Mordprozess in Wuppertal

Fünffache Kindstötung: Gutachten wirft Fragen auf

Verteidiger Thomas Seifert (r.) hatte den psychiatrischen Sachverständigen Thomas Schwarz (l.) als Gutachter im Prozess um die fünf Kindstötungen beauftragt. Dessen Ausführungen blieben für die Kammer teilweise rätselhaft. Foto: Tim Oelbermann
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Verteidiger Thomas Seifert (r.) hatte den psychiatrischen Sachverständigen Thomas Schwarz (l.) als Gutachter im Prozess um die fünf Kindstötungen beauftragt. Dessen Ausführungen blieben für die Kammer teilweise rätselhaft.

Ein Sachverständiger der Verteidigung diagnostizierte im Hasseldelle-Prozess eine Persönlichkeitsstörung bei der Mutter, die fünf ihrer Kinder getötet haben soll.

Von Kristin Dowe

Solingen. Viele Fragezeichen waren in den Gesichtern der Mitglieder der Kammer zu lesen, als im Prozess um eine fünffache Kindstötung in der Hasseldelle im September 2020, der zurzeit vor dem Landgericht Wuppertal läuft, am Montag ein von der Verteidigung beauftragter psychiatrischer Gutachter seinen Vortrag hielt. Einer der drei Verteidiger, der Rechtsanwalt Thomas Seifert, hatte diesen dritten Gutachter beantragt, weil er sich mit der Arbeit der vom Gericht bestellten psychiatrischen Sachverständigen, Prof. Dr. Pedro Faustmann und Prof. Dr. Sabine Nowara, unzufrieden zeigte. Beide haben bislang lediglich ein vorläufiges Gutachten erstellt – ihr eigentlicher Vortrag bei Gericht steht noch aus.

Angeklagt in dem Prozess ist eine 28-jährige Solingerin, die im vergangenen Herbst fünf ihrer sechs Kinder, zwischen einem und acht Jahren alt, erstickt oder in der Badewanne ertränkt haben soll, nachdem diese zuvor mit Medikamenten sediert wurden. Gegenüber den beiden anderen Gutachtern hatte die Angeklagte stets behauptet, dass ein maskierter Mann in ihre Wohnung eingedrungen sei und sie unter Gewaltandrohung zu der Tat gezwungen habe.

„Das habe ich alles schon mal bei Wikipedia gelesen.“

Heribert Kaune-Gebhardt, Staatsanwaltschaft Wuppertal

Dies berichtete nun auch Thomas Schwarz – allerdings war diese Version der Ereignisse mit deutlich mehr Details gespickt als die vorherigen Varianten der Geschichte. So lieferte Schwarz aus den Schilderungen der Angeklagten erstmals eine detaillierte Personenbeschreibung des angeblichen Unbekannten. Dieser soll sie als „Nele“ angesprochen haben – ein Name, unter dem die Beschuldigte vor Jahren offenbar in einem Online-Flirtportal angemeldet war. „Ich werde jetzt dein Leben zerstören, so wie du meins zerstört hast“, soll der Maskierte zu der 28-Jährigen gesagt und sie – nach der Tötung ihrer Kinder – noch sexuell bedrängt haben. Auch die Telefonate und Chat-Nachrichten mit einer Lehrerin des ältesten Sohnes der Familie, mit ihrer Mutter sowie mit ihrem inzwischen geschiedenen Ehemann soll der Unbekannte von der Angeklagten erzwungen haben.

Tatsächlich – dies ist unstrittig – hatte die Solingerin sich nach der Tat mit ihrem ältesten Sohn zum Düsseldorfer Hauptbahnhof begeben, wo sie einen Selbstmordversuch unternahm, indem sie sich vor einen einfahrenden Zug warf. „Der Zug trug die Aufschrift ,Solingen’. Das war für sie ein Zeichen“, gab Schwarz die Worte der Beschuldigten wieder. Letztendlich will die Angeklagte aber versehentlich auf die Gleise gestürzt und nicht gesprungen sein.

Belastbare medizinische Aussagen traf der Sachverständige hingegen kaum und räumte Schwierigkeiten ein, die Verhaltensmuster der Angeklagten zu deuten. „Das ist aus psychologischer Sicht nicht erklärbar – da stehe ich als forensischer Psychiater auf dem Schlauch.“ Konkret bescheinigte er der Angeklagten ein sogenanntes „Medea-Syndrom“. Dies beschreibt das Phänomen, wenn eine Frau mit der Tötung ihrer Kinder ihren intimen Lebenspartner bestrafen will. Schwarz ließ es sich nicht nehmen, der Kammer einen thematischen Exkurs in die griechische Mythologie und das „Goldene Vlies“ zu gewähren, wo die Medea-Geschichte ihren Ursprung hat.

Fünffache Kindstötung in Solingen: Gutachter sieht eingeschränkte Schuldfähigkeit

Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt tat mit Blick auf das von Thomas Schwarz diagnostizierte Medea-Syndrom aber noch eine andere Quelle auf: „Das kam mir alles seltsam bekannt vor. Und zwar habe ich das alles schon bei Wikipedia gelesen.“ Tatsächlich hatte Schwarz offenbar weite Teile des entsprechenden Eintrags aus der Online-Enzyklopädie in seinem Vortrag verarbeitet. Schwarz rechtfertigte sich: „Das Medea-Syndrom ist ein alter Hut.“ Es handele sich lediglich um ein Erklärungsmodell, wenngleich die Verhaltensmuster der Angeklagten, die sich im Gespräch überwiegend ruhig und gefasst gezeigt habe, eher untypisch für dieses Syndrom seien.

In der Gesamtschau kam Thomas Schwarz dennoch zu dem Schluss, dass eine Persönlichkeitsstörung bei der Angeklagten zugrunde liege und sie bei der Tat im Affekt gehandelt haben könnte. Ihre Steuerungsfähigkeit sei eingeschränkt gewesen, was aus seiner Sicht Auswirkungen auf ihre Schuldfähigkeit habe. „Ich war zwischenzeitlich schon fast von ihrer Unschuld überzeugt.“

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. Gerd Meister, einer der drei Verteidiger, bat die Kammer um seine Entpflichtung für das Mandat.

Hintergrund

Beisitzerin: Als Beisitzerin Jutta Schiedel-Krege dem Gutachter mehrere kritische Fragen stellte, forderte Seifert ihre Absetzung mit der Begründung, dass sie befangen sei. Sie fiel im Prozess bislang mit hervorragender Sachkenntnis des Falls auf.

Ermittlung: Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt kündigte an, ein Ermittlungsverfahren gegen Seifert wegen falscher Verdächtigung einleiten zu müssen. Dieser hatte in einem Antrag die Beschlagnahmung der Kontoauszüge des Ehemanns der Angeklagten gefordert, weil er einen Auftragsmord in Erwägung zog. Dafür gebe es laut Kaune-Gebhardt keinerlei Anhaltspunkte.

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