Interview

Kommunikation als Schlüssel für Krisenbewältigung

Ramian Fathi vom Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit der Bergischen Universität Wuppertal. Foto: Uni
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Ramian Fathi vom Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit der Bergischen Universität Wuppertal.

Ramian Fathi von der Bergischen Uni erklärt, wie die Corona-Krise die Nutzung von sozialen Medien verändert.

Das Gespräch führte Sebastian Appianing

Wuppertal. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Kommunikation stark verändert. Behörden und Organisationen nutzen zunehmend den digitalen Raum, um Informationen zu verbreiten. Menschen kommunizieren immer häufiger über soziale Netzwerke. Unser Autor sprach mit Ramian Fathi, Doktorand am Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit an der Bergischen Universität und Leiter des Virtual Operations Support Teams des Technisches Hilfswerks.

Wie läuft die Krisenkommunikation aktuell ab?

Ramian Fathi: Die Krisenkommunikation ist Teil des gesamten Krisenmanagements. Eine Pandemie ist eine Gesundheitslage. Das heißt, die Gesundheitsämter und die zahlreichen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben müssen gemeinsam kommunizieren, um möglichst Widersprüche zu vermeiden. Allerdings ist diese Lage auch eine sehr politische Situation, so dass wir tagtäglich beobachten können, dass politische Akteure zunehmend die Krisenkommunikation forcieren. Die vier Grundprinzipien, die auch im Leitfaden der Krisenkommunikation aufgelistet sind, und die wir am Lehrstuhl der Universität lehren, sind: Schnelligkeit, Wahrhaftigkeit, Verständlichkeit und Konsistenz. Das bedeutet, dass man aktiv kommunizieren muss, sachlich und transparent und auf allen Kanälen das Gleiche sagen und schreiben sollte.

Welche Informationen werden weitergegeben?

Fathi: Man unterscheidet zwischen der Risikokommunikation, die einen präventiven Charakter einnimmt und vor der Krise stattfindet. Dabei geht es um Vorsorge, Selbstschutz und Selbsthilfe. Darauf aufbauend kann anschließend in der Krisenkommunikation offen über Ursachen, Auswirkungen und langfristige Folgen kommuniziert werden. Diese Form der Kommunikation beinhaltet zum Beispiel Warnungen und Verhaltensregeln.

Was muss dabei beachtet werden?

Fathi: Die Bevölkerung ist heterogen. So spielen unter anderem Alter, Herkunft und Sprache eine wichtige Rolle. Kommunikation ist ein wesentlicher Schlüssel für die Krisenbewältigung, das zeigen uns viele Krisen und Katastrophen in der Geschichte. Deswegen sollten große Teile der Bevölkerung adäquat erreicht werden.

Wie gehen Sie mit Falschinformationen in den sozialen Medien um?

Fathi: Es ist eine große Herausforderung, eine Falschinformation als solche zu identifizieren. Wir untersuchen den Einfluss einer Falschinformation auf die Bewältigung einer Krise, denn der Einfluss kann groß sein. So gab es in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie die Falschinformation, dass der Konsum von hochprozentigem Alkohol das Virus abtöten könnte. Eine Studie, die im Journal American Society of Tropical Medicine and Hygiene veröffentlicht wurde, zeigt, dass die Menschen daran glauben und so kam es weltweit aufgrund dieser Falschinformation zu etwa 800 Toten und 60 Erblindeten durch den Konsum von hochprozentigem Alkohol.

Wie können sich Bürger vor Falschinformationen schützen?

Fathi: Grundsätzlich sollte eine gesunde Skepsis vorhanden sein, auch wenn Bekannte Informationen in den sozialen Medien teilen. Die Nutzer haben sich von Konsumenten zu Prosumenten gewandelt. Das heißt, jeder Nutzer von sozialen Medien ist nicht nur Konsument, sondern gleichzeitig auch ein Produzent geworden. Um sich vor Falschinformationen zu schützen, sollte man den Absender und das Profil prüfen. Es ist zudem immer gut, eine zweite Informationsquelle zu suchen, zum Beispiel seriöse journalistische Aufarbeitungen oder Behörden. Bei Fotos und Videos rate ich dazu, Ort und Zeit in Zusammenhang zu stellen.

Gibt es Möglichkeiten, Falschinformationen zu unterbinden?

Fathi: Das einfachste Mittel gegen die Verbreitung von Falschinformationen ist die Verhinderung der Weiterleitung. Verschiedene Netzwerke ermöglichen deshalb nur die Weiterleitung an wenige Personen auf einmal. Noch besser wäre es, wenn die Falschinformation gar nicht erst entstehen.

Hat sich die Kommunikation durch die Corona-Krise verändert?

Fathi: Ja, ganz deutlich. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass der Informationsbedarf bei Menschen in Krisen und Katastrophen besonders erhöht ist: Wie entwickelt sich die Situation weiter? Welche weiteren Gefahren bestehen? Und die sozialen Medien dienen hervorragend als Kommunikationsplattform während einer Pandemie, in der Social Distancing ein wirksames Mittel zur Eindämmung ist.

Wo können sich Bürger überall informieren?

Fathi: Es gilt, sich seriöse Quellen und offizielle Kanäle zu suchen. Als erster Schritt sollten lokale und kommunale Informationen gesucht werden, zum Beispiel vom zuständigen Gesundheitsamt. Auch das Robert-Koch-Institut oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sorgen für gute Informationsaufbereitungen. Zu viele Informationen ohne Einordnung können jedoch auch überfordern.

Welche Probleme sehen Sie durch die Nutzung der sozialen Medien?

Fathi: Die sozialen Medien stellen große Herausforderungen an die Gesellschaft: Die digitalen Medien haben es geschafft, sich innerhalb einer sehr kurzen Zeit weltweit sehr schnell zu verbreiten. Die Vernetzungsdichte und die Verbreitung haben zu einer Veränderung der Kommunikationskultur geführt, die sich auch während Krisen und Katastrophen deutlich zeigt: Durch mangelnde Medienkompetenz in allen Altersgruppen tut sich die Gesellschaft nach wie vor schwer damit, einen souveränen Umgang damit zu finden. Es fehlt die nachhaltige Fähigkeit, Medien und Inhalte sachkundig zu nutzen. Außerdem sollten Falschinformationen deutlicher als solche angezeigt werden. Es tut sich viel, aber es muss noch viel mehr passieren, weil die gesellschaftlichen Auswirkungen extrem sind.

Person

Ramian Fathi ist Doktorand des Lehrstuhls für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit an der Bergischen Universität.

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