Digitaler Unterricht

„Manches funktioniert noch besser analog“

Professor Axel Buether sieht bei der Digitalisierung der Schulen noch Nachholbedarf. Vor allem die Lehrer selbst müssten noch mehr Schulungen erhalten. Foto: Sigurd Steinprinz
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Professor Axel Buether sieht bei der Digitalisierung der Schulen noch Nachholbedarf. Vor allem die Lehrer selbst müssten noch mehr Schulungen erhalten.

Prof. Axel Buether aus Wuppertal erklärt, warum die Digitalisierung an Schulen schleppend läuft.

Von Anke Strotkamp

Wuppertal. Die Digitalisierung an Schulen kommt nur schleppend voran. Das wurde besonders durch die Corona-Pandemie deutlich. Im März wurden von dem einen auf den anderen Tag die Schulen geschlossen, der Unterricht war damit komplett eingestellt. Was die Schüler in den darauffolgenden Wochen von ihrer Schule hörten, war von Klasse zu Klasse qualitativ sehr unterschiedlich. Manche Lehrer stellten Erklärvideos zu neuem Unterrichtsstoff online, während andere nur Wochenpläne per E-Mail verschickten.

„Corona war für die Digitalisierung an Schulen wie ein Brandbeschleuniger“, sagt Axel Buether, Professor für Didaktik der visuellen Kommunikation an der Bergischen Universität Wuppertal (BUW). Die Politik handelte: Mit dem Digitalpakt Schule stellten der Bund und die Länder rund fünf Milliarden Euro für den Ausbau der IT-Infrastruktur an Schulen bereit. Davon stehen den NRW-Schulen etwa eine Milliarde Euro zur Verfügung. Doch allein von der Ausstattung hängt die Digitalisierung der Schulen nicht ab. „Ich vermisse eine ganzheitliche Strategie“, sagt Buether. Er fordert, drei Punkte in den Blick zu nehmen, die sich parallel entwickeln müssen.

Zunächst müsse der Staat die Voraussetzungen schaffen, damit die Digitalisierung gelingen kann. Dazu müsse die technische Infrastruktur geschaffen und Wartungspersonal eingestellt werden. „Das wurde lange verschlafen. Erst in den vergangenen drei Jahren wurden 50 Prozent der Schulen an das Netz angeschlossen“, sagt Buether. Eine Steigerung habe es vor allem in den Städten gegeben. Das bedeute, dass 50 Prozent der Schulen – vor allem im ländlichen Raum – nicht an der Digitalisierung teilnehmen können. „Da fehlt die Bildungsgerechtigkeit“, sagt er. In Wuppertal sind nach Angaben des städtischen Presseamtes alle weiterführenden Schulen an das Glasfasernetz angeschlossen. Drei Grundschulen, die noch keinen Netzanschluss haben, sollen bis Anfang nächsten Jahres einen bekommen.

Ein weiterer Baustein bei der technischen Ausstattung sind aus Sicht von Buether Server wie Logineo oder iServ, um eine sichere Kommunikation zu gewährleisten, sowie die Ausstattung mit Endgeräten. Die Stadt Wuppertal bekommt aus den Zusatzvereinbarungen zum Digitalpakt Schule NRW rund 5,2 Millionen Euro. Damit können etwa 7500 mobile Endgeräte für Schüler angeschafft werden sowie weitere rund 3600 mobile Endgeräte für Lehrer. „Umso mehr digital verlagert wird, desto wichtiger wird auch eine Person, die die Geräte wartet“, sagt Buether. Dabei gehe es um Fragen zur Anwendung und Software-Updates. „Der Markt der IT-Experten ist aber leer“, sagt er. Dabei seien IT-Arbeitsplätze sicher und gut bezahlt. „Dieser Bereich wird weiter wachsen“, sagt der Didaktikprofessor. Angesichts der großen Zahl an Nutzern plädiert Buether dafür, sich für ein IT-System zu entscheiden, dass möglichst wartungsarm ist.

Ein weiterer Grund, warum es mit der Digitalisierung der Schulen nur langsam vorangeht, ist die fehlende Software. „Für die Schulbuchverlage gab es bisher keinen Markt, digitale Produkte zu entwickeln, weil der Staat kein Budget dafür hatte“, erklärt Buether. Das dauere eben seine Zeit, bis die entwickelt würden. Denn die vorhandenen digitalen Lehrmittel brächten häufig keinen Mehrwert.

Studie: Digital allein kann Schüler auch abhängen

Digital ist nicht automatisch besser. Das zeigt das Ergebnis seiner Studie an einem Wuppertaler Gymnasium. „Wenn wir den Unterricht komplett auf iPads umstellen, sinken die Leistungen“, sagt er. In Mathematik wurden Schüler so stark abgehängt, dass sie nicht versetzt werden konnten. „Manche Dinge funktionieren besser analog“, sagt Buether, der auch Leiter des Forums „Digitalisierung und Mediendidaktik in der Bildung“ an der Bergischen Universität Wuppertal ist.

Es geht also bei der Digitalisierung um Grundsätzliches: das Wissen um den Mehrwert von digitalen Medien. Buethers Schlussfolgerung ist, dass Lehrer besser darin geschult werden müssen, wie man Mathe, Sprachen und Naturwissenschaften digital vermitteln kann. Die Lehrer könnten es nur am eigenen Gegenstand entscheiden, ob digitale Medien eingesetzt werden. „Dafür müssen wir sie aber schulen“, sagt Buether, der davon ausgeht, dass der Unterricht auf einen Mix hinauslaufen wird. Es habe sich gezeigt, dass Erklärvideos in Mathe oder Programme zum Vokabeln lernen sehr effektiv sein können. Andererseits sei „der wichtigste Faktor für das Gelingen von Schule der Lehrer oder die Lehrerin“, so der Didaktikprofessor.

Die Aufgabe von Schule ist es, die Schüler auf das Leben vorzubereiten und damit auch auf digitale Medien. Noch ist nicht geklärt, wie das am besten geht. Damit stehen die Schulen vor einer großen Herausforderung. Sie müssen nicht nur die technische Ausstattung bereithalten, sondern auch das eigene Personal befähigen, digitale Medien adäquat einzusetzen.

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