Schuljahr 2021/22

Gesundheitsamt lässt die Schulen warten

An den Schulen werden die Klassen wieder in Präsenz unterrichtet – mit Masken. Foto: Matthias Balk/dpa
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An den Schulen werden die Klassen wieder in Präsenz unterrichtet – mit Masken.

Wuppertal. Feststellung der Kontaktpersonen ist nicht mehr am gleichen Tag möglich.

Von Katharina Rüth

So viel Normalität wie möglich – das war das Ziel von NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) zum Start ins Schuljahr 2021/22. Doch das gelingt nur bedingt, denn an den Schulen werden zahlreiche Infektionen festgestellt. Aktuell sind in Wuppertal 523 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren infiziert, 94 Schulen sind betroffen. Die Menge der Fälle lasse eine tagesaktuelle Bearbeitung der Kontaktpersonenverfolgung nicht mehr zu, so die Stadt. Was auch zu einer Unsicherheit führt, wer in Quarantäne muss und wer nicht.

„Wir haben jeden Tag einen oder zwei positive Tests“, sagt etwa Matthias Flötotto, Leiter des Berufskollegs Werther Brücke, das mit 1500 Schülerinnen und Schülern sehr groß ist. Auch Claus Baermann, Leiter der Gesamtschule Langerfeld, berichtet, dass es „ab dem ersten Tag“ positive Fälle an der Schule gegeben hat. Am vergangenen Montag meldete er insgesamt zwölf betroffene Klassen.

„Die vierte Welle der Pandemie belastet das Gesundheitsamt sehr stark.“

Johannes Slawig, Leiter des städtischen Krisenstabs

An den Schulen gilt weiterhin Maskenpflicht in den Gebäuden, auch im Unterricht. Auf dem Schulhof dagegen dürfen die Schüler die Masken abnehmen. Weiterhin muss in den Klassen alle 20 Minuten gelüftet werden. Luftreinigungsgeräte sind nur in den wenigen Räumen vorgesehen, die schlecht zu lüften sind.

Wichtiges Instrument zur Unterbrechung von Infektionsketten ist die Testpflicht: Zweimal pro Woche beginnen Kinder und Jugendliche ihren Tag mit einem Selbsttest in der Klasse. Geimpfte Schüler müssen sich nicht testen. Schulleiter Claus Baermann hätte sich gewünscht, dass es diese Ausnahme nicht gibt, schließlich könnten auch Geimpfte das Virus übertragen. Zudem verkompliziere das die Organisation: „Jetzt müssen wir Impfnachweise kontrollieren.“

Er berichtet, dass sie beim Testen darauf achten, dass an Gruppentischen nur je zwei weit auseinander sitzende Schüler dafür ihre Masken abnehmen: „Dann haben sie 1,50 Meter Abstand.“ Sie entzerrten auch die Essenszeiten in der Mensa, selbst wenn dadurch Unterricht ausfällt. „Wir können nicht 400 bis 500 Schüler gleichzeitig dort essen lassen“, so der Schulleiter.

Was ihm bei positiven Tests Sorgen bereitet: „Wir bekommen zeitnah keine Rückmeldung vom Gesundheitsamt.“ Der Testablauf funktioniert so: Ist ein Schüler am Morgen positiv, wird er nach Hause geschickt. Er muss beim Hausarzt einen PCR-Test machen. Ist der negativ, kann er zurück an die Schule. Ist der positiv, bekommt das Gesundheitsamt eine Meldung und muss dann mit der Schule klären, welche weiteren Schüler in Quarantäne müssen – nur die Sitznachbarn in der Klasse oder mehr, die direkten Kontakt mit dem positiven Schüler hatten.

Doch bis sich das Gesundheitsamt meldet – „das dauert!“, klagt Baermann. Stadtsprecherin Martina Eckermann bestätigt: „Das geht nicht mehr am gleichen Tag.“ Auch Johannes Slawig, Leiter des städtischen Krisenstabs, erklärte am Mittwoch: „Die vierte Welle der Pandemie belastet das Gesundheitsamt sehr stark. Trotz personeller Verstärkung, vor allem durch Studierende, gelingt es nicht mehr, die erforderlichen Quarantänemaßnahmen und Kontaktnachverfolgungen sicherzustellen.“

Soldaten werden das Gesundheitsamt unterstützen

Daher sei er froh, dass erneut die Bundeswehr die Stadt unterstütze: 30 Soldatinnen und Soldaten werden vom 6. bis 17. September im Gesundheitsamt helfen. Sie kommen vom Panzerbataillon 203 aus Augustdorf. Für die Schulen arbeitet die Stadt außerdem an einer Handlungsanleitung, damit die Schulleiter bei Positivbefunden die ersten Schritte bis zur Beratung durch das Gesundheitsamt selbst einleiten können.

Auch Richard Voß, Leiter der Grundschule am Nützenberg und Mitglied im Leitungsteam der Gewerkschaft GEW, sieht noch Lücken im Testsystem. Die Lolli-Tests an Grundschulen sind zuverlässigere PCR-Tests, die aber im „Pool“ ausgewertet werden, also für die ganze Klasse. Nur bei einem positiven Ergebnis folgen individuelle Tests. Die Schule erhält das positive Ergebnis vom Labor bis zum nächsten Morgen 6 Uhr, dann werden die Eltern informiert, damit sie Lolli-Einzeltests mit ihren Kindern machen, die sie bereits zu Hause haben. Der muss bis 9 Uhr im Briefkasten der Schule sein.

„Für die Eltern ist der Tag gelaufen, denn die Kinder müssen erst in Quarantäne“, sagt Voß. Die endet, wenn Eltern ein negatives Ergebnis auf ihr Handy erhalten – und das Kind nicht neben dem positiven Kind gesessen hat. Auch hier ist das Gesundheitsamt das Nadelöhr. Wobei der Grundschulleiter zu bedenken gibt: „Die Abstandsregeln sind kaum einzuhalten.“ Vielleicht in der Klasse, aber nicht auf dem Schulhof. „Das muss noch mal überlegt werden“, findet er und schränkt ein: „Eine Patentlösung gibt es nicht.“

Für Gabriele Schmitz, Leiterin der Grundschule Birkenhöhe, ist eines ganz wichtig: „Wir sagen den Kindern, dass ein positiver Test nichts Schlimmes ist. Die Kinder sollen keine Angst haben.“ Denn es könne jetzt jeden treffen, das habe auch nichts mit Schuld zu tun. „Das wird jetzt Alltag werden.“

Auch Rüdiger Bein, Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft, erwartet: „Wir werden Corona nicht wegdenken können.“ Er ist einerseits froh, dass es wieder Präsenzunterricht gibt, macht sich aber auch Sorgen über steigende Infektionszahlen. Und fordert ein konsequenteres Vorgehen beim Testen. So hält er etwa Tests am Freitag für wenig sinnvoll – dann sollten die Schüler lieber die Tests mit nach Hause nehmen und sie am Sonntagabend durchführen. Er findet auch, dass Kinder wieder auf dem Schulhof Masken tragen sollten. Und wünscht sich mehr Werbung für die Impfung auch von Kindern, soweit sie zugelassen ist.

Statistik

Infektionen: Es gibt keine eigene Zählung für Schülerinnen und Schüler, sondern nur nach Alter: Die Zahl 523 infizierter Kinder und Jugendliche von sechs bis 18 Jahren ist daher in Bezug auf Schulen ungenau – es gibt Ältere, die noch zur Schule gehen, und Jüngere, die bereits die Schule verlassen haben. 523 Sechs- bis 18-Jährige sind 1,3 Prozent der Altersgruppe und mehr als ein Drittel aller Infizierten.

Kontaktpersonen: Insgesamt 500 Sechs- bis 18-Jährige sind aktuell als Kontaktpersonen in Quarantäne. Was ein Hinweis darauf sein könnte, dass häufig nur die jeweiligen Sitznachbarn in Quarantäne geschickt werden. „Die meisten Schulen nehmen ihr Hygienekonzept sehr ernst“, sagt Martina Eckermann.

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