Prozess

Fünffache Kindstötung in Solingen: Kammer spricht Gutachtern das Vertrauen aus

Die angeklagte Solingerin hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Archivfoto: Tim Oelbermann
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Die angeklagte Solingerin hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Hasseldelle: Gericht wies Anträge des Verteidigers einer Solingerin auf Absetzung der psychiatrischen Sachverständigen zurück.

Von Kristin Dowe

Solingen/Wuppertal. Im Prozess vor dem Landgericht Wuppertal um die Tötung von fünf Kindern im vergangenen Jahr musste einer der drei Verteidiger am Mittwoch eine herbe Niederlage hinnehmen. Unermüdlich hatte Rechtsanwalt Thomas Seifert aus dem Verteidiger-Trio zuletzt zunächst auf die Ablehnung des Sachverständigen Prof. Dr. Pedro Faustmann und nun auch von dessen Kollegin, die Kriminologin Prof. Dr. Sabine Nowara, gedrängt. Vergeblich.

Die Schwurgerichtskammer wies gleich eine ganze Serie von Anträgen des Verteidigers zurück, die auf die Diskreditierung der beiden Sachverständigen abzielten. In der Begründung sprach der Vorsitzende Richter Jochen Kötter diesen das Vertrauen der Kammer aus. Es handele sich um „renommierte Sachverständige“, an deren Integrität keine begründeten Zweifel bestünden.

„Das verlässt jede sachliche Ebene.“

Jochen Kötter, Vorsitzender

Am Mittwoch wurde der Prozess gegen eine 28-jährige Solingerin nach einer längeren Verhandlungspause fortgesetzt. Ihr wird vorgeworfen, im September 2020 fünf ihrer sechs Kinder im Alter von einem bis acht Jahren heimtückisch ermordet zu haben, indem sie die drei Mädchen und zwei Jungen erstickte oder in der Badewanne ertränkte. Nur der zum Tatzeitpunkt elfjährige Sohn der Familie überlebte die Tat.

Ein wichtiger Punkt des Verfahrens ist die Frage nach der Schuldfähigkeit der Angeklagten, die sich bislang nicht zu den Anschuldigungen geäußert hat. Gegenüber den Sachverständigen hatte sie lediglich angegeben, dass ein maskierter Mann in ihre Wohnung eingedrungen sei und sie zu der Tat gezwungen habe – aus Sicht der Ermittler ein höchst fragwürdiges Szenario.

Verteidiger Seifert hatte bislang auf Angriff geschaltet. Unter anderem warf er dem Sachverständigen Faustmann vor, für sein vorläufiges Gutachten nur einzelne Arztberichte, nicht aber die vollständige Behandlungsdokumentation für seine Mandantin in Bezug auf deren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik in ihrer Kindheit eingeholt zu haben. In einem Gespräch zwischen Faustmann und der Beschuldigten sei die Akustik schlecht gewesen, so dass die Befragung aus seiner Sicht hätte wiederholt werden müssen. Nowara unterstellte er, dass ihr Gutachten auf einer „fehlerhaften Tatsachengrundlage“ basiere und bezeichnete ihre Arbeitsweise als „schlampig“.

So sei nicht berücksichtigt worden, dass seine Mandantin während ihres Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik im Alter von zwölf Jahren gegenüber einem Mitarbeiter von sexuellen Übergriffen auf sie berichtet habe – dies tauche in Nowaras Gutachten nicht auf. Der Vorsitzende Kötter verwies darauf, dass es sich schließlich nur um ein vorläufiges Gutachten handele und die Sachverständige ihre Angaben allesamt transparent und nachvollziehbar gestaltet habe. Bezogen auf Seiferts Wortwahl hielt der Vorsitzende fest: „Das verlässt jede sachliche Ebene.“

Im Prozess war bislang ein mutmaßlicher sexueller Missbrauch der Beschuldigten im Kindes- und Jugendalter thematisiert worden, der sich möglicherweise auf deren Schuldfähigkeit auswirken könnte. Mehr als vage Anhaltspunkte konnte die Kammer für ein solches Geschehen bislang nicht finden.

Eine ehemalige Lehrerin der Angeklagten, die nun zu Wort kam, berichtete von Schnittwunden, die ihre frühere Schülerin sich damals selbst zugefügt habe. Ein Hinweis auf ein mögliches Missbrauchsgeschehen. Doch haderten alle drei Zeuginnen wohl auch wegen des großen zeitlichen Abstands mit Erinnerungslücken – das Geschehen bezog sich auf das Jahr 2007. Der Prozess wird am 18. August fortgesetzt.

Hintergrund

Schuldfähigkeit: In ihren Einschätzungen konnten die Gutachter bislang keine Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit der Angeklagten feststellen. Schuldfähig ist jemand, wenn seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit während der Tat vorhanden war. Die Fähigkeit der Einsicht liegt vor, wenn der Täter sich über sein unrechtmäßiges Handeln bewusst ist. Steuerungsfähig ist er, wenn er aus dieser Einsicht heraus über sein Handeln entscheiden kann.

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