das sie ohne die Plattform nie erreicht hätte. Wernick sagt: „Zwei von drei Kunden bestellen von außerhalb Wuppertals.“

Eine ähnliche Verteilung der Käuferstruktur nennt Dominic Becker für die gesamte Plattform. Online-City kann funktionieren. Es profitiert allerdings auch mehr als sechs Jahre nach der Gründung nur ein kleiner Kreis der Wuppertaler Händler: Es gibt zwar 82 registrierte Geschäfte, aber genau wie noch vor drei Jahren haben sich lediglich 15 Anbieter zusammengefunden, die 100 Artikel und mehr eingestellt haben.

1,5 Millionen Artikel hat Rolf Volmerig, Chef der Wirtschaftsförderung und Vorsitzender des Betreiber-Vereins Talmarkt, noch 2017 als Zielmarke für 2018 genannt. Das war weit gefehlt. Seit damals hat sich das Angebot von 870 000 auf nicht einmal 600 000 Artikel verkleinert - wovon 550 000 Artikel allein auf die Buchhandlung Jürgensen am Kaiserplatz entfallen.

Matthias Zenker von der Elberfelder Interessengemeinschaft IG1 sagt: „Der Grundgedanke ist gut. Aber bei vielen Waren funktioniert es nicht.“ Wer kein Nischenprodukt habe, der konkurriere im Netz plötzlich mit viel größeren Unternehmen, die im Zweifel günstigere Preise und ein größeres Sortiment haben. Zenker ist selbst Geschäftsführer von Brillen Arlt und hat OCW nach anderthalb Jahren den Rücken gekehrt. „Für den großen Aufwand bewegte sich zu wenig.“

Auf der Startseite wirbt Online City Wuppertal mit „Deine ganze Stadt im Blick“. Doch die Plattform ist bei genauer Betrachtung weniger ein Querschnitt durch Wuppertals Warenangebot, sondern eher ein Shop-Zusammenschluss von ein paar Dutzend Geschäften.

Das Projekt

Online City Wuppertal startete 2014 als öffentlich gefördertes Projekt. Unter anderem steckte das Land 175 000 Euro in OCW. Inzwischen finanziert der Verein Talmarkt die Plattform. Die Mitglieder zahlen im Monat 25 Euro für eine reine Schaufenster-Seite und 50 Euro für einen Auftritt mit Online-Shop. Zudem geben die Händler pro Kauf acht Prozent Transaktionskosten an Talmarkt ab. Die Gelder sollen wiederum in Werbemaßnahmen für OCW gesteckt werden.

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