Elektro-Antrieb ist gewöhnungsbedürftig

Mehr Unfälle und Schwerverletzte in Wuppertal mit Pedelecs

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Im Bergischen häuften sich zuletzt Stürze mit Pedelecs.

Die Corona-Pandemie hat den in Wuppertal anhaltenden Trend zum Fahrradfahren weiter beschleunigt.

Von Claudia Kasemann

Wuppertal. Das ist allerorten zu sehen, und das bestätigen der Allgemeine Deutsche ADFC, Händler und nicht zuletzt die zahlreichen Nutzer selbst.

Die Kehrseite der positiven Entwicklung sind steigende Unfallzahlen - denn mehr Fahrräder bedeuten insbesondere bei schönem Wetter mehr Verkehr und ein erhöhtes Risiko von Unfällen. 183 verletzte Radler registrierte die Polizei im vergangenen Jahr - das ist zwar ein Rückgang zu 2018 mit 222 verletzten Personen. Die Zahlen der Unfälle, bei denen ein Pedelec beteiligt war, ist in diesem Jahr allerdings schon vergleichsweise höher.

Der Umstieg aufs Rad mit Elektro-Antrieb ist gewöhnungsbedürftig

Denn den Rädern mit Elektro-Unterstützung kommt eine besondere Rolle zu. Laut Polizei gab es im ersten Halbjahr dieses Jahres bereits 17 Unfälle mit Pedelecs, davon 15 mit teils erheblich Verletzten. Für das gesamte Jahr 2019 listet die Statistik in Wuppertal 37 Fälle auf, vier davon mit Schwerverletzten.

„Im Vergleich zu den Vorjahren haben in Wuppertal die Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Pedelecfahrern deutlich zugenommen“, sagt Polizeisprecher Stefan Weiand. „Sie liegen jetzt schon im zweistelligen Bereich. Im vergangenen Jahr lag die Zahl für das erste Halbjahr im einstelligen Bereich.“ Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene seien dabei weniger, Erwachsene und Senioren 65 plus verstärkt betroffen. „Die meisten Stürze mit Pedelec haben auch eine Verletzung zur Folge“, so Weiand, „von 17 Unfällen waren 15 mit Verletzten.“

Wie alt genau die betroffenen Pedelecfahrer im Einzelnen waren, ist nicht erfasst, die Form der E-Mobilität spricht gerade im Bergischen Radler ganz unterschiedlicher Generationen an. Die teils sehr kostspieligen E-Bikes oder Pedelecs sind aber gerade bei Menschen jenseits der 50 beliebt.

Das beobachtet auch Klaus Lang vom ADFC-Kreisverband Wuppertal/ Solingen. „Meine Erfahrungen, auch aus dem Handel, sind: Vor allen Dingen die Älteren fahren ja überhaupt. Wenn man sich auf der Nordbahntrasse umschaut, da sind extrem viele ältere Leute unterwegs. Die können es sich leisten, und sie haben auch die Zeit.“ Nicht immer beherrschen Radler das oftmals schwerere Gefährt problemlos. 

91-Jähriger verunglückte Anfang Juli

Erst Anfang Juli verunglückte ein 91-jähriger Mann auf der Pahlkestraße, nachdem er die Kontrolle über sein Zweirad verloren hatte. Nach notärztlicher Behandlung musste er ins Krankenhaus gebracht werden. Dort müssen immer wieder Kopfverletzungen behandelt werden - vor allem bei Unfällen ohne Helm. „Daneben kommt es bei Fahrradstürzen häufig zu Verletzungen des Schlüsselbeins oder des Schultereckgelenks bei einem Fall über den Lenker“, berichtet Dr. Ulrich Leyer, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädische Chirurgie und Handchirurgie am Agaplesion Bethesda Krankenhaus Wuppertal. „Außerdem sind Verletzungen der Hand und des Handgelenks durch das Abstützen typisch.“

Eine „klassische“ Pedelec-Verletzung gebe es zwar nicht, erklärt Leyer. „Da Pedelecs aber häufiger von Menschen mittleren oder höheren Alters benutzt werden, kommt es in diesen Altersgruppen aufgrund der Geschwindigkeit eher zu Mehrfach- oder schwereren Verletzungen als bei jungen Leuten.“

Denn natürlich ist man mit Elektro-Unterstützung leicht schneller unterwegs. Das gilt für alle Altersgruppen. Einer der - wenn auch nur gelegentlichen - Pedelec-Nutzer ist Lutz Eßrich von der Wuppertalbewegung, der zugibt, dass der Umstieg vom konventionellen Gefährt auf Motor-Unterstützung „durchaus gewöhnungsbedürftig ist“. Gerade beim Anfahren sei der Unterschied bemerkbar. Er empfiehlt Unerfahrenen, sich zunächst ein E-Bike oder Pedelec zu leihen und es auszuprobieren.

Der ADFC stellt „eine stark vermehrte Nachfrage nach Kursen fest“, wie Klaus Lang berichtet, vor allem Fahrsicherheitstrainings würden von Pedelec-Nutzern nachgefragt, wobei es fast immer Frauen seien, die sich Unsicherheiten eingeständen und nach Kursen fragten, sagt Lang und schmunzelt: „Männer trauen sich das oft nicht.“

Man habe in der Vergangenheit eigens Leute ausbilden lassen, aber das Interesse sei erst jüngst so groß geworden. Dabei gibt es beim E-Bike einige Unterschiede zum konventionellen Rad, zum Beispiel je nach Ausführung ein anderer Schwerpunkt und damit ein anderes Fahrverhalten. Leichtfertig die Hand vom Lenker zu nehmen, um Abbiegen anzuzeigen, kann bei einer höheren Geschwindigkeit auf einem Pedelec auch schon mal schiefgehen.

„Ich denke, dass es viel mehr Unfälle gibt, als polizeilich erfasst werden“, sagt Lang, „da nur ein Bruchteil überhaupt aufgenommen wird.“ Wer allein falle, rufe kaum die Polizei - „die kommt hinzu, wenn es zwei oder mehr Beteiligte gibt.“ Er habe schon häufiger nachgefragt, ob bei Rettungsdienstfahrten Fußgänger und Radfahrer gesondert erfasst würden, sagt Lang, er habe dazu aber noch keine Statistik gefunden. So oder so: „Die Dunkelziffer wird deutlich höher sein.“

Zahlen

Unfälle Laut Verkehrsunfallbilanz sind im vergangenen Jahr in Wuppertal insgesamt 13 Personen tödlich verunglückt. Das sind sechs Personen mehr als im Vergleichszeitraum 2018. Sieben der getöteten Personen waren als Fußgänger, drei in einem Pkw, zwei als Motorradfahrer und eine als Radfahrer unterwegs. Insgesamt verunglückten vergangenes Jahr - auf alle Verkehrsmittel verteilt - 2070 Menschen, davon 256 Senioren im Alter über 65 Jahre.

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