Wuppertaler über Phänomen

Psychologe erklärt: Hamsterkäufe drücken Verunsicherung aus

Rationale Gründe für Hamsterkäufe gibt es nicht. Welche psychologischen Prozesse in den Köpfen ablaufen, erklärt Stefan Diestel. Symbolfoto: M. Schütz
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Rationale Gründe für Hamsterkäufe gibt es nicht. Welche psychologischen Prozesse in den Köpfen ablaufen, erklärt Stefan Diestel.

Je höher die Corona-Zahlen steigen, desto leerer werden die Supermärkte, in denen sich sonst Klopapier und Nudelpakete stapeln.

Das Gespräch führte Hannah Florian

Wuppertal. Prof. Dr. Stefan Diestel, Leiter des Lehrstuhls für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Uni Wuppertal, erklärt, warum in Ausnahmesituationen wie der Corona-Pandemie einige Konsumenten zu solch merkwürdigem Kaufverhalten neigen.

Herr Diestel, was ist der Auslöser für Hamsterkäufe?

Diestel: In der Psychologie gibt es drei Modelle, die eine Erklärung liefern können. Beim ersten Modell geht es um soziale Informationsverarbeitung. Menschen, die sich in einer unsicheren Situation befinden, klären die Situation für sich, indem sie sich an anderen Menschen orientieren und deren Verhalten imitieren. Das zweite Modell dreht sich um die Konservierung wertvoller Ressourcen und liefert vielleicht eine Erklärung, warum gerade Nudeln und Klopapier gehortet werden.

Psychologe Prof. Dr. Stefan Diestel.

In Pandemiesituationen werden offensichtlich Hygieneartikel und haltbare Nahrungsmittel als wertvolle Güter angesehen. Um nicht auf diese Güter verzichten zu müssen, werden Vorräte angelegt. Das dritte Modell nennt sich „Terrormanagementtheorie“ und könnte eventuell eine Erklärung für die Fixierung auf Klopapier liefern. In einer Ausnahmesituation wie der aktuellen werden die Menschen stärker als sonst mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Das führt dazu, dass sie dazu neigen, in ihrer Kultur verankerte Werte zu verteidigen. Das Bedürfnis nach Hygiene ist eine Eigenart, die im deutschsprachigen Raum stark ausgeprägt ist. Wir horten Klopapier und sichern somit unser kulturelles Gut.

Stimmt es, dass junge Leute verstärkt zu Hamsterkäufen neigen?

Diestel: Junge Menschen nehmen ihre Sterblichkeit anders wahr als ältere und zeigen verstärkte Reaktionen auf die Konfrontation mit einer lebensbedrohenden Krankheit. Sie haben eine Situation, vergleichbar mit der Corona-Pandemie, noch nicht erlebt und fühlen sich unsicher. Erschwerend hinzu kommt, dass gerade durch Verschwörungstheorien viel Unwissen über das Virus verbreitet wird.

Kommt es in Krisensituationen grundsätzlich zu Hamsterkäufen?

Diestel: Nicht unbedingt, es hängt von der Art der Krise ab. Bei Naturkatastrophen zum Beispiel können wir mit einer ähnlichen Reaktion rechnen.

Wirken die Medien als Katalysator des Phänomens?

Diestel: Auch das lässt sich per se nicht sagen, schließlich reagieren Medien differenziert. Die Bild-Zeitung hat gerade zu Beginn der Pandemie stark Ängste geschürt. Aber grundsätzlich denke ich, dass sich Effekte wie Hamsterkäufe auch unabhängig von Medien entwickeln.

Warum lässt sich der Effekt nicht durch Vernunft-Appelle stoppen?

Diestel: Wenn wir stark verunsichert und von negativen Emotionen vereinnahmt sind, sind wir nicht in der Lage, in größeren Zusammenhängen zu denken. Wir sind dann darauf fokussiert, unsere Gesundheit zu schützen und plagen uns mit existenziellen und wirtschaftlichen Nöten. In diesem Modus sind wir nicht mehr zugänglich für Vernunft-Appelle.

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