Behandlung soll erstaunliche Effekte haben

Bei minus 78 Grad vereisen die Haare

Das sind keine grauen Strähnen, sondern Eiskristalle, die sich bei Daniel Neukirchen beim Eissauna-Test in den Haaren bildeten. Foto: Anna Schwartz
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Das sind keine grauen Strähnen, sondern Eiskristalle, die sich bei Daniel Neukirchen beim Eissauna-Test in den Haaren bildeten.

Drei Minuten am Kältelimit: Die neue Eissauna in Elberfeld.

Von Daniel Neukirchen

Wuppertal. Als ich den Empfangsraum der „IceZone“ betrete, reibe ich meine Hände aneinander. Ist ja ganz schön kalt geworden draußen. Knapp unter zehn Grad – und wenn dann noch der Wind pfeift. . . Kälte ist aber relativ. Das soll ich schon in wenigen Minuten lernen. Für mich geht es nämlich leicht bekleidet in eine auf minus 15 Grad heruntergekühlte Kammer. Das ist allerdings nur zum Akklimatisieren. Denn in der Hauptkammer stehen mir drei Minuten bei unvorstellbar frostigen minus 78 Grad bevor. Nein, ich habe keine Wette verloren und werde auch von keinem Geheimdienst verhört. In die Eissauna gehen die Menschen freiwillig. Und sind anschließend vollkommen begeistert von den positiven Effekten für Körper und Gemüt. So wie Andreas Lenz, der inzwischen vom Eiskammer-Fan zum Mitbetreiber der „IceZone“ am Laurentiusplatz aufgestiegen ist. Er sagt: „Das hat Suchtpotential.“

Er gebe sich selbst jede Woche drei bis vier Mal den Kälteschock und fühle sich unmittelbar danach viel leistungsfähiger. Die sogenannte Kryotherapie soll aber vor allem kranken Menschen helfen: Chronische Schmerzen lindern, bei Arthritis, Rheuma und Neurodermitis helfen. Schön soll’s auch machen und Cellulite bekämpfen. „Diese Kälte muss man einfach mal erlebt haben“, sagt Lenz.

Muss man wohl. Fünf Minuten später stehe ich mit Bademantel, Ohrenschützern, Handschuhen sowie Schlappen vor zwei blau beleuchteten Kammern. Das könnte auch das Set in einem Science-Fiction-Film sein. Auf einer Anzeige sehe ich die aktuellen Temperaturen: -15 und -78 steht da. Mitinhaberin Eva Diana Moczko versichert mir: „Eine kalte Dusche finde ich unangenehmer.“ Die Eiseskälte in den Kammern sei viel besser auszuhalten, weil die Luftfeuchtigkeit niedrig gehalten werde.

In der Kälte freue ich mich über jede Tafel Schokolade auf den Hüften

„Bereit?“ Moczko zeigt auf die Vorkammer. Ich öffne die Tür und spüre unmittelbar die Kälte, die mir entgegenströmt. Es ist so, als würde ich vor dem geöffneten Kühlregal im Supermarkt stehen. Nur, dass ich heute hineintrete. Die Tür schließt sich hinter mir, ich hänge meinen Bademantel an einen Haken und merke schlagartig, wie mich die Kälte umarmt.

Ein Fluch geht mir durch den Kopf. „Das ist die Vorkammer?!“ Kleine Tröpfchen schweben durch die Luft. Mein Puls beschleunigt sich. Relativ fix ist die erste Minute um und Eva Diana Moczko, die die ganze Zeit aus Sicherheitsgründen das Prozedere überwacht, gibt mir ein Zeichen. Ich darf in die Hauptkammer. Muss. So denke ich zumindest in diesem Moment.

Mit einem kräftigen Stoß öffne ich die Tür ins Ungewisse. Es dauert nur Sekunden in dem Raum mit minus 78 Grad, bis mein Körper mir signalisiert, dass ich mich in einer Extremsituation befinde. Sofort verengen sich die Blutgefäße. Daher wird mein Blut schneller durch den Körper gepumpt.

Ich merke allerdings schnell, dass diese trockene Kälte besser auszuhalten ist als etwa der schneidende Schmerz, den verkühlte Finger und Zehen im Winter verursachen. Auch weil diese geschützt sind, konzentriert sich die Eiseskälte auf meine Haut. Moczko hat mir erzählt, dass sich die Oberfläche meines Körpers auf fünf Grad herunterkühlt. Ich fühle mich erfreulicherweise innerlich aber nicht durchgefroren.

Während die Sekunden herunterticken, freue ich mich über jede Tafel Schokolade, die jetzt gerade dazu beiträgt, dass meine Organe schön warmgehalten werden. Wenn man der Werbung glauben kann, nehme ich gerade auch noch ab. Bis zu 800 Kalorien sollen Menschen in den drei Minuten in der Kältekammer verbrennen. Meine Muskeln sind auf jeden Fall in Aktion.

Ist das wirklich alles so gesund wie versprochen? Diese Frage drängt sich auf. Doch die heilende Wirkung der Kryotherapie ist offenbar empirisch belegt. Auch das Wuppertaler St. Josef-Krankenhaus verfügt über eine Kältekammer. Von der Klinik heißt es: „Obwohl bis heute die Wirkungsweise der Kältekammer nicht exakt erklärt werden kann, ist doch sicher, dass die Ganzkörper–Kältetherapie eine schmerzlindernde Wirkung hat. Die Kältetherapie verbessert die Beweglichkeit bei Rheumapatienten und führt somit auch zu einer Funktionsverbesserung.“ Laut Andreas Lenz würden bereits erste Krankenkassen die Behandlungskosten in der IceZone bezahlen.

Mitinhaberin Eva Schwab-Lenz berichtet von vielen zufriedenen Kunden, deren Schmerzleiden in der Zeit unmittelbar nach der Kältebehandlung mit einem Schlag gelindert war. „Ein älterer Herr sagte mir, er könne gerade zum ersten Mal seit Jahren wieder seine Finger spüren. Solche Momente finde ich toll“, sagt Schwab-Lenz. Eiskristalle bilden sich an meinen Haaren und Wimpern als ich die letzten Sekunden in der Kammer herunterzähle. Laut Moczko geht jeder anders mit der Kälte um. Die einen meditieren, die anderen beginnen, auf der Stelle zu tänzeln.

Ich blicke sehnsüchtig nach draußen. Und da kommt auch schon das erlösende Zeichen. Ich begebe mich zum Aufwärmen zurück in den Vorraum. Faszinierend, wie angenehm temperiert mir diese Tiefkühltruhe plötzlich vorkommt.

Zurück bei Raumtemperatur macht sich Euphorie breit

Spätestens als ich wieder auf normaler Raumtemperatur angekommen bin, entfaltet sich die euphorisierende Wirkung der Eissauna. Eine wohlige Wärme breitet sich von innen aus. Alle Muskeln sind angenehm gelockert. Ich fühle mich wie nach einer Ganzkörper-Massage. Leicht, erfrischt, fokussiert. Wahrscheinlich schüttet mein Körper nun Glückshormone aus, weil er sich freut, dass ich doch nicht erfroren bin.

Andreas Lenz beschreibt die Erfahrung so: „Der Körper geht auf Angst, aber der Kopf nicht.“ Daher bekomme auch niemand Panik in der Kammer. Bislang habe nur eine einzige Kundin die Behandlung abgebrochen. Dafür hätten sich schon die ersten Wuppertaler Jahrestickets gekauft.

Mit der Bilanz zeigt sich das IceZone-Team zufrieden. Schließlich hat man an der Friedrich-Ebert-Straße 17 erst Anfang Oktober eröffnet. Und darf auch im Lockdown weiter Kunden empfangen, weil die Kältesauna dem Gesundheitssektor zugeordnet wird.

Als ich die Eissauna verlasse, stehen Passanten vor dem Schaufenster und studieren die Aushänge. Warum tragen eigentlich alle so dicke Mäntel? Es ist doch hier draußen so mild wie an einem Nachmittag im Frühling.

Preise

Die IceZone an der Friedrich-Ebert-Straße 17 bietet neuen Kunden einen Testtarif an. Die erste Anwendung kostet 15 Euro, eine Testwoche 50 Euro. Ein normaler Einzeltermin liegt allerdings bei 40 Euro. Bei einer Jahresflat (120 Anwendungen) zahlen Kunden monatlich 150 Euro.

ice-zone.de

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