Archäologie

In Elberfeld liegen die Tatsachen unterm Boden

Archäologin Anke Kreidelmeyer sitzt meist am Schreibtisch, doch am Kirchplatz schaut sie sich Mauern in der Baugrube an.
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Archäologin Anke Kreidelmeyer sitzt meist am Schreibtisch, doch am Kirchplatz schaut sie sich Mauern in der Baugrube an.

Wuppertals Stadtarchäologin Anke Kreidelmeyer beschreibt, welche Erkenntnisse die Baustellen zutage gebracht haben.

Von Alina Komorek

Wuppertal. Wenn Laien einen Blick über den Baustellenzaun und in die Grube werfen, sehen sie vor allem Steine, Matsch und hin und wieder ein Rohr. Doch wenn Anke Kreidelmeyer in die Baugrube schaut, erkennt ihr Archäologinnen-Auge, unter welchen Steinen eine Mauer liegen könnte, wozu die Mauer gehörte und mitunter sogar, ob sich an dieser Stelle mal ein Grab befunden haben könnte.

Zurzeit widmet sich die 36-Jährige den Funden, die an den Baustellen in der Wuppertaler Innenstadt zutage gebracht werden. Weil man schon wusste, dass sich in dem Bereich womöglich Mauerstücke oder gar Abschnitte der Elberfelder Burg befinden könnten, hat ein Archäologe von einer Fachfirma jede Bewegung der Baggerschaufel beobachtet – und eingegriffen, sobald mögliche Mauerreste freigelegt wurden.

„Der Job ist immer eine Überraschung“, sagt Florian Schrader, Abteilungsleiter der Denkmalbehörde, und Kreidelmeyer stimmt ihm zu. Interessante Funde, die neue Erkenntnisse liefern könnten, werden in Tüten verpackt und ins Labor geschickt – fast wie bei der Spurensicherung. Und genau das macht die Archäologie ja auch: Spuren der Vergangenheit entdecken und sichern.

So kann die Archäologin zu den neuesten Entdeckungen am Kirchplatz, in der Alten Freiheit und der Poststraße viel erzählen: Dass Elberfeld so früh eine Arbeiterstadt wurde, hatte wohl damit zu tun, dass es die (heute Alte) Freiheit gab, in der Kaufleute und Handwerker sich niederließen und im Schutz der Burg ihren Handel betreiben durften. Sehr wichtig war die Garnnahrung, die Elberfeld schon früh zu einer Stadt der Industrialisierung machte „Proto-Industrialisierung“, betont Kreidelmeyer: „Denn sie fand lange vor der Industrialisierung statt. Mit dem Bleichen und Verarbeiten von Garn wurden hier Gegenstände hergestellt, die nicht der Mode unterworfen waren — und deshalb immer und überall benötigt wurden. Kreidelmeyer: „Auf diese Weise gab es hier schon im 17. und 18. Jahrhundert eine dynamische Gewerberegion.“

Den Beweis liest sie von einer einzelnen Scherbe ab

Zwar habe es nach dem 30-Jährigen Krieg nur etwa 400 Bewohnerinnen und Bewohner in Elberfeld gegeben, aber schon 1702 zählte die Stadt etwa 3000 Einwohner. Eben weil es hier bereits eine Infrastruktur gab, die es auch Fremden ermöglichte, im Gewerbe tätig zu sein. Die Beweise dafür hat Kreidelmeyer von einer einzelnen Scherbe, die vor der City-Kirche gefunden wurde, abgelesen. „Ich bin eher eine Schreibtischtäterin“, sagt Kreidelmeyer, denn dort erkenne sie das gesamte Bild. Sie hält fest, an welcher Stelle was gefunden wurde, dokumentiert alles mithilfe von Fotos, Gegenständen und Karten der Fundstelle. Alles muss sehr genau beschrieben werden, weil viele Funde dort verbleiben, wo sie ursprünglich lagen oder liegen bleiben: Denn jeder Fund ist für die Archäologin eine Einzelfallentscheidung. Die Mauerreste in der Innenstadt beispielsweise werden im Boden bleiben. Aber die Erkenntnisse, die Gegenstände und die Geschichte, die man an den Funden ablesen kann, sind nach den Untersuchungen archiviert und abrufbar. So auch durch die Scherbe.

Noch ergiebiger für die Forschung seien Münzen, aber der Fund der Scherbe hat schon eine neue Erkenntnis erbracht: dass es die Elberfelder Burg schon wesentlich länger gibt, als man bisher annahm. „Jetzt wissen wir anhand dieses Befundes, dass ein Teil der Mauer schon 1101 bis 1300 errichtet wurde“, sagt die Stadtarchäologin. Die Bewährungsmauer, in der die Scherbe gefunden wurde, umschloss die (Alte) Freiheit bereits viel früher, und nicht erst, wie lange angenommen, seit Mitte des 14. Jahrhunderts, als die Burg errichtet wurde. Das spricht dafür, dass an der Stelle, an der sich später die Burg befand, zunächst eine Hofschaft entstanden war, die schon die Funktion einer Burg innehatte: „Es handelte sich wohl um einen Tafelhof, der von landwirtschaftlicher und militärischer Bedeutung war und später zur Burg ausgebaut wurde.“ So sei der obere Teil der Mauer zwar jüngeren Datums, doch der untere Teil sei wesentlich älter – hier wurde auch die Scherbe gefunden. Die Mauer führt von der Freiheit rüber zur Kirche – wo sich schon im Mittelalter ein Gotteshaus befand.

Das, was in den alten Unterlagen zu den Bodendenkmälern in der Innenstadt nicht ganz genau ist, ergänzen Kreidelmeyer und Schrader nun. Wenn also mal wieder Arbeiten an den Leitungen vorgenommen werden müssen, könne man bereits sagen, was an welcher Stelle liegen könnte. Eines Tages ist vielleicht auch möglich, Bodendenkmäler mit Geräten zu sondieren, ohne den Boden aufreißen zu müssen. Doch Kreidelmeyer erklärt auch, dass es ihr am liebsten ist, wenn die Denkmäler im Boden bleiben. „Da sind sie geschützt, da bleiben sie der Nachwelt erhalten“, findet die 36-Jährige. Andererseits ist es ihr Job, die Spuren der Vergangenheit ans Licht zu bringen. Sie stimmt Florian Schrader zu, der erklärt, dass über die geschichtsträchtigen Funde auch ein Zugang zur eigenen Geschichte gefunden werden könne. „Wir merken daran, dass wir nicht aus dem Nichts kommen.“

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