Klingenmuseum

Handel mit Solinger Nazi-Klingen floriert

Nazi-Stahlwaren aus Solingen beschäftigen das Klingenmuseum. Leiter Dr. Sixt Wetzler weiß von vielen Fälschungen. Foto: Michael Schütz
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Nazi-Stahlwaren aus Solingen beschäftigen das Klingenmuseum. Leiter Dr. Sixt Wetzler weiß von vielen Fälschungen.

Solingen. Millionen Klingen mit NS-Symbolen wurden hergestellt. Viele Fälschungen sind im Umlauf.

Von Philipp Müller

Entsetzt zeigt sich ein anonymer Hinweisgeber und auch Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD), dass Solinger Klingen mit Nazi-Symbolen auf dem Markt sind. Dr. Sixt Wetzler, der Leiter des Deutschen Klingenmuseums, ist nicht überrascht. Im Gegenteil: Sein Haus bekommt regelmäßig Anfragen zu solchen Produkten. Die habe es zwischen 1933 und 1945 in Auflagen in Millionenhöhe gegeben. In der im Aufbau befindlichen neuen Ausstellung des Klingenmuseums, werde das Thema künftig genau und vertieft erklärt werden, berichtet Wetzler. Denn es sei sehr wichtig, auf das Thema aufmerksam zu machen.

Der anonyme Schreiber hatte nach Ersatzbestecken aus Solinger Produktion gesucht und wurde dabei zufällig auf einen Internethändler aus dem süddeutschen Raum aufmerksam. Der bot zuletzt einen Dolch aus Solinger Produktion mit einer Widmung von SA-Führer Ernst Röhm für 39 000 Euro an. Eine Solinger Klinge mit der geätzten Unterschrift von SS-Führer Heinrich Himmler soll 19 000 Euro kosten. In solchen Fällen werde das Klingenmuseum oft eingebunden, erklärt Sixt Wetzler.

Aber nicht, weil der Handel verboten sein könnte. Das ist er nämlich nicht. So lange auf den Internetseiten die NS-Symbole abgedeckt sind, so lange bei Militaria-Börsen diese Zeichen überklebt sind, ist der Handel erlaubt. Kauft jemand ein Solinger Produkt aus der Zeit zwischen 1933 und 1945, wird das Klingenmuseum im Anschluss gefragt, ob das Stück echt sei. Dazu hat das Museum im ehemaligen Gräfrather Klosterhof eine Fülle an Original-Katalogen. Nicht selten stelle sich dann heraus, dass der Anfragende eine Fälschung erworben hat.

„In der neuen Ausstellung wird die NS-Zeit abgebildet.“

Dr. Sixt Wetzler, Klingenmuseum

„Der Markt ist groß“, sagt Wetzler und verweist auf Erfahrungswissen und auf ein britisches Standardwerk über deutsche Messermacher. Hat die Produktion von Blankwaffen in den 1920er-Jahren praktisch brachgelegen, waren nach der Machtübernahme der Nazis 1933 rund 200 Firmen und deren Subunternehmer, vermutlich sind die berühmten Heimarbeiter gemeint, damit beschäftigt, für die Nazis Ehrendloche und Ehrenschwerter für fast alle Partei- und Militär-Organisationen herzustellen. Allein die SA orderte 1934 rund 135 000 Ehrendolche, berichtet Autor Anthony Carter.

Doch das Museum werde auch gefragt, ob es solche NS-Klingen als Schenkung annehme, wenn sie jemand etwa auf dem Speicher finde. Das mache man, erklärt der Museumsleiter. Denn es gilt, auch diese Zeit im Deutschen Klingenmuseums abzubilden. „In der neuen Dauerausstellung werden wir die NS-Zeit der Solinger Blankwaffen genau erklären“, verspricht Wetzler. Dabei ist der Handel nicht auf Deutschland beschränkt. „Nicht nur bei uns, auch in den USA und Großbritannien sind viele der morbiden Faszination der Nazi-Klingen verfallen“, weiß Wetzler. Besatzungssoldaten haben nach der Befreiung 1945 viele dieser Objekte mit in die Heimat genommen. Auch wenn solche Klingen dann in den Handel kommen, gibt es trotzdem Fälschungen. Das liegt daran, dass die Qualität der Ehrengaben mit Ausbruch des Krieges nachließ. Das macht es Fälschern leicht.

Aktuell ist das Klingenmuseum auch der Frage auf der Spur, inwieweit Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, etwa aus Russland, für diese Nazi-Klingen in Solinger Firmen eingesetzt worden waren.

Wer die Kunden solcher Internetangebote oder der Militaria-Börsen sind, ist für Wetzler eindeutig. Da gebe es zwei große Gruppen. Die eine seien Militaria-Sammler. Das brauche man kaum zu gendern: „Ich habe persönlich noch keine Militaria-Sammlerin getroffen.“ Die zweite Gruppe sind Neo- oder Altnazis. Erhalte das Museum E-Mails, wisse man oft nicht, mit wem man es zu tun habe: „Wir können nicht hinter die E-Mail gucken.“

Spricht Wetzler von morbider Faszination für NS-Dinge, verweist sein Kollege, der Direktor des Zentrums für verfolgte Künste, Jürgen Kaumkötter, er hat lange im KZ Auschwitz geforscht, auf eine „abscheuliche“ Facette in Sachen Fälschungen. Das laufe in Polen und anderen Ländern Osteuropas so, dass auf Flohmärkten oder im Internet sogar Judensterne und vermeintliches Eigentum der vergasten KZ-Opfer verkauft würden. Die Erwerbenden fragten dann zum Beispiel in Museen in Israel nach, ob das echt sei. Die Antwort sei fast immer: „Made in China.“

Ehrengaben

Dr. Sixt Wetzler vom Deutschen Klingenmuseum erklärt, dass die Ehrengabe von Blankwaffen als Dolch, Schwert oder Säbel keine Erfindung der Nazis sei. Seit es Blankwaffen gibt, würden diese auch an verdiente Krieger verschenkt. Ein deutscher König habe im Mittelalter nach der ersten Jahrtausendwende sogar in seinem Testament verfügt, wer seine Prunkschwerter erbe. Erst im 19. Jahrhundert sei es aber in Mode gekommen, speziell gekennzeichnete Klingen in großer Menge zu verteilen und zu verschenken. Das hatten die Nazis inflationär ausgebaut. Und mit der Masse an Produkten steigt dann auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie gefälscht werden.

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