Nordbahntrasse

Grundstück wird zu einem Spekulationsobjekt

Links im Bild ist die Firma Abraham Scheer zu sehen. Sie gehört zu dem Areal, das die Renaissance AG gekauft hat. Foto: Andreas Fischer
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Links im Bild ist die Firma Abraham Scheer zu sehen. Sie gehört zu dem Areal, das die Renaissance AG gekauft hat.

Nordbahntrasse: 10 000 Quadratmeter sollen in Wuppertal für gemeinwohlorientierte Entwicklung gesichert werden

Von Manuel Praest

Wuppertal. Der Verkauf eines Grundstücks am Bahnhof Mirke sorgt für Aufsehen. Die Renaissance AG hat gut 10 000 Quadratmeter, die sogenannte Südost-Fläche (der Großteil liegt südlich der Nordbahntrasse), erworben. Dort befinden sich noch eine Firma und ein Wohnhaus. Stadt und neuer Besitzer beteuern, dass das Areal erst mal nur für eine weitere Entwicklung „gesichert“ wurde. Das Gemeinwohl stehe im Vordergrund. Mehrere Ideen stünden im Raum, sagt OB Uwe Schneidewind (Grüne) und nennt eine Jugendherberge als Beispiel.

Dass der dort seit Jahrzehnten ansässigen Firma und dem Bewohner des Hauses bereits die Kündigung zum 21. September ausgesprochen wurde, kommt im Quartier nicht gut an. Gerüchte machen die Runde, dass schon bald teure Wohnungen entstehen sollen. Stadt und Renaissance AG wehren sich gegen die Vorwürfe. „Das ist kein Thema.“

Insgesamt ist das Bahnhofsareal in der Mirke mehrere Hektar groß, war früher im Besitz der Bahn, später von Aurelis. Der Hauptteil, rund 40 000 Quadratmeter, gehört mittlerweile Utopiastadt (inklusive Hebebühne), ein weiterer großer Bereich der Alten Feuerwache, etwa der Kulturkindergarten. „Eine gemeinwohlorientierte Nachbarschaft“, nennt Christian Hampe von Utopiastadt das Miteinander. „Wir sind Geschwister im Geiste.“

Die 10 000 Quadratmeter, die jetzt für Diskussionen sorgen, behielt aber Aurelis. Um, so hieß es auch mal gegenüber unserer Zeitung, diese zu vermarkten. Utopiastadt konnte aus finanziellen Gründen nicht kaufen. Ende 2020 endete die Frist und Aurelis warb damit, selbst einen potenziellen Käufer gefunden zu haben.

Um zu verhindern, dass jemand die Flächen erwirbt, um eigene Pläne durchzusetzen, kamen Stadt und Utopiastadt auf Christian Baierl von der Renaissance AG zu. Unter anderem, weil der kleinere Teil nördlich der Trasse für den Solar Decathlon benötigt wird. Man sei dankbar, „dass die Renaissance in die Bresche gesprungen ist“, hebt Rolf Volmerig, Chef der städtischen Wirtschaftsförderung, hervor.

Mieter erhielt Kündigung nach 62 Jahren

Der Besitzerwechsel ist mittlerweile vollzogen – und vor kurzem flatterten den Mietern die Kündigungen ins Haus. „Da ist bei mir erst mal eine Welt zusammengebrochen“, sagt Karl-Heinz Hillebrand. 62 Jahre ist er alt. „Seit 62 Jahren wohne ich hier.“ Seine Eltern haben das Haus gebaut. Die Bahn hatte damals das Grundstück verpachtet. „Das Haus gehört aber mir.“ Lange habe er probiert, auch das Grundstück von der Bahn und später Aurelis zu kaufen – vergeblich. Mit der Renaissance habe er über das Thema gesprochen, dann nichts mehr gehört – bis die Kündigung kam.

Die ereilte auch das Familienunternehmen Abraham Scheer, einen Bäckerei-Großhandel. Eine unglückliche Kommunikation räumt Baierl ein. Bei Utopiastadt wusste man nichts von den Kündigungen. Im Internet wurde unter anderem verbreitet, dass bis September die Fläche geräumt sein und die bestehenden Gebäude abgerissen werden müssen. „Dem ist nicht so“, stellt Baierl klar. Die Firma, die aktuell ohnehin abgewickelt werde, könne das Gelände so verlassen, wie es ist. Möglicherweise würden die Gebäude in Zukunft für Veranstaltungen an der Trasse genutzt. „Es gibt Ideen. Vielleicht sogar schon für diesen Sommer“, so Baierl optimistisch. Ein Abriss sei erst mal kein Thema. Auch mit Hillebrand will er sprechen. Dass dieser das Grundstück seines Hauses kauft, sei eine Option. Es spiele aber auch in den Planungen für mögliche kurzfristigere Veranstaltungen gar keine Rolle, versucht er zu beruhigen.

Insgesamt, so Baierl, gehe es um eine langfristige Entwicklung mit dem Areal. Er selbst habe überhaupt keine Pläne für neue Wohnbauten. Das sei auch nicht das Feld der Renaissance, die eher im Bestand saniere. „Wir haben Zeit gewonnen, Ideen zu entwickeln“, ist Christian Hampe froh über den Sicherungskauf.

OB Uwe Schneidewind spricht von einem „Filetgrundstück“ für die weitere Entwicklung des Quartiers: „Als Ort der Begegnung und Ideen wurden bereits erste Gespräche über die Nutzung dieser Fläche unter anderem mit dem Jugendherbergswerk geführt.“ Parallel dazu werden weitere Alternativen für eine dem Quartier entsprechende Nutzung geprüft und erarbeitet.

Nach Informationen unserer Zeitung gab es unter anderem auch die Idee, einen Neubau als „offenen“ Probenraum für das Sinfonieorchester zu errichten: So könnten Trassennutzer die Proben beobachten – ähnlich den Kiebitzen beim Fußballtraining in der Bundesliga. Auch Wohnen wäre eine Option. Allerdings, so Hampe, keine profitorientierten Projekte, sondern eher ein inklusives Projekt. „Vielleicht Mehrgenerationenwohnen“, schlägt er vor.

All das seien aber Ideen, über die man sich mit der Stadt und anderen Partnern noch abstimmen müsse. Eine alte Machbarkeitsstudie für Wohnbebauung – für die auch ein neuer Bebauungsplan notwendig wäre – sieht allerdings einen Rückbau der „Volmerig-Schwinge“ vor. Sprich, die Trasse müsste begradigt werden. Baierl würde möglicherweise 2023 die Fläche wieder abgeben: „Bevor ich irgendwas verkaufen würde, sprechen wir das auch mit der Stadt ab.“

Trassenverlauf

Ursprünglich sollte die Nordbahntrasse östlich des Bahnhofs Mirke gerade verlaufen. Um die Fläche aber besser und größer für mögliches Gewerbe vermarkten zu können, schlug Rolf Volmerig einen leichten Knick vor – die sogenannte Volmerig-Schwinge, wie sie intern scherzhaft genannt wurde. Das Gewerbe kam nie, der Knick blieb.

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