Ausstellung

Die Geschichte hinter Picassos Bildern

Die Hintergrundinfos von Tatjana Tönsmeyer lassen Picassos Werke – hier „Drei Schafschädel“ aus dem Jahr 1939 – in ganz anderer Dimension erscheinen. 
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Die Hintergrundinfos von Tatjana Tönsmeyer lassen Picassos Werke – hier „Drei Schafschädel“ aus dem Jahr 1939 – in ganz anderer Dimension erscheinen. 

Die Wuppertaler Forscherin Tatjana Tönsmeyer entwickelte das Begleitprogramm für die Schau in Düsseldorf.

Düsseldorf. „Pablo Picasso. Kriegsjahre 1939 bis 1945“ ist der Titel einer außergewöhnlichen Ausstellung in der Kunstsammlung NRW K20 in Düsseldorf. Sie entstand in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Bergischen Universität Wuppertal unter Leitung von Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer.

„Picasso hat großartige Kunstwerke geschaffen. Aber dass er durchaus auch auf seinen Alltag reagiert hat, dass er ihn reflektiert hat, das ist dem Publikum vielleicht nicht so sehr bewusst“, erklärt Tatjana Tönsmeyer. Genau deshalb sprachen die Kuratoren der Ausstellung sie als Historikerin an – und nicht etwa einen Kunstgeschichtler.

Tatjana Tönsmeyer

Picasso arbeitete von 1936 bis 1944 in Paris. Seine Werke aus dieser Zeit spiegeln auch die Welt, in der er lebte. Tönsmeyer zitiert Picasso mit den Worten, er habe „den Krieg nicht direkt gemalt, aber der Krieg habe sicherlich Einfluss auf seine Bilder genommen und die Zusammenhänge herauszuarbeiten, das überlasse er künftigen Generationen von Historikern“.

Warum räumt Picasso einem Heizkörper so viel Platz ein?

Das erklärt die Historikerin an Picassos Bild „La fenêtre“ (Das Fenster) aus dem Jahre 1943: „Es zeigt ein Dachgeschoss, mit offenem Fenster, durch das man nach draußen schaut. Man sieht andere Dächer und es macht von der Farbigkeit klar den Eindruck, dass es ein Sommerbild ist. Dennoch nimmt ein Heizkörper samt seinen Zuleitungen fast ein Viertel des Bildes ein. Als Historikerin frage ich mich dann: Warum malte Picasso einen Heizkörper?“ Und damit beginnt das Einbringen von Erkenntnissen ihrer Forschung. „Der Mangel, von dem ich sprach, betraf nicht nur Lebensmittel. Der betraf auch Medikamente, Wohnungen, er betraf Wasser, Elektrizität und Heizung“, erklärt sie. „Wir wissen außerdem, dass der Winter 1940/41 besonders streng war. Die Schriftstellerin Irène Némirovsky schreibt, dass alte Menschen und Kinder das Bett über Wochen nicht verlassen hätten, weil es der einzige Ort war, wo man nicht gefroren habe.“ Bei dieser Betrachtung bekommt das Bild eine andere Dimension. Das scheinbar banale Motiv der Heizung gibt zeitgeschichtlich betrachtet eine künstlerische Antwort auf den Krieg.

Tönsmeyer und ihr Lehrstuhl haben ein historisches Begleitprogramm zur Ausstellung entwickelt: Studierende und Promovierende bieten historische Führungen an, in denen sie die Zeitkontexte erläutern und aufzeigen, was man in den Bildern noch sehen kann. Zudem hat Tönsmeyer Katalogbeiträge verfasst und eine Lesung organisiert, in der es um die Versorgungsmängel in Europa geht, etwa Tagebucheinträge, aber auch Kochrezepte (was kocht man, wenn es nichts mehr gibt?).

Den Reiz der Kooperation sieht Tönsmeyer vor allem in der Interdisziplinarität: „Fragen verändern sich, wenn man an Wissen und Zugängen des benachbarten Fachs partizipieren kann.“ Ausstellungsbesuchern empfiehlt sie, einen Roman aus der Zeit zu lesen, etwa „Suite francaise“ von Irène Némirovsky – einen Roman über die große Flucht im Sommer 1940 und das Leben in der Provinz (verfilmt 2015). „Picasso zeigt zwar die Hauptstadt, aber Némirovsky zeigt die Besatzung“, so Tönsmeyer.

Die Ausstellung „Pablo Picasso. Kriegsjahre 1939 bis 1945“ läuft noch bis 14. Juni in der Kunstsammlung K20, Grabbeplatz 5, Düsseldorf

kunstsammlung.de

BESATZUNG

ZUR PERSON Tatjana Tönsmeyer forscht seit Jahren zu Besatzungserfahrungen während des Zweiten Weltkriegs. Gerade bereitet sie eine große Quellenedition vor, die die Erfahrungen von Mangel und Hunger im gesamtbesetzten Europa dokumentiert.

BESATZUNGSERFAHRUNG „Es ist gerade in der Bundesrepublik vielen Menschen gar nicht so recht bewusst, was Besatzung für unsere Nachbarn bedeutet hat.“ Hunger prägte in den Kriegsjahren den Alltag fast überall im besetzten Europa. Viele Menschen starben an Unterernährung. „Schon im Herbst/Winter 1940/41“, so die Forscherin, „warnte der Präfekt von Paris vor dem Verzehr von gekochtem Katzenfleisch – weil dadurch Krankheiten übertragen werden können“.

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