Hasseldelle-Prozess: Staatsanwalt fordert lebenslange Strafe

Die beisitzende Richterin Jutta Schiedel-Krege und der Vorsitzende Jochen Kötter gehören der Schwurgerichtskammer an. Foto: Tim Oelbermann
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Die beisitzende Richterin Jutta Schiedel-Krege und der Vorsitzende Jochen Kötter gehören der Schwurgerichtskammer an.

Im Prozess um die fünf Kindstötungen in Solingen wurden die Plädoyers gehalten

Von Kristin Dowe

Solingen/Wuppertal „Nein“ antwortete die 28-jährige Angeklagte mit schwacher Stimme knapp auf die Frage des Vorsitzenden Richters Jochen Kötter, ob sie sich abschließend doch noch zu den Vorwürfen äußern wolle. Mit hochgezogenen Schultern und apathischem Gesichtsausdruck kauerte die junge Frau auf der Anklagebank im Landgericht Wuppertal, als die Vertreter von Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers vortrugen.

Die Frau soll am 3. September 2020 fünf ihrer sechs Kinder in der Wohnung der Familie in der Hasseldelle erstickt oder in der Badewanne ertränkt haben, während der inzwischen 12-jährige Sohn die Tat als einziges Kind nur durch großes Glück überlebte. Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt sieht darin den Tatbestand des fünffachen heimtückischen Mordes erfüllt. Er forderte in seinem Plädoyer eine lebenslange Haftstrafe bei besonderer Schwere der Schuld – und damit die Höchststrafe.

Er legte dar, wie sich der Tat-Vormittag aus Sicht der Ermittler mutmaßlich abgespielt hat. So soll die Angeklagte den drei Töchtern und zwei Söhnen im Alter von einem bis acht Jahren am Morgen freiverkäufliche Medikamente mit sedierender Wirkung verabreicht haben. Diese zeigten laut Experten bereits nach 20 Minuten Wirkung und hätten schon durch die Überdosierung zum Tod führen können.

Staatsanwalt: Kinder stellten für die Mutter einen Selbstzweck dar

Der Version der Beschuldigten, dass ein fremder Mann in ihrer Wohnung aufgetaucht sei und sie gewaltsam zu der Tat gezwungen habe, schenkte Kaune-Gebhardt keinen Glauben. Dagegen spreche zum einen die „fortlaufende Kontinuität“ des Whatsapp-Chats der Beschuldigten mit ihrer Mutter und ihrem Ehemann, der sie als alleinige Täterin nahelegt. Zum anderen weise die Badesituation Besonderheiten auf, von denen ein fremder Täter keine Kenntnis haben konnte. „Sie lebte in einer Art Fassadenwelt, die sie sich selbst aufgebaut hatte“, befand der Staatsanwalt. „Die Kinder stellten in dieser Welt einen Selbstzweck dar.“ Dieses Konstrukt sei zerbrochen, als der inzwischen geschiedene Ehemann der Angeklagten seine neue Freundin erstmals auf seinem Whatsapp-Profilbild zeigte. „Enttäuschung“ sehe er deshalb als das vorherrschende Motiv. Besonders verwerflich sei die Tat auch deshalb, weil das eigene Zuhause für die Kinder ein sicherer Ort sein sollte, die jungen Opfer hätten an jenem Morgen die „alltägliche Fürsorge ihrer Mutter“ erwartet.

Den Ausführungen der Staatsanwaltschaft schloss sich Rechtsanwalt Jochen Ohliger, der den Ex-Mann der Angeklagten in der Nebenklage vertritt, weitgehend an. „Mein Mandant ist sicherlich nicht der Ehepartner des Jahres gewesen“, räumte er in Bezug auf die häufige Abwesenheit des Mannes in der Familie ein. Dennoch sei der Ansatz von Verteidiger Thomas Seifert, seinen Mandanten als möglichen Drahtzieher eines Auftragsmordes in Betracht zu ziehen, vollkommen inakzeptabel gewesen. Zudem verwies Ohliger auf den wohl mehrere Minuten dauernden Todeskampf jedes Kindes und die entsprechend lange Zeitspanne der gesamten Tat, in der die Angeklagte sich eines Besseren hätte besinnen können. Nebenklage-Vertreterin Judith Acker ergänzte, dass es für den überlebenden Sohn hilfreich gewesen wäre, wenn seine Mutter Angaben zur Tat gemacht hätte, um das Geschehene irgendwann verarbeiten zu können.

Verteidiger: Staatsanwaltschaft legte sich frühzeitig auf Täterin fest

Einen ganz anderen Blick auf die Dinge hatte Verteidiger Thomas Seifert. Er warf der Staatsanwaltschaft vor, seine Mandantin viel zu früh als sichere Täterin der Presse präsentiert und „dem Boulevard ein Tor geöffnet“ zu haben. Die junge Frau sei in ihrer Kindheit in höchst problematischen Verhältnissen aufgewachsen. Fakt ist, dass deren Vater wegen Besitzes und Verbreitung harter Kinderpornografie verurteilt wurde. Es sei durchaus wahrscheinlich, dass seine Mandantin Opfer von sexuellen Übergriffen durch ihren Vater geworden sei, so Seifert. Diesem Verdacht sei die Kammer nicht ausreichend nachgegangen.

Auch alternative Täter wie der Vater von vier der sechs Kinder seien gar nicht erst in Betracht gezogen worden. „Da darf es keine Denkverbote geben“, insistierte er. „Gravierende Mängel“ wiesen aus seiner Sicht auch die Gutachten der beiden psychiatrischen Sachverständigen auf, denen es an analytischer Tiefe fehle. Aufgrund ihrer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur, bedingt durch mutmaßlich traumatische Kindheitserlebnisse, sei die Angeklagte zu einem Geständnis gar nicht in der Lage. Er beantragte einen Freispruch für seine Mandantin.

Ein Urteil in dem Fall wird für Donnerstag erwartet. Eine Verständigung fand laut Kammer im Vorfeld nicht statt.

Hintergrund

Verteidiger Thomas Seifert forderte eine Freiheitsstrafe von acht Jahren wegen Totschlags, falls die Kammer seiner Rechtsauffassung für einen Freispruch nicht folgen sollte. Es bestünden Zweifel an der Täterschaft der Angeklagten, somit greife der Grundsatz „in dubio pro reo“ („Im Zweifel für den Angeklagten“). Das Mordmerkmal der Heimtücke sieht er als nicht erfüllt an. Co-Verteidiger Felix Menke schloss sich Seiferts Ausführungen im Wesentlichen an.

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