Quarantäne

Mögliche Infektion mit Coronavirus: Gesundheitsamt meldet sich mit Verspätung

Positiv Getestete und deren Kontaktpersonen müssen in Quarantäne – es gibt aber auch Ausnahmen. Foto: Matthias Balk/dpa
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Positiv Getestete und deren Kontaktpersonen müssen in Quarantäne – es gibt aber auch Ausnahmen.

Grundschüler wurde erst neun Tage nach einem möglichen Infektionskontakt in Quarantäne geschickt

Von Tobias Dupke

Hilden. „Was soll die Quarantäne jetzt noch bringen?“, fragt sich die Mutter eines Grundschülers aus Hilden. Ihr Sohn hatte am Mittwoch, 18. August, bei einem Sportverein eine Trainingsstunde. Am Freitagnachmittag, 27. August, meldete sich das Kreisgesundheitsamt bei der Hildenerin, und eine Mitarbeiterin erklärte der völlig verdutzten Frau, dass ihr Kind noch bis zum 1. September in Quarantäne zu bleiben habe. „Neun Tage nach dem Training kommt nun die Information, dass mein Kind in Quarantäne muss – zwei oder drei Tage später kann ich das noch verstehen. Aber nicht neun Tage später...“

Ihr Kind habe sich zwischenzeitlich ganz normal verhalten: Es hat Freunde getroffen und ist natürlich auch in die Schule gegangen. Dort werden die Schüler zweimal wöchentlich getestet. Das letzte Testergebnis des Pooltests lag am Donnerstag vor: Alle Kinder waren negativ, also auch ihr Sohn. Außerdem testen sich die Hildenerin und ihre Familie regelmäßig mit Selbsttests. „Insgesamt fünfmal ist mein Sohn getestet worden, dreimal mit einem PCR-Test.“

Wäre ihr Kind positiv, hätte es in der Zeit zwischen potenzieller Infektion und Quarantäneverfügung eine große Menge anderer Menschen unbewusst anstecken können. „Angesichts von neun Tagen zwischen möglicher Ansteckung und der Quarantäne-Aufforderung durch das Gesundheitsamt wundert mich nicht, dass die Zahlen wieder so stark steigen“, sagt die junge Frau.

„Wenn Gefahr besteht, müssen die potenziell Betroffenen auch zeitnah informiert werden. Das Gesundheitsamt muss mit allen Mitteln dafür sorgen, dass Kontaktpersonen zeitnah über die Gefahr, die von ihnen ausgehen könnte, informiert werden“, fährt sie fort. Dann mache eine Quarantäne in den Augen der Hildenerin auch Sinn. So aber könne sich das Coronavirus ziemlich einfach weiter ausbreiten.

„Das Gesundheitsamt scheint die Sache entweder nicht ernst zu nehmen oder völlig überfordert zu sein.“

Aussage der Mutter

Der Kreis Mettmann kann die Aufregung nicht verstehen: „Wir haben am 21. August mit der Kontaktverfolgung begonnen“, sagt Sprecherin Katharina Krause. Die Liste aller Kontakte des positiv Getesteten lag am 25. August vor. Zwei Tage später seien die Quarantäneverfügungen zugestellt worden. Laut Test- und Quarantäneverordnung hätte der positiv Getestete seine Kontakte informieren sollen, erklärt sie weiter. Diese hätten sich dann in Quarantäne begeben müssen.

„Das ist doch absurd“, sagt die Mutter, die nun wieder im Homeoffice arbeiten und nebenbei ihr Kind im Homeschooling betreuen muss. „Die Eltern des Kindes können doch gar nicht wissen, welche anderen Kinder beim Training waren – sie dürfen nicht mit in die Halle und geben ihr Kind an der Türe vorn ab. Und der Trainer kann lediglich die Kontaktdaten der Teilnehmer zusammenstellen und dann ans Gesundheitsamt weiterleiten – aber er kann die Kinder doch nicht in Quarantäne schicken. Das können nur die Behörden, denn nur sie können einschätzen, ob die Situation in der Sporthalle eine Infektion begünstigt und eine Quarantäne rechtfertigt“, sagt die Frau.

Echte Aufklärung verspricht die Lektüre der Test- und Quarantäneverordnung juristisch unbeholfenen Menschen nicht unbedingt. Im Text der Version vom 19. August steht unter anderem: „Positiv getestete Personen sind gehalten, unverzüglich alle Personen zu unterrichten, zu denen in den letzten vier Tagen vor der Durchführung des Tests oder seit Durchführung des Tests ein enger persönlicher Kontakt bestand. (...) Das Gesundheitsamt entscheidet über das weitere Vorgehen.“ Und: „Über die Quarantäne von Kontaktpersonen, die keine Haushaltsangehörigen (...) sind, entscheidet die örtliche Ordnungsbehörde in Abstimmung mit dem zuständigen Gesundheitsamt.“

Die Hildenerin hat sich mit der Situation arrangiert, ist aber weiterhin fassungslos. „Es ist wichtig, dass wir die Pandemie in den Griff bekommen. Es ist wichtig, dass Kontaktpersonen in Quarantäne kommen. Es ist aber auch wichtig, dass sie schnell darüber informiert werden – und schnell in Quarantäne gehen. Neun Tage sind einfach zu lang“, sagt sie. Erschwerend komme hinzu, dass offenbar nur ihr Kind aus dem Kurs in Quarantäne musste. „Alle anderen Eltern haben meines Wissens bis heute noch keine Quarantäneverfügung zugestellt bekommen. Das Gesundheitsamt scheint die Sache entweder nicht ernst zu nehmen oder völlig überfordert zu sein“, sagt die Mutter. Beides mache ihr angesichts der steigenden Zahlen große Sorgen.

Nachverfolgung

Anfang Januar arbeiteten 200 bis 240 Menschen an der Nachverfolgung und den zugehörigen Verwaltungsvorgängen, erklärte uns der damalige Gesundheitsamtsleiter Rudolf Lange. Aktuell sind es 45. Allerdings sollen weitere Mitarbeiter hinzugezogen werden, teilte der Kreis Mettmann mit.

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